Als im März dieses Jahres Schüsse auf gleich zwei Filialen der bekannten türkischen Supermarktkette „Eurogida“ abgegeben wurden, waren die üblichen Spekulationen schnell in der Welt: Organisierte Kriminalität, Bandenkrieg, Schutzgelderpressung im großen Stil. Und auch wenn ein Funken Wahrheit in diesen Vermutungen stecken mag, ist die Realität hinter den zerschossenen Fensterscheiben in Spandau und Wilmersdorf doch um einiges skurriler als anfangs angenommen.

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Denn begangen haben soll die Erpressungstaten eine Gruppe junger, unbedarfter türkischer Männer, die angeblich unter den Fittichen eines mysteriösen Mittelsmanns standen. Was wie eine Räuberpistole oder eine Berliner Form von „Oliver Twist“ klingt, beschäftigt derzeit das Landgericht. Seit Montag sitzt hier der 20-jährige Alican C. vor einer Jugendkammer auf der Anklagebank, der kleinste „Fisch“ der Bande, die sich nach den Figuren aus den „Lucky Luke“-Comics „Die Daltons“ nannte.

Angeklagter wurde Teil einer Gruppe namens „Die Daltons“

Die Staatsanwaltschaft wirft Alican C. versuchte besonders schwere räuberische Erpressung, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Waffengesetz vor. Der 20-Jährige, der für die Schüsse an der Breiten Straße und der Bundesallee verantwortlich ist, hofft im Gegenzug für sein Geständnis auf eine Jugendstrafe auf Bewährung. Seit April sitzt er in Untersuchungshaft, gegen drei seiner älteren Komplizen wird gesondert verhandelt.

Am Montag gab C. an, 2022 als Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland gekommen zu sein. Der Sunnyboy mit der modischen Lockenfrisur ist eigenen Angaben zufolge erst Anfang dieses Jahres auf Einladung eines Freundes nach Berlin gezogen. Dort habe er mit sechs weiteren jungen Männern in einer Wohnung in Spandau gewohnt. Ein Mittelsmann namens Ahmet D. habe der Gruppe dieses Dach über dem Kopf organisiert und sie mit Drogen versorgt.

„Ich habe täglich konsumiert“, so C. Neben Alkohol auch Kokain und Marihuana. Eine Gegenleistung habe er nie erbringen müssen – bis zu dem Tag, an dem ihm eine Waffe gegeben worden sei, um auf die Scheiben der beiden „Eurogida“-Märke zu schießen. Als sich keine Kunden mehr dort befanden, wohlgemerkt. Hierfür seien ihm außerdem 1000 Euro versprochen worden. Anfangs habe C. dabei nicht gewusst, warum er habe schießen müssen, behauptet er: „Es war einmalig und wird nicht mehr vorkommen“.

„Die Daltons“ bedrohten die Familien von Supermarkt-Mitarbeitern

Die Staatsanwaltschaft ist hingegen davon überzeugt, dass Mitglieder der „Daltons“ beschlossen hatten, leitende Mitarbeiter der Berliner Supermarktkette durch die Androhung erheblicher Gewalttaten zu erpressen. Immer wieder hätten die Mittäter des 20-jährigen C. ihre Opfer angerufen und Zahlungen von 250.000 bis 500.000 Euro verlangt. Es handele sich um „Schutzzölle“.

Andernfalls drohten sie damit, mehrere Marktfilialen zu sprengen und einem Filialleiter in die Füße zu schießen. Außerdem gaben sie an, die Familien der Angestellten brutal töten zu wollen. Zu einer Geldübergabe ist es trotz der Schüsse und der kriminellen Drohanrufe allerdings nie gekommen. Vorher schlug die Polizei zu.

Unklar ist, inwiefern „Die Daltons“ als unterste Rädchen tatsächlich in Berlins organisierte Kriminalität eingebunden sind. Innerhalb des Prozesses war von einem Boss namens „Der Schmetterling“ die Rede, der wiederum dem skrupellosen Mittelsmann D. vorstehen soll. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.