Manchmal stößt man durch Zufall genau zur richtigen Zeit auf den richtigen Impuls. Ein Beispiel: Kürzlich habe ich ein Interview mit der Psychologin Kari Leibowitz gelesen. Es ging um den „Winterblues“ und darum, was wir von Menschen in Skandinavien lernen können, deren Winter mit noch mehr Dunkelheit verbunden ist, als es bei uns der Fall ist. Ihre Antwort war simpel: Die Skandinavier, sagte sie dem „Spiegel“, verstehen den Winter als Auszeit, um sich zu regenerieren, während bei uns weiterhin Produktivität und Wachstum im Fokus stehen. „Der Winter sollte aber auch für uns eine Zeit der Entschleunigung sein. Wir sollten es langsamer angehen lassen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben“, so Leibowitz.

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Die Psychologin bezog das auf den Alltag, den Job und unser Leben insgesamt, es lässt sich aber auch auf den Sport übertragen. Jetzt ist nicht die Zeit, in der man Höchstleistungen erbringen muss, sondern Zeit, um ein wenig herunterzuschalten. Um mal das Training ausfallen zu lassen und stattdessen auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein zu trinken, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Und um bei einem Lauf mitzumachen, ohne das Ziel zu verfolgen, möglichst schnell zu rennen, sondern einfach mit dem Plan, ein paar gute Stunden zu verbringen.
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Laufen in Berlin: Weltrekordversuch um den Schlachtensee
Die passende Gelegenheit dazu gab es am vergangenen Wochenende: In Michendorf liefen rund Tausend Männer, Frauen und Kinder durch die Straßen – verkleidet als Nikoläuse, denn das war die Teilnahmevoraussetzung. Und in Berlin drehten Läuferinnen und Läufer beim Nikolauslauf ihre Runden um den Schlachtensee. Hier waren längst nicht alle, aber immerhin manche weihnachtlich angezogen, mit roter Zipfelmütze oder buntem Tannenbaum-Hut auf dem Kopf. Ein Teilnehmer im kompletten Weihnachtsmann-Kostüm, der zugegebenermaßen nicht so ganz die Strategie des entspannten Laufens verfolgte, hat den Berliner Nikolauslauf dafür genutzt, einen Guinness-Weltrekord-Versuch zu starten. Die Kategorie: „schnellster Halbmarathon verkleidet als Santa Claus“. Die offizielle Bestätigung, ob es geklappt hat, steht noch aus.
Die Bedingungen bei dem Lauf sprachen allerdings eher für unsere Taktik, es ruhiger angehen zu lassen. Vor allem in der ersten Runde war die Strecke voll, schnelle Starter versuchten mit ihren „Achtung, von links!“-Rufen mal mehr, mal weniger erfolgreich, für eine freie Bahn zu sorgen. Hätte ich versucht, eine bestimmte Zielzeit zu erreichen, hätte mich die Enge auf dem Weg wahrscheinlich gestresst. So habe ich mir waghalsige Überholversuche gespart.
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Die Uhr ignorieren, dafür die Aussicht genießen und Spekulatius essen
Ohnehin war meine Laufuhr, die mir einen Hinweis auf die verstrichene Zeit und das aktuelle Tempo hätte geben können, von diversen Kleidungsschichten bedeckt – am Samstag war das aktuelle frühlingshafte Wetter noch nicht spürbar. Die Uhr bewusst unter der Kleidung zu tragen, ist etwas, das ich im Winter gern mache. Habe ich die Zahlen im Blickfeld, lasse ich mich oft dazu verleiten, häufig zu prüfen, wie es um Puls und Geschwindigkeit steht.
Gerade in Phasen, in denen die Daten weniger wichtig sind, tut es deshalb auch mal gut, sie bewusst zur Seite zu schieben und einfach zu laufen. Oder, wie am vergangenen Wochenende: statt ein bestimmtes Tempo zu verfolgen lieber die Aussicht über den Schlachtensee zu genießen, am Verpflegungspunkt zu stoppen und Spekulatius zu essen oder rund um die Fischerhütte die ausgestreckten Hände von Kindern abzuklatschen.
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Der Berliner Nikolauslauf war außerdem eine gute Erinnerung daran, dass sich die kleineren Veranstaltungen lohnen (und selbst die, die inzwischen im Voraus ausgebucht sind). Dort gibt es vielleicht keine rekordverdächtigen Strecken, wenn man nicht gerade als verkleideter Weihnachtsmann unterwegs ist, dafür aber auch weniger Wettkampfdruck und Hektik und etwas mehr Gelassenheit. Genau passend also für den Winter, die Zeit der Entschleunigung. In der es nicht um Bestleistungen gehen muss, sondern ums Regenerieren und Krafttanken für den nächsten Frühling.







