Opern-Uraufführung

Fritz Langs Filmklassiker „M“ wird in Berlin zur Oper

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder ist hochaktuell. Gerade erst startete ein Serien-Remake, jetzt kommt der Stoff auf die Opernbühne.

Der texanische Bariton Moritz Eggert in David Eggerts Oper „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, die unter der Regie von Barrie Kosky Premiere feiert

Der texanische Bariton Moritz Eggert in David Eggerts Oper „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, die unter der Regie von Barrie Kosky Premiere feiert

Foto: Monika Rittershaus

„Aber ich kann doch nichts dafür.“ Der Satz ist legendär, hervorgestoßen von einem Triebtäter, der von einem kriminellen Mob durch die Stadt gehetzt, schließlich gestellt und vor eine Art Volkstribunal gestellt wird, das ihn lynchen will. Ohne erst ein Urteil zu spreche. Es ist die große, bewegende Schlussszene aus Fritz Langs Meisterwerk „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Ein Filmklassiker aus dem Jahr 1931, der bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Der Film verarbeitete seinerzeit den realen Fall des Serienmörders Peter Kürten, auch „Vampir von Düsseldorf“ genannt, dessen Geschichte auf die Metropole Berlin übertragen wurde. Dabei ging es dem Meisterregisseur Fritz Lang aber vor allem darum, die Angstpsychose der Massen aufzuzeigen und wie diese Hysterie populistisch ausgeschlachtet und gesteuert wird.

Ein Bild seiner Zeit und doch ein zeitloser Film

Wenn der Triebtäter am Ende von der organisierten Kriminalität gesucht wird, weil die immensen Polizeiermittlungen deren Geschäfte stört, dann hat Lang damit auch ahnungsvoll das Ende der Weimarer Republik vorweggenommen, wo schon sehr bald Verbrecher an die Macht kommen und systematisch Massenhysterien gegen Minderheiten lenken sollten.

Und im Unterwelt-König des „Schänkers“, mit dem Gustaf Gründgens seine erste große Filmrolle spielte, kann man unschwer ein Sinnbild des späteren Propagandaministers Joseph Goebbels erkennen.

„M“ zeichnete damit ein überscharfes Bild seiner Zeit. Und doch ist es ein ganz zeitloser Film. Nicht nur dank der grandiosen Regie Fritz Langs, der etwa den Ton in diesem frühen Tonfilm nur sporadisch, aber umso effektvoller einsetzte. Unvergessen etwa die Pfeifmelodie auf Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“, mit dem der Mörder schon lange zu hören ist, bevor man ihn sieht. Dann lebt der Film aber vor allem von Peter Lorres verstörender Darstellung dieses Mörders, die man, wenn man sie einmal gesehen hat, nie vergisst.

Lorre ist damit zu Weltruhm gekommen. Und der Film selbst auch. 1994 hat die Stiftung Deutsche Kinemathek eine Umfrage unter Filmsachverständigen gestartet und „M“ zum wichtigsten Werk der deutschen Filmgeschichte gekürt. Und die „Cahiers du Cinéma“ listete den Titel 2008 in ihrer Liste der 100 besten Filme aller Zeiten auf Platz 6: die beste Platzierung für einen deutschen Film.

Der Stoff ist derzeit hochaktuell

Wie aktuell „M“ bis heute ist, belegt seine Wirkungsgeschichte: Erst vor drei Jahren erzählte der Spielfilm „Fritz Lang“, mit Heino Ferch in der Titelrolle, die Entstehung von „M“. Und auf der vergangenen Berlinale wurde im Februar das österreichische Serien-Remake „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ vorgestellt, das kurz darauf als DVD erschien und auf der Streamingseite TV Now abrufbar ist. Das Remake spielt allerdings nicht in den 30er-Jahren, sondern in der Gegenwart. Und nicht in Berlin, sondern in Wien.

Zahlreiche Stars haben dabei mitgewirkt, von Lars Eidinger über Bela B Felsenheimer bis Moritz Bleibtreu, die Figur des „Schänkers“ wird zeitgerecht von einer Frau, Sophie Rois, verkörpert. Und hier wird die Angst nicht nur von der Polizei und einer Sensationspresse angeheizt, sondern vor allem durch einen populistischen Politiker, der die Hysterie für seine Zwecke nutzt und kanalisiert. Auch die Serie ist damit brandaktuell, nach realen Vorbildern muss man dabei nicht lange suchen.

Jetzt wird „M“ sogar zur Oper. Der vielfach preisgekrönte Pianist und Komponist Moritz Eggert hat sie als Auftragswerk für die Komische Oper komponiert, und dort wird sie nun am heutigen Sonntag unter der Regie von Barrie Kosky uraufgeführt. Im Sprechtheater ist es längst gängige Praxis, wirkungsreiche Filme auch auf die Bühne zu hieven. In der Oper ist das noch die absolute Ausnahme. Auch das spricht für die einzigartige Stellung von „M“.

Das Projekt ist schon seit Jahren geplant

Dass die Oper nun so kurz nach dem Serien-Remake herauskommt, ist indes reiner Zufall, wie Ulrich Lenz, der Chefdramaturg der Komischen Oper, betont, der zusammen mit Kosky das Libretto schrieb. Geplant sei die Oper schon seit sieben oder acht Jahren, betont Lenz, habe also auch nichts mit dem jüngsten Interesse an den 20er-, 30er-Jahren zu tun, das durch die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ aufbrandete.

Die Komische Oper beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit dem Berlin dieser Jahre, etwa durch die Wiederaufführungen von Operetten von ins Exil getriebenen und dadurch in Vergessenheit geratenen jüdischen Komponisten. Aber man hat sich auch dezidiert an diesen Filmklassiker wagen wollen. Den auch Lenz für hochaktuell hält: „gerade in der heutigen Zeit, wo Massenhysterie in den sozialen Medien noch mal ganz andere Dimensionen annehmen kann“.

Mit Geräuschen zur Sinfonie der Großstadt verfremdet

Mit der Film-Vertonung beschreitet das Opernhaus an der Behrenstraße einmal ganz neue Wege. Und geht auch ein gewisses Risiko ein. Die Filmhandlung wird dabei größtenteils übernommen. Aber es wird etwas ganz anderes daraus. Denn die Textpassagen werden mit Kinderliedern und Gedichten von Walter Mehring kombiniert.

Der Mörder, der im Film erst spät auftritt, steht hier von Anfang an im Mittelpunkt. Und ist, verkörpert vom texanischen Bariton Scott Hendricks, der einzige Mensch von normaler Statur, während Kinderkomparsen alle anderen Figuren spielen – als geschrumpfte Erwachsene, Zerrbilder einer aus den Fugen geratenen Welt.

Eine immense Herausforderung für den Kinderchor der Komischen Oper. Denn Eggert hat hier den wohl größten Part für einen Kinderchor in der gesamten Musiktheaterliteratur geschrieben. Und auch sonst ist seine Oper ein wagemutiger Grenzgang: weil Musik hier mit elektronisch verstärkten und verfremdeten Klängen zu einem ohrenbetäubenden Stadt-Klangbild anschwillt. Wobei durchaus offen bleibt, ob das Bühnengeschehen wirklich passiert oder ob das nicht nur Wahnvorstellungen sind. Was ja auch ein sehr verstörendes Ende ist.

Auch in der Oper erklingt, wie schon im Film und noch exzessiver in der Serie, „In der Halle des Bergkönigs“ in zahlreichen Variationen. Griegs Melodie kann man nicht mehr hören, ohne automatisch an „M“ denken zu müssen.