Sexualmorde

Elias und Mohamed: „Der extremste Fall seit Jahrzehnten“

Was treibt Serienmörder zu ihren Taten? Warum werden sie nicht früher gefasst? Kriminologe Rudolf Egg über Sexualmorde an Kindern.

Kriminologe Rudolf Egg: Dass ein einzelner Täter innerhalb weniger Monate gleich zwei Opfer auf diese Weise tötet, gab es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr“

Kriminologe Rudolf Egg: Dass ein einzelner Täter innerhalb weniger Monate gleich zwei Opfer auf diese Weise tötet, gab es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr“

Foto: dpa Picture-Alliance / Kriminologische Zentralstelle / picture alliance / dpa

Was treibt Sexualmörder an, wie häufig passieren solche Taten? Kriminalpsychologe Rudolf Egg, 67, leitete bis 2014 die Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder in Wiesbaden, die kriminologische Erkenntnisse für Wissenschaft, Justiz und Verwaltung aufarbeitet. Das Interview führte Uta Keseling.

Berliner Morgenpost: Als Kriminologe und Gutachter – was ging ihnen durch den Kopf, als sie vom Fall der getöteten Jungen Mohamed und Elias erfuhren?

Rudolf Egg: Dass ein Kind entführt, sexuell missbraucht und dann ermordet wird, ist an sich schon fürchterlich. Dass ein einzelner Täter innerhalb weniger Monate gleich zwei Opfer auf diese Weise tötet, gab es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wie kann es sein, dass ein mutmaßlicher Täter so lange unerkannt bleibt?

Nein, das denke ich nicht. Natürlich kann man den Mann im Nachhinein beschreiben. Er war ein Sonderling, lebte mit 32 Jahren noch bei den Eltern, hatte keine Freunde, offenbar keine Frau. Aber solche Menschen gibt es viele, und die allerwenigsten werden zum Mörder.

Seine Tat hat jedoch etwas Typisches.

Sein Wunsch war offenbar, einen kleinen Jungen zu haben, um diesen zu missbrauchen. Ich sehe ihn als Mann mit pädosexueller Veranlagung. Ob er auch homosexuell ist, lässt sich daraus nicht ableiten, denn es gibt auch Männer, die sich sowohl zu Jungen wie zu Mädchen hingezogen fühlen.

Warum hat er die Kinder getötet?

Möglicherweise ging sein Plan über den Wunsch nach Kontrolle und sexuellem Missbrauch nicht hinaus. Er wusste möglicherweise auch nicht, wie sich ein Kind überhaupt verhält, also, dass es weint und zu seiner Mutter will. Das hat ihn wahrscheinlich ratlos gemacht. Er befürchtete vielleicht, verraten zu werden, also hat er die Kinder getötet.

Wie erklärt es sich dann, dass der Täter ein zweites Opfer entführt und getötet hat?

Das ist in der Tat ungewöhnlich. Nach dem ersten Mal hätte er ja wissen müssen, dass das Kind nicht bei ihm bleiben will, dass es weint und sich wehrt. Warum er es dann ein zweites Mal versucht hat, kann ich nicht sagen, das werden die Ermittlungen ergeben. Mir fällt kein vergleichbarer Fall dazu ein.

Muss man davon ausgehen, dass es noch mehr Opfer gibt?

Der festgenommene Tatverdächtige ist, soweit man weiß, bisher juristisch nicht aufgefallen. Wenn jemand zwei Kinder getötet hat, wäre es jedoch denkbar, dass es weitere Opfer gibt. Wenn man ihn nicht gefasst hätte, hätte er sich durchaus weitere Opfer suchen können.

Kennen Sie solche Fälle aus der Vergangenheit?

In den 60er- und 70er-Jahren jedoch gab es zwei schreckliche Fälle, die viel Aufmerksamkeit bekamen. In der DDR war das der Fall Erwin Hagedorn aus Eberswalde, in der damaligen Bundesrepublik war es der Fall Jürgen Bartsch. Beide hatten mehrere Jungen entführt, sexuell missbraucht und ermordet.

Wie oft kommen solche Taten vor?

Selten. In Deutschland wurden in den letzten Jahren etwa zwei bis drei Sexualmorde an Kindern polizeilich registriert.

Nehmen die Fälle zu?

Nein, nach unserer Langzeitstatistik nehmen sie sogar ab, auch wenn der öffentliche Eindruck manchmal ein anderer ist. Vergleichsweise hoch waren die Zahlen in den 70er-Jahren. Damals gab es bis zu zehn oder zwölf solcher Sexualmorde pro Jahr, und das allein im Gebiet der damaligen Bundesrepublik.

Woran liegt der Rückgang der Zahlen?

Eine Vermutung ist, dass es besser als früher gelingt, solche Menschen frühzeitig als Problempersonen zu identifizieren. Wenn auch nicht unbedingt als Sexualmörder, dies lässt sich nicht vorhersagen. Aber kontaktscheue Sonderlinge wie der mutmaßliche Täter werden heute vielleicht eher als früher in einem Netz von Versorgung und Therapie aufgefangen, so dass sie dann nicht auf diese Weise straffällig werden.

Liegt es auch an der Prävention?

Wenn ein Mann vor 20 oder 30 Jahren merkte, dass ihn kleine Jungen sexuell erregten, hätte er darüber mit niemandem sprechen und schon gar keine therapeutische Hilfe erwarten können, selbst wenn er es gewollt hätte. Heute gibt es Anlaufstellen wie das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ der Charité in Berlin, das inzwischen deutschlandweit arbeitet. Dies ist eine Chance, zumindest für Männer, die noch nicht straffällig geworden sind. Dennoch fallen leider, wie man nun sieht, immer wieder Menschen durch das Raster und werden kriminell.

Hat der Rückgang auch damit zu tun, dass wir unsere Kinder besser schützen?

Möglicherweise ja. Aber man muss auch sehen: Einen Täter, der auf der Suche nach einem Kind ist, das er entführen will, wird das nicht völlig abhalten. Kinder müssen auch lernen, sich frei zu bewegen. Die beiden Tatgelegenheiten in diesem Fall waren ja ein Spielplatz in einer Großsiedlung und eine überfüllte Flüchtlingsaufnahmestelle, auf der niemand einen Überblick hat. Das war leider für den Täter eine ideale Gelegenheit. Es fiel ja offenbar gar nicht auf, dass da ein Mann mit einem Kind herumspazierte, das nicht zu ihm gehörte.

Gibt es den typischen Täter, der Kinder entführt, missbraucht und ermordet?

Nein, den gibt es nicht. Die beiden Täter aus den 70er-Jahren waren noch einmal anders, sie quälten ihre Opfer zusätzlich aus sadistischen Gründen, bevor sie sie missbrauchten und töteten. Sadismus ist eine nicht behandelbare Störung. Im aktuellen Fall scheint es dagegen, als habe der mutmaßliche Täter die beiden Opfer aus Verdeckungsgründen getötet, weil er möglicherweise nicht wusste, wie er mit der Situation anders umgehen sollte.

Kann es passieren, dass der mutmaßliche Täter schon nach zehn, 15 Jahren frei kommt?

Wenn jemand zu einer zeitlich begrenzten Strafe verurteilt wurde und keine Sicherungsverwahrung angeordnet wurde, dann wird er in jedem Fall entlassen, selbst dann, wenn er noch als gefährlich eingeschätzt wird. Bei einer lebenslangen Strafe und bei Sicherungsverwahrung ist das anders. Hier müssen gute Gründe vorliegen, damit eine Entlassung verantwortet werden kann, vor allem mit Blick auf das Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit. Im konkreten Fall denke ich, dass die Justiz äußerst vorsichtig sein wird.

Woran liegt es, dass uns Morde an Kindern so besonders schockieren? Sind es wirklich nur die Medien, die das aufbauschen?

Nein, es hat etwas mit den Opfern selbst zu tun. Je näher sie uns sind, desto mehr erschrecken uns solche Taten. Wenn ein Kind von einem fremden Menschen entführt, vergewaltigt und getötet wird – das kann jedem Elternteil passieren. Es ist eine Gefahr, die jeden unmittelbar anspricht.

Es ist eine Art Urangst?

Ja, nehmen Sie das Märchen vom bösen Wolf: Es beschreibt genau diese Angst-Situation. Ein Kind lässt sich verführen, mit einem fremden Mann mitzugehen, der im Märchen als böser Wolf erscheint. Heute haben wir zum Glück andere Methoden der Prävention als nur, solche Märchen zu erzählen. Man kann Kinder stark machen, zu Selbstbewusstsein erziehen. Und wir haben, wie gesagt, Therapien, damit potentielle Täter, die sich selbst als gefährlich erkennen, gar nicht erst straffällig werden.

Was sagen Sie zu der Forderung, Sexualstraftäter, die nach der Haft freikommen, an einen öffentlichen Pranger zu stellen, indem man ihre Adresse veröffentlicht? Manche Menschen fordern gar die Todesstrafe.

Für mich das ein Zeichen der Ratlosigkeit vieler Menschen. Gefühlsmäßig kann ich nachvollziehen, dass man solchen Tätern das Schlimmste wünscht. Aber wer so etwas ernsthaft fordert, macht sich zum Teil des Problems.

Warum?

Weil es den richtigen Umgang mit solchen Personen eher erschwert. In einem Rechtsstaat geht es um Gerechtigkeit, nicht um Rache. Das Recht muss für alle gelten und die Rechtsprechung muss mit unserer Verfassung übereinstimmen. Kernige Parolen und Hauruck-Forderungen verhindern eher eine sachliche und gerechte Beurteilung der Situation und tragen im Übrigen auch nicht dazu bei, die Bevölkerung wirksam vor solchenTätern zu schützen.