Zwei Jungen verschwinden, zwei Familien erleben den Ausnahmezustand – und lange bleibt unbegreiflich, wie ein Täter gleich zweimal unbemerkt zuschlagen konnte. Der Mord an Elias und Mohamed erschüttert 2015 ganz Deutschland und lässt viele Eltern fassungslos zurück. Erst später zeigt sich, wie geplant und grausam Silvio S. vorging – und weshalb ausgerechnet seine eigene Mutter für die Ermittler zur Schlüsselfigur wird. In unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ blicken wir auf den Fall zurück.
Potsdam am 8. Juli 2015: Der sechsjährige Elias verschwindet beim Spielen in der Nähe der elterlichen Wohnung spurlos. Die Polizei, Angehörige und hunderte Freiwillige machen sich auf die Suche nach dem Jungen. Noch ist die Hoffnung groß, das Kind lebend zu finden. Straßen, Parks und Wiesen werden durchkämmt, ein Großaufgebot kontrolliert Mülltonnen, Gullys, Schächte und Kleidercontainer – vergebens.
Knapp drei Monate später verschwindet erneut ein Junge. Der vierjährige Mohamed fällt in einem unbeaufsichtigten Moment auf dem Gelände einer Berliner Behörde seinem Entführer in die Hände.
Hinweis: Teils verstörende Inhalte
Dieser Artikel behandelt einen realen Kriminalfall. Die Schilderungen enthalten teils verstörende Details zu den Taten und Ermittlungen, die emotional belastend wirken können.
Beide Namen sind seit dem Sommer 2015 untrennbar miteinander verbunden: Elias und Mohamed. Der Fall erschüttert Deutschland und rührt an den Urängsten von Eltern. Wie konnte der Doppelmörder Silvio S. in kürzester Zeit gleich zweimal in Berlin und Brandenburg zuschlagen? Im späteren Prozess offenbaren sich die beunruhigenden Details zu einem der aufwühlendsten True-Crime-Fälle Berlins.
Mord an Elias und Mohamed: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Kinder-Doppelmord an Elias (6) und Mohamed (4) |
| Tatzeit | Sommer und Herbst 2015 |
| Tatort | Potsdam und Lageso-Gelände in Berlin (Entführungen); Potsdamer Stadtgebiet und elterliche Wohnung im brandenburgischen Kaltenborn (Ermordungen); Schrebergarten in Luckenwalde und Täter-Pkw (Leichenfunde) |
| Status | Geklärt, Lebenslange Haft für Silvio S. (Landgericht Potsdam 2016) |
| Besonderheit | Der Täter Silvio S. wurde von seiner Mutter auf Fahndungsfotos erkannt. Sie lieferte den Ermittlern entscheidende Hinweise, die zu seiner Festnahme führten |
True Crime Berlin: Silvio S. „übte“ Missbrauch an Puppen
Was bleibt, zehn Jahre nach einem Kriminalfall, der die Öffentlichkeit beschäftigte wie wenige andere? Am Ende vielleicht nur die Erinnerung an Elias und Mohamed, die im Kindesalter ermordet wurden – und die Erleichterung, dass der Täter gefasst ist und seine Strafe verbüßt. Die ganze Grausamkeit des Falls offenbarte sich erst im Prozess, in dem Silvio S. lange Zeit schwieg, und es am Gericht lag, Ermittlungsergebnisse, Indizien und Beweise wie in einem kleinteiligen Puzzle zu einem erschreckenden Gesamtbild zusammenzufügen.
Auf der einen Seite stehen die nach Antworten suchenden Angehörigen. Auf der anderen Seite der Täter: der Wachschützer Silvio S. aus dem brandenburgischen 80-Einwohner-Dorf Kaltenborn. Ein Einzelgänger, der sich in der Videothek in der nahen Kleinstadt Jüterbog gerne Hardcore-Pornos auslieh, bei seinen Eltern lebte und in seinem Heimatort „Berti“ gerufen wurde – nach der pedantischen Hauptfigur aus der Kindersendung „Sesamstraße“. Im Prozess wurde rasch klar: Er hatte die Taten minutiös vorbereitet – auch wenn bei der eigentlichen Ausführung wohl viele Zufälle zusammenspielten.

An Kinderpuppen soll Silvio S. laut den Gerichtsakten den sexuellen Missbrauch geübt und seine Aktivitäten 2014 mit einer Nachtsicht-Kamera festgehalten haben. Die Polizei fand bei ihm Notizzettel, auf denen davon die Rede war, Kinder zu fesseln und zu knebeln. In seinem Auto wurde eine Tasche voll mit Gummibärchentüten, Plüschtieren, einer schwarzen Gesichtsmaske, Handfesseln und einer Flasche Chloroform sichergestellt – Hilfsmittel für die Kindesentführung. Die Tat war vorbereitet, nun musste Silvio S. ein hilfloses Opfer finden.
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Potsdam im Ausnahmezustand: Verzweifelte Suche nach Elias
Rückblick auf den 8. Juli 2015, einen Mittwoch: Der sechsjährige Elias will im Potsdamer Stadtteil Schlaatz zu einem Spielplatz gehen. Am späten Nachmittag verabschiedet er sich von seiner Mutter. Als es Zeit für das Abendbrot ist, findet sie ihn nicht und meldet das der Polizei. Die Suche läuft sofort an und dauert die ganze Nacht. Suchhunde und ein Hubschrauber sind im Einsatz. Die Nachricht über das Verschwinden des Jungen wird über Facebook verbreitet. Etliche Freiwillige durchkämmen mit Taschenlampen und Handylichtern die Gegend. Hunderte Nachbarn werden befragt.
Der Vermisstenfall versetzt Potsdam in Ausnahmezustand: Die Hoffnung, den Jungen wohlbehalten zu finden, mobilisiert die ganze Stadt. Einige Tage später startet die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ einen Suchaufruf. Zahlreiche Hinweise gehen ein – wieder ohne konkrete Spur. Lediglich eine Information zu einem dunklen Fahrzeug und ein anonymer, handgeschriebener Beileidsbrief an die Mutter, sind beunruhigende Anhaltspunkte für die Ermittler. Was nur der Täter wissen kann: Zu diesem Zeitpunkt ist Elias bereits nicht mehr am Leben.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Mordfall Elias und Mohamed: Ermittlungen führten ins Nichts
Am 2. Oktober 2015 schlägt Silvio S. erneut zu: Mitten in Berlin verschwindet der vier Jahre alte Flüchtlingsjunge Mohamed auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso), während sich seine Mutter in der Nähe aufhält. Sie hatte ihren Sohn auf dem überfüllten Gelände aus den Augen verloren – Zeit genug für Silvio S., sich dem Vierjährigen zu nähern. Als die Mutter das Verschwinden bemerkt und sich Hilfe suchend an Sicherheitskräfte wendet, hat Mohamed das Lageso-Gelände bereits verlassen. An der Hand seines Entführers.
Anders als in Potsdam liefen die Ermittlungsarbeiten in Berlin schleppend an. Anfangs wurde vermutet, Mohamed habe sich auf dem verwinkelten Gelände verirrt. Am Tag nach der Entführung habe man „nicht zweifelsfrei“ feststellen können, „ob es sich tatsächlich um einen Vermisstenfall oder vielmehr um Familienstreitigkeiten handelte“, heißt es in den Ermittlungsakten. Die Ermittler prüften auch, ob die Mutter das Verschwinden des Jungen womöglich inszenierte, um einer Abschiebung zu entgehen – ein schwer zu verkraftender Vorwurf.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Mordfall Elias und Mohamed: Mutter von Silvio S. lieferte Hinweis zur Festnahme
Sechs Tage nach der Entführung identifizierte die Polizei auf Videoaufnahmen einer Überwachungskamera Mohamed, der mit einem Teddy, der nicht ihm gehörte, an der Seite eines fremden Mannes das Lageso-Gelände verließ. Noch bessere Qualität lieferte die Überwachungskamera-Aufnahmen einer nahegelegenen Kneipe. Die Bilder wurden veröffentlicht, mehr als 350 Hinweise gingen ein – und einer schien besonders vielversprechend und brisant: Er stammte von der Mutter von Silvio S., die ihren Sohn auf dem Fahndungsfoto erkannt hatte, zuerst ihren Sohn zur Rede stellen wollte und dann die Ermittler verständigte.
Am 29. Oktober 2015 machten sich die Beamten zur Befragung der Mutter auf den Weg ins südbrandenburgische Kaltenborn. Zur gleichen Zeit fuhr Silvio S. mit seinem Wagen vor. Die überraschten Polizisten schritten zur Festnahme. Silvio S. leistete keinen Widerstand und gab sofort zu, dass sich Mohameds Leiche im Kofferraum befand. Das tote Kind lag in einer Wanne, bedeckt mit Katzenstreu. Bei weiteren Vernehmungen gab Silvio S. auch die Tötung des seit 117 Tagen gesuchten Elias zu. Ihn habe er in seinem Schrebergarten im brandenburgischen Luckenwalde vergraben – wo der Leichnam gefunden wurde.

Mordfall Elias und Mohamed: So grausam Silvio S. vor
Zwei Kinderleichen, zwei Geständnisse. Mehr als 12.000 Seiten Ermittlungsakten und an die 1000 Spuren. Die Beweislast im Prozess gegen Silvio S., der 2016 vor dem Landgericht Potsdam begann, war erdrückend. Nur allzu deutlich wurde dabei auch, welche Todesängste und Qualen Elias und Mohamed in ihren letzten Stunden durchleiden mussten. Das belegte das Folterarsenal, das Silvio S. in seiner verwahrlosten Wohnung angesammelt hatte sowie auch rechtsmedizinische Gutachten und Aufnahmen, die der Täter mit seinem Handy gemacht hatte. Und doch bleiben bis heute viele Fragen offen. Vor allem zum Mord an Elias, über den Silvio S. auf Raten seines Anwalts seit zehn Jahren konsequent schweigt.
Klar ist, dass Silvio S. den Jungen am 8. Juli 2015 in seinen Pkw lockte. Die Staatsanwaltschaft legte dar, dass S. mit der Absicht losgefahren sei, Elias sexuell zu missbrauchen. Dafür soll er ihm ein Schlafmittel verabreicht und ihn geknebelt haben. Als sich das Kind wehrte, hat er es erwürgt.
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Silvio S. gestand, Mohamed mit einem Teddy angelockt zu haben. In seiner Wohnung im Obergeschoss des Elternhauses in Kaltenborn kam es zum Missbrauch. Als der Vierjährige laut nach seiner Mutter schrie und permanent „gequengelt und gemault“ habe, habe er ihn schließlich getötet – aus Angst, von seinen Eltern entdeckt zu werden. Mohamed wurde gewürgt, mit Chloroform getränkten Lappen betäubt, an Händen und Füssen gefesselt und schließlich mit einem Gürtel erdrosselt.
Offen bleibt, ob Silvio S. noch mehr Kinder ermordet haben könnte, was er seit der Festnahme bestreitet. Die Ermittler fanden in der Wohnung und im Auto von S. jedoch Spuren von insgesamt acht Personen, die weder ihm noch den beiden Mordopfern Elias oder Mohamed zugeordnet werden konnten. Das DNA-Material wurde an den unterschiedlichsten Gegenständen sichergestellt, die sich im Besitz von Silvio S. befanden, zum Beispiel an einem schwarzen Gürtel, an einem Kinderslip, an einer Totenschädelmaske und an einem Kinder-Kuscheltier. Außerdem wurden diverse Schnappschüsse von Kindern auf seinem Handy sichergestellt, ebenso Namenslisten. Indizien, dass der Fall Silvio S. noch nicht „ausermittelt“ sein könnte. Bis heute wurden aber keine weiteren Tatzusammenhänge nachgewiesen.

Mordfall Elias und Mohamed: Lebenslange Haft – Kommt Silvio S. wieder frei?
Für die Morde an Elias und Mohamed wurde Silvio S. zur Höchststrafe verurteilt. Das Landgericht Potsdam verhängte in seinem Urteil am 26. Juli 2016 lebenslange Haft und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. „Sie haben zwei Kinder entführt, ihrer Freiheit beraubt, sexuell missbraucht und nach unserer Erkenntnis vorsätzlich getötet, um die vorausgegangenen Straftaten zu verdecken“, begründete der Richter damals das Urteil. Und: „Sie haben alles seit Langem geplant.“ Darin sieht das Gericht die besondere Schwere der Tat begründet.
Lebenslange Haft
Eine lebenslange Freiheitsstrafe bedeutet in Deutschland nicht automatisch, dass man bis zum Lebensende im Gefängnis bleibt. Es gibt eine Mindestverbüßungsdauer, die in der Regel 15 Jahre beträgt, aber auch auf 20 oder 25 Jahre festgelegt werden kann – insbesondere bei besonderer Schwere der Schuld. Nach Verbüßung der Mindestdauer kann eine Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung beantragt werden, wenn keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr besteht.
Ein Gutachter hatte Silvio S. für schuldfähig erklärt; er habe zwar eine Persönlichkeitsstörung, diese sei aber „korrigierbar“. Auch sei S. nicht pädophil. Zu seinen Opfern seien die beiden Jungen geworden, weil sie wehrlos waren. Weil bei ihm nicht davon ausgegangen werden könne, dass er rückfällig werde, sprach sich die Kammer gegen eine Sicherungsverwahrung aus – die Staatsanwaltschaft hatte eine solche gefordert. Es folgten Revision, ein neuer Prozess 2019 – und wieder scheitere die Potsdamer Staatsanwaltschaft mit dem Ziel der sofortigen Sicherungsverwahrung. Wegen der festgestellten Schwere der Schuld ist eine vorzeitige Haftentlassung für Silvio S. dennoch erschwert.








