Neues Buch

Als in Berlin der Teufel los war

Ein neues Buch gibt Einblick in die Berliner Unterwelt der 20-er Jahre und zeigt dabei Parallelen zur heutigen Clan-Kriminalität.

Bei einem Maskenball des Sparvereins „Südost“ ging es ausgelassen zu und für manch einen endete die Veranstaltung mit einem blauen Auge.

Bei einem Maskenball des Sparvereins „Südost“ ging es ausgelassen zu und für manch einen endete die Veranstaltung mit einem blauen Auge.

Foto: Polizeihistorische Sammlung, Berlin

Berlin. Sie hießen „Immertreu“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“, „Hand in Hand“. Namen, die tiefe Verbundenheit und Freundschaft ausdrücken. Wer dazugehörte, der wurde beschützt, der hatte ein Zuhause. Wer draußen war, der allerdings wurde schnell zum Gegner. Die 20er-Jahre waren die Zeit der Ringvereine in Berlin.

Gemeint sind nicht Clubs, in denen Kraftsport ausgeübt wurde, sondern gemeint ist der Zusammenschluss, Ring, verschiedener Kriminellen-Vereine. Sie waren Anlaufstelle für Männer, die aus dem Gefängnis kamen. Wer aus der Haft entlassen wurde, fiel in den 20er-Jahren durchs Raster. Jobs und Wohnungen waren für die ehemaligen Häftlinge in der ohnehin überfüllten Großstadt kaum zu finden, das bürgerliche Leben in weite Ferne gerückt.

Die erste, 1890 in Berlin gegründete Organisation dieser Art hieß daher auch „Reichsverein ehemaliger Strafgefangener“. Ihr Anspruch war durchaus ehrenhaft: die Unterstützung der Männer bei dem Versuch, wieder Fuß zu fassen. Der Eintritt in den Ringverein war ein Eintritt in eine Parallelwelt.

Zum Vereinsleben gehörten eine ordentliche Satzung und Aufnahmerituale

Doch das Fußfassen hatte einen sehr eigenen Charakter. Es bedeutete kaum eine Rückkehr ins Gesellschafts- und Arbeitsleben der Oberwelt, sondern der Eintritt in einen Ringverein war meist auch der Eintritt in die Unterwelt. Sehr anschaulich beschreibt dies Regina Stürickow in ihrem neuen Buch „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“, das auch zahlreiche Fotodokumente zeigt.

Die dunklen Seiten Berlins sind es, die die Historikerin immer wieder faszinieren, hat sie sich doch in ihren früheren Büchern auch schon von den größten Verbrechen und Skandalen der Stadt im 20. Jahrhundert erzählt. Nun also hat sie sich die Ringvereine vorgenommen. Sie stellt das Vereinsleben mit ordentlicher Satzung, Siegelring, Aufnahmeritualen und Ausflügen dar, aber auch mit Trinkgelagen, Prügeleien und kriminellen Aktivitäten.

Immerhin hatten die Vereinsmitglieder doch alle Erfahrungen in Einbrüchen, Geldschrankknacken, Schutzgelderpressung, Hehlerei oder Zuhälterei. Allerdings kam in die Ringvereine nicht jeder, wie Stürickow recherchiert hat. „Mörder und Sittlichkeitsverbrecher werden nicht aufgenommen – nur anständige Gauner“, schreibt sie. So zumindest lautete oft der Anspruch.

Und zur Anständigkeit gehörte es auch, regelmäßig die Sitzungen zu besuchen, sich dort gesittet zu verhalten und nicht alkoholisiert herumzupöbeln, und seinen Vereinsbeitrag zu leisten. Beim „Geselligkeits-Club Immertreu“ lag der immerhin bei einer Mark wöchentlich. Die Welt oben hat von dem unterweltlerischen Vereinsleben lange wenig gewusst.

Silvester 1928 kam es zu einer Massenschlägerei zwischen Ringvereinen und Zimmerleuten

Erst Ende der 20er-Jahre kam es ans Tageslicht, nachdem es kurz vor Silvester 1928 in Friedrichshain über mehrere Tage zu einer Massenschlägerei zwischen den zwei Ringvereinen „Immertreu“ und dem „Männergesangsverein Norden“ auf der einen und Zimmerleuten aus Hamburg auf der anderen Seite gekommen war. Eine geklaute schwarze Samtjacke, Alkohol und Messer gehörten auch zum Setting.

Berlin war zu dieser Zeit ja keineswegs arm an Nachtleben und Verbrechen, vieles war da gar nicht eine Erwähnung wert. Aber dieses Ereignis, bei dem es schließlich zwei Tote und unzählige Verletzte gab, sorgte dann doch für Aufsehen.

„Am 29. Dezember 1928 war in der Breslauer Straße (heute: Straße Am Ostbahnhof) der Teufel los“, hieß es in der Berliner Illustrirten Zeitung, und sogar in die New Yorker Presse schaffte es die Massenschlägerei.

Der Begriff des „zünftigen Verbrechers“ geisterte durch die Zeitungen Auf einmal redete und schrieb man über die Ringvereine, von denen es in den 20er-Jahren fast 60 gab mit insgesamt etwa 1600 Mitgliedern, Ringbrüdern. Und weil man anfangs noch so wenig wusste, wurden die Berichte mit viel Sozialromantik ausgeschmückt.

Manche Mitglieder wurden als Robin Hood betrachtet

Teils wurden die Vereinsmitglieder eher als Robin Hood, statt als Verbrecher gesehen. Der Begriff des „zünftigen Verbrechers“ geisterte durch die Zeitungen. Leuten wie Adolf Leib, dem Vorsitzenden von „Immertreu“, wurde viel Bewunderung zuteil, was sich auch in seinem Spitznamen „Muskel-Adolf“ ausdrückte und darin, dass er Fritz Lang für seinen Film „M“ als Quelle diente. Bis zu seiner Verhaftung 1934 verhalf er seinem Verein zu - wenn auch etwas zweifelhaften - Ansehen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Ringvereine aufgelöst, ihre Anführer als Berufsverbrecher verurteilt, viele verschwanden in Konzentrationslagern, wohl auch Adolf Leib, sein Verbleib ist bis heute unbekannt. Nach dem Krieg gab es nur noch ein kurzes Wiederaufleben der Ringvereine in den 50er-Jahren mit Protagonisten wie Brillanten-Willi, Polen-Herbert und Gurken-Paule.

Es ist eine spannende Welt, an die die Historikerin Regina Stürickow hier erinnert. Und es ist zugleich eine Welt, die Parallelen zu Verbrecherstrukturen heute aufweist. Berlins Clan-Kriminalität, die erst in jüngster Zeit verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist, erinnert stark an die Ringvereine der 20er-Jahre. Schon die Grundlagen solcher Parallelwelten scheinen vergleichbar.

Integrationsmaßnahmen gab es damals noch nicht

Wer in den 20er-Jahren kriminell wurde, der hatte in der Gesellschaft nichts mehr verloren. Integrationsmaßnahmen gab es noch nicht. Auch heute spielen gescheiterte Integrationsmaßnahmen durchaus eine Rolle. Clans wie Ringvereine sind eine geschlossene Gruppe mit eigenen Gesetzen.

Und weil Kriminalität gut organisiert sein will und ihr Erfolg vom Dichthalten der Beteiligten lebt, gab und gibt es einen strengen Ehrenkodex und großen Zusammenhalt. Wer dagegen im Clan verstößt, muss um sein Leben bangen. Auch im Ringverein war Verrat das schlimmste Vergehen, sonst bekam man es wohl mit „Muskel-Adolf“ und seinen Schergen zu tun.

Regina Stürickow: „Pistolen-Franz & Muskel-Adolf“, Elsengold-Verlag, 26 Euro. Am Freitag, 22. März, um 19 Uhr liest Regina Stürickow im Elsengold-Verlag, Asternplatz 3, Lichterfelde, aus dem Buch. Eine weitere Lesung findet am Donnerstag, 28. März, um 19 Uhr im Kriminalgericht in der Turmstraße 91 in Moabit statt. Anmeldung erforderlich unter info@elsengold.de.