Vor diesem Spaziergang habe ich aus Versehen eine Freundin erschreckt. Ich hatte erzählt, mit wem ich verabredet war: Michael Tsokos, Chef des Berliner Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin, von 2007 bis 2023 leitete er zudem das Institut für Rechtsmedizin der Charité. „Aha?“, sagte die Freundin, und ich hatte ergänzt: „Außerdem hat er jede Menge Rechtsmedizin-Thriller geschrieben“, was die Freundin aufhorchen ließ: „Ach, Dr. Tsokos aus der Obduktionsserie mit Jan Josef Liefers?” – „Ja“, hatte ich gesagt, „und auf Instagram hat er mehr als 600.000 Follower!” Woraufhin die Freundin, eine Kollegin, wie elektrisiert den Kanal „Dr. Tsokos” auf ihrem Handy suchte – schneller, als ich sie warnen konnte. Dann wurde sie etwas blass.

Natürlich hatte sie einen Post mit der Warnung „sensible Inhalte“ geöffnet, die auf Tsokos’ Kanal zwischen harmlosen Hundebildern und Videos aus „Lost Places” stehen. In seiner Freizeit besichtigt der Rechtsmediziner gern verfallene Gebäude mit seinen drei jüngsten Kindern. Sie sind elf, 13 und 14 Jahre alt. „Die 13-Jährige macht super Videos”, wird er mir später stolz erzählen.

„Geklickt“ wird Tsokos’ Kanal natürlich wegen der speziellen, aber für den flüchtigen Blick verborgenen Inhalte. Meine Kollegin starrte auf die inneren Organe einer Brandleiche („oh“), scrollte weiter zum rot-marmorierten Körper einer Toten, die stundenlang in einer Sauna gelegen hatte: „Oh mein Gott – aber das ist interessant!” In einem weiteren Video griff Dr. Tsokos mit ernster Miene in einen Holzsarg voller menschlicher Knochen. In Berlin würden sehr viele Knochen gefunden, etwa bei Bauarbeiten, erklärt er. „Weil es hier zahllose nicht kartografierte Friedhöfe aus früheren Zeiten gibt.“

Der Star ist erstmal Yorkshire-Terrier Fidi

„Dr. Tsokos“, vor drei Jahren gegründet, gilt heute als einer der führenden deutschsprachigen Medizinkanäle auf Instagram. Professor Tsokos ist auch bekannt für einen Podcast und vieles mehr. Vor vier Monaten hat er aber überraschend seinen Posten an der Charité aufgegeben. Was ist passiert?

Wir treffen uns am Olympiastadion, der Wind pfeift. Es war sein Vorschlag, durch Westend zu laufen, wo er mit seiner Familie wohnt. Vor uns tuckern Fahrschüler über den Olympischen Platz. Tsokos hat sich von seiner Frau herfahren lassen. Mit einem kleinen Hund unterm Arm ist er aus einem schwarzen Porsche Cayenne gestiegen, grinsend. Ein bisschen Show muss sein. Der Star ist aber erstmal Yorkshire-Terrier Fidi. Ein Wollknäuel, das sofort Richtung Stadion flitzt, bis es streng zurückbeordert wird. „Fidi!“ Fidi gehöre seit der Pandemie zur Familie, erklärt Tsokos. Der Hund sorge auch in seinen Videos und Vorträgen für Ablenkung. „Damit die Zuschauer mal durchatmen können.”

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Der Hund ist sozusagen auch ein „sensibler Inhalt” – im positiven Sinn. Es ist diese empathische Art, die Dinge zwar sehr sachlich und nüchtern zu betrachten, aber eben auch aus der Sicht der anderen, die wohl nicht nur ich an Michael Tsokos mag. Ja, er schildert sehr explizit die Ursachen des Sterbens. Er zeigt, natürlich anonymisiert, wie menschliche Körper nach Gewalt, Unfällen, Katastrophen aussehen. Er nennt das, was seine Bücher, Videos und Vorträge auslösen können, selbst einen „Gruseleffekt“.

Hund Fidi, hier beim Spaziergang mit seinem Herrchen Michael Tsokos und Reporterin Uta Keseling, hat für die Arbeit des Rechtsmediziners eine größere Bedeutung, als man vermuten würde.
Hund Fidi, hier beim Spaziergang mit seinem Herrchen Michael Tsokos und Reporterin Uta Keseling, hat für die Arbeit des Rechtsmediziners eine größere Bedeutung, als man vermuten würde.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Aber es ist kein Selbstzweck. „Bei mir geht es nicht um Voyeurismus oder darum, den Tod zum Faszinosum zu machen“, sagt er. Es gehe um Aufklärung. Zum Beispiel, unbekannten Toten Namen und Identität zurückzugeben. Verstorbenen Berlinern, Verkehrstoten oder auch Opfern wie jene des Kosovokriegs in den 1990er-Jahren oder des Tsunami 2004, wo Tsokos im Einsatz war. Es geht ihm um Gerechtigkeit, indem wahre Todesursachen ermittelt werden, die nicht erkannt wurden, etwa von Hausärzten. Oder die Täter versuchen zu verschleiern, wenn zum Beispiel ein Suizid vorgetäuscht wird, wo es in Wahrheit um ein Tötungsdelikt geht. Es kann auch darum gehen, Leben zu schützen. Dazu später mehr.

„Rechtsmedizin immer weiter zurückgedrängt“

Als er den Posten bei der Charité 2007 übernahm, sagt Tsokos, sah er darin eine große Chance. „Berlin als größte deutsche Stadt mit den meisten Tötungsdelikten und allen gesellschaftlichen Facetten war natürlich eine großartige Herausforderung.” Zuerst stand er aber vor einer großen Verwaltungsaufgabe. „Ich musste drei große Institute vereinen”, sagt er und unterbricht sich: „Hey, Fidi, bleibt hier!”

Von 2007 an führte er das Landesinstitut, das er heute noch leitet, und zwei ziemlich zerstrittene Institute aus Ost und West zusammen – die berühmte Rechtsmedizin der Humboldt-Universität beziehungsweise Charité in Mitte und das entsprechende Institut der Freien Universität in Dahlem. Er setzte neue Schwerpunkte, gründete die heutige Gewaltschutzambulanz der Charité, in der Überlebende von Gewalttaten rechtsmedizinisch untersucht und die Ergebnisse dokumentiert werden können. Dies ist für Opfer wichtig, auch wenn diese sich erst später entscheiden, den Rechtsweg einzuschlagen. Und er öffnete sein Fach für die Öffentlichkeit. Weil er fand, dass dieses Fachwissen an vielen Stellen sinnvoll ist – von der Justiz bis zum Gesundheitswesen.

Die Gewaltschutzambulanz hätten viele Politiker zwar sofort unterstützt – „trotzdem dauerte es sieben Jahre, bis sie endlich eröffnet wurde“, sagt er. „Damals habe ich viel über Berlin gelernt.“ Nach 17 Jahren, sagt er, „hatte ich aber das Gefühl, dass es für mich persönlich nicht mehr voranging.“ Die Rechtsmedizin sei an der Charité zugunsten anderer Bereiche zurückgedrängt worden. „Dass die Virologie im Zuge der Pandemie wichtig wurde, war ja nachvollziehbar“, sagt er. Derzeit sei Transgendermedizin ein großes Thema. „Das hat natürlich auch alles seine Berechtigung, aber als Rechtsmediziner sehe ich das mit Sorge.“ Er selbst habe anfangs zwölf Vorlesungen pro Semester gehalten, zuletzt nur noch drei, immer zum selben Thema. „Auch das war ein Grund, an der Charité aufzuhören.“

Der Tod seiner Eltern brachte ihn zum Nachdenken

Dazu kam ein persönlicher Einschnitt. „Meine Eltern sind im vergangenen Jahr innerhalb von drei Wochen gestorben. Das war ein tiefer Einschnitt, es kam alles sehr plötzlich.“ Zuletzt sei er wöchentlich nach Kiel gefahren, wo die Eltern lebten und er aufgewachsen ist. „Dann rief mich mein Vater an einem Sonntag weinend an, meiner Mutter ging es sehr schlecht. Danach ging es relativ schnell.“

Wir haben inzwischen den Waldfriedhof passiert, dessen grüne Hecken Fidi interessiert beschnüffelt hat. Er würde mühelos durch jede Zaunlücke passen, scheint er zu denken, wenn diese dämliche Hundeleine nicht wäre. Sein Herrchen wiederum erklärt mir, ganz Wissenschaftler, Yorkshire-Terrier seien gezüchtet worden, um Ratten und Mäuse zu töten. Ich hoffe insgeheim, dass mir ein Beweis erspart bleibt.

Der Tod seiner Eltern, fährt Tsokos fort, „war der Punkt, an dem ich feststellte: Jetzt bin ich die älteste Generation in der Familie, ich bin der nächste. Aber bin ich eigentlich mit dem, was ich mache, zufrieden? Kann ich sagen, das war’s jetzt?“

Berufswahl als Mediziner war eher Zufall

Zunächst habe er sich von manchem getrennt, „nicht nur von der Charité“. Er stellte den erfolgreichen Podcast „Die Zeichen des Todes“ ein, ebenso die erwähnte RTL+-Serie „Obduktionen“, die er konzipiert und koproduziert hatte. Manchmal müsse man einfach etwas Neues starten. „Und ich wollte auch einfach mehr Zeit mit meiner Familie haben.“

Er erzählt von seinen Eltern. Die Mutter war Ärztin, der Vater Lehrer. „Beide haben immer viel gearbeitet, als Kind hatte ich wenig von ihnen.“ Seine eigene Berufswahl war eher Zufall, seine Abiturnoten gaben ein Medizinstudium eigentlich nicht her. Dass er dennoch Arzt wurde, ergab sich im Wehrdienst der Bundeswehr. In den 80er-Jahren wurden Soldaten für den „Medizinertest” zwei Tage vom Dienst freigestellt, also bewarb er sich – und wurde genommen. „Vielleicht“, hatte er mir in einem früheren Gespräch gesagt, „hätte ich mich früher für Naturwissenschaften interessiert, wenn man sie in der Schule so spannend vermittelt hätte, wie ich sie jetzt erlebe.“ Heute könnte man ergänzen: Oder wie er sie selbst inzwischen vermittelt.

Tsokos verbindet heute die Berufe seiner beiden Eltern, denke ich, als wir die gediegenen Wohnstraßen im Westend passieren. Das Viertel gefalle ihm, sagt er, Berlin als solches manchmal weniger. Seine Romane schreibt er, wenn er Zeit hat, in einem einsamen Haus am See nahe dem Spreewald. „Nichts Großartiges, ganz schlicht, aber da kann ich mich gut konzentrieren.“

„Ich war nie in den sozialen Netzwerken gewesen“

Weiterhin will er „Rechtsmedizin in die Öffentlichkeit tragen“, wie er sagt. „Einerseits, weil es mir Spaß macht. Andererseits merke ich, dass ich unglaublich viel zurückbekomme.“ Neben dem wissenschaftlichen Ehrgeiz sei es der Austausch mit den Menschen, der ihn antreibt. Auch sein Instagram-Kanal ist so entstanden. Als während der Pandemie seine Studenten nicht mehr zu den Vorlesungen kommen konnten, schlugen sie ihm vor, auf Instagram auszuweichen. „Ich kannte das zuerst überhaupt nicht, ich war nie in den sozialen Netzwerken gewesen.“

Zwei Influencer richteten ihm einen Kanal ein, zuerst für seine Bücher. „Aber das eignete sich auch super für meine Studenten.“ Das erste Jahr habe er seine Lehrvideos vor allem für sie gemacht, „bis den Kanal immer größer wurde und ich feststellte, dass dort inzwischen auch ganz andere Berufsgruppen dabei waren. Polizisten, Krankenschwestern, Ärzte.“

Ermittler schrieben ihm, seine Videos seien besser als die Ausbildung an der Polizeihochschule. Unter den Followern seien auch viele Laien, die sich für Tsokos’ Themen interessieren. Und ja, es gebe auch Kritik, sagt er. Mehrfach sei der Kanal wegen angeblicher Gewaltverherrlichung gesperrt worden. Ein Missverständnis, Algorithmen eben. „Einmal habe ich eine Po-Ritze gezeigt, dabei ging es aber um einen typischen Dekubitus, ein Geschwür durch Durchliegen.“

Zuschauer sagen: „Endlich habe ich so etwas mal gesehen“

In einem Fall beschwerten sich Ärzte, nachdem Tsokos einen Fall geschildert hatte, bei dem ein Kind eine Knopfzellenbatterie geschluckt hatte und an den Folgen gestorben war. Die Batterie war bei der ärztlichen Untersuchung nicht entdeckt worden. „Da fühlten sich wohl Leute angesprochen, obwohl das Video natürlich anonymisiert war.“ Er ließ es im Kanal. „Denn zugleich bekam ich viel Post von Menschen, die sich bedankten, weil sie nicht wussten, dass diese Batterien im Körper ätzend wirken.“

Um Aufklärung geht es auch in seinem neuesten „Abenteuer“. Deutschlandweit füllt Tsokos neuerdings Hallen mit populärwissenschaftlichen Vorträgen. „Es kommen tausende Besucher“, erzählt er und klingt selbst überrascht. „Momentan überrollt uns das etwas, denn ich organisiere das mit einem Freund selbst.“ Sein Vortrag im Juni in der Grugahalle in Essen, immerhin rund 4500 Plätze, sei seit Dezember ausverkauft. Dabei geht es wie immer um Todesursachen und wie diese gerichtsmedizinisch ermittelt werden können. Auch ein bisschen „Gruseleffekt“ sei natürlich einkalkuliert, sagt er. Und natürlich auch Fidi, er lacht. Sein Ziel sei, Wissen zu vermitteln, ähnlich wie in einer Wissenschaftsdokumentation im Fernsehen. „Wenn mir Zuschauer schreiben: ‚Vielen Dank, das war so aufregend, ich komme wieder‘, oder auch: ‚Endlich habe ich so etwas mal gesehen‘“, dann habe ich das Gefühl, ich mache was richtig.“

Wir stehen inzwischen an der Reichsstraße, der Feierabendverkehr übertönt unser Gespräch. Fidi kuschelt sich in den Arm seines Herrchens. Wird er auf der Straße eigentlich erkannt? Ja, sagt er, das komme vor. „Aber die Leute nehmen Rücksicht, wenn meine Kinder dabei sind.“ Ich vermute, dass manche Menschen vielleicht nicht sicher sind, wie viel die Kinder vom Beruf ihres Vaters wissen? Er schüttelt den Kopf. Seine Kinder hätten keine Berührungsängste mit dem Thema Tod.

„Es wurde viel gelacht, natürlich auch geweint“

Wir sprechen über den veränderten Umgang mit Trauer und Tod. „Heute kann man im Krematorium von Anfang bis Ende dabei sein“, berichtet Tsokos. Die routinemäßige Leichenschau in den beiden Berliner Krematorien gehört auch zu den Aufgaben seines Landesinstituts. Nach dem Tod seiner Eltern stand auch er selbst vor der Frage, wie er damit umgehen wollte. Er habe keinen Trauerredner haben wollen, der die Eltern nicht kannte, sagt er. „Also habe ich die Trauerreden selbst gehalten.“

„Meine Frau fragte mich, ob ich das schaffe, und ich gebe zu, es war hart“, sagt er offen. Dann habe er es so gehandhabt, wie er sich auch auf eine Vorlesung vorbereite. „Für meine Mutter habe ich eine Powerpoint-Präsentation erstellt, die auf einem großen Whiteboard im Krematorium gezeigt wurde“, berichtet er, „mit den wichtigsten Bildern aus ihrem Leben, alle Trauergäste kamen vor“, erinnert er sich. „Dann wurden Anekdoten erzählt. Es wurde viel gelacht, natürlich auch geweint.“ Für seinen Vater, der das Meer liebte, suchte er Videos heraus, wie dieser lachend mit seinem Segelboot über die Ostsee schoss. „Das war alles sehr bewegend. Aber ich habe natürlich auch geheult wie ein Schlosshund.“

Er berichtet auch darüber in sachlichem Ton. Als ich frage, was er als Nächstes plant, holt er tief Luft. Trotz „Cut” habe er weniger Zeit als zuvor. „Ich muss mal analysieren, woran das liegt“, sagt er. Ich bin nicht ganz sicher, ob er lächelt. Derzeit plane er seine nächsten Vorträge. Er ist als Wissenschaftler zu Tagungen ins Ausland eingeladen, fliegt tags drauf nach Italien. Der nächste Thriller um die Rechtsmedizinerin Sabine Yao erscheint im September. „Aber derzeit liege ich 100 Seiten zurück…“, er seufzt, aber ich notiere mir trotzdem den Termin. Denn Dr. Tsokos, hat er zuvor gesagt, sei beim Arbeiten „gnadenlos effektiv“.

Zur Person

Persönliches Michael Tsokos, geboren 1967 in Kiel, lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Er hat zwei ältere Söhne, von denen einer Hamburg lebt und der andere in Wiesbaden studiert. Seit 2007 leitet er das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Moabit, von 2007 bis 2023 stand er zudem dem Institut für Rechtsmedizin der Charité vor.

Karriere Tsokos studierte Medizin in Kiel, war zehn Jahre Rechtsmediziner in Hamburg, wo er sich auch habilitierte. Auf dem Seziertisch von Tsokos’ Institut landen alle Toten in Berlin, bei denen eine nicht natürliche Todesursache vermutet wird.

Autor 2009 erschien Tsokos’ erstes populärwissenschaftliches Buch über zwölf seiner spektakulärsten Fälle. Dazu kamen Rechtsmedizin-Thriller, insgesamt bisher 26, teilweise in Kooperation mit anderen Autoren. Ein Bestseller war „Abgeschnitten” mit Sebastian Fitzek (2012), das mit Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer und Lars Eidinger verfilmt wurde.

Soziale Medien Tsokos’ populärwissenschaftlicher Kanal „Dr. Tsokos” auf der Plattform Instagram hat mehr als 600.000 Follower und basiert auf realen Fällen aus seiner rechtsmedizinischen Arbeit.

Spaziergang Vom Olympiastadion ging es über Trakehner Allee, Olympische Brücke, Olympische Straße, Oldenburgallee, Bayernallee, Hessenallee bis zur Reichsstraße.