Bestseller-Verfilmung

Michael Tsokos gewährt Einblicke in menschliche Abgründe

Der Rechtsmediziner Michael Tsokos erzählt im Interview, wie viel Wahrheit in seiner Romanverfilmung steckt.

Tim Bergmann (l.) spielt die Hauptrolle in der Romanverfilmung „Zersetzt“ von Rechtsmediziner Michael Tsokos.

Tim Bergmann (l.) spielt die Hauptrolle in der Romanverfilmung „Zersetzt“ von Rechtsmediziner Michael Tsokos.

Foto: SAT.1

Berlin. Dieser Mann hat seinen eigenen Aussagen nach über 200.000 Tote gesehen: Prof. Dr. Michael Tsokos. Der Rechtsmediziner empfängt Besucher in seinem Arbeitszimmer in der Charité. Während unten in der Sezierhalle die weiße Sterilität des Todes dominiert, ist es in den Büroräumen von Tsokos recht gemütlich. Zwar stapeln sich in seinem Vorzimmer Aktenkartons mit Beschriftungen wie „Tötungsdelikte: Stumpfe Gewalt“, doch frisch aufgebrühter Weihnachtstee erfüllt die Luft mit Zimtgeruch und das Büro des Professors selbst ist mit Chesterfield-Möbeln dekoriert. Seine Wandregale sind von historischen Artefakten geschmückt, und auch ein eingelegter Wildschwein-Embryo mischt sich unter das bunte Sammelsurium. Der 51-Jährige legt seine wissenschaftliche Lektüre zur Seite, um mit der Berliner Morgenpost die Verfilmung seines zweiten Bestsellers zu besprechen. Am Dienstag, um 20.15 Uhr, wird „Zersetzt“ in Sat.1 ausgestrahlt. Denn neben der beruflichen Leichenschau seziert Tsokos in seinen Romanen vor allem menschliche Seelenabgründe.

Die erste Frage, die sich der Zuschauer nach dem Schauen von „Zersetzt“ stellt ist: Was genau sind die wahren Begebenheiten, auf denen der Stoff aufbaut?

Michael Tsokos: Die zwei in Kalkfässern zersetzen Leichen, die im Kern der Erzählung stehen, gab es wirklich. Im Anschluss an den Spielfilm zeigt Sat.1 eine 45-minütige Dokumentation, in der ich den wahren Fall beleuchte: Ich war tatsächlich im Jahr 2011 in Kasachstan. Dort habe ich die beiden Kalkleichen seziert, identifiziert und die Todesursachen nachgewiesen.

Warum wurde Kasachstan im Buch durch Transnistrien ausgetauscht?

Aufgrund des langen Arms des kasachischen Geheimdienstes. Der echte Täter war nämlich der Chef dieser Behörde. Mittlerweile ist dieser unter unklaren Umständen ums Leben gekommen. Deshalb kann ich nun drüber sprechen. Unter anderem werden auch Original-Obduktionsaufnahmen in der Doku gezeigt.

Gibt es die im Film zentrale Droge, welche alle Emotionen ins Unermessliche intensiviert, wirklich?

Nein, Laxophorin gibt es nicht. Aber ähnliche Substanzen, die von Geheimdiensten entwickelt wurden, um Menschen gefügig zu machen oder als sogenanntes Wahrheitsserum. Die Verwendung solcher Mittel ist meiner Recherche nach in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gang und gäbe. Ich habe aber bewusst den Namen einer solchen chemische Substanz erfunden, um niemanden auf böse Ideen zu bringen. Ich habe eine Verantwortung, mit meinem Wissen als Rechtsmediziner behutsam umzugehen. Schon um den falschen Leuten keine Anleitung zur Missetat mitzuliefern.

Mit welchen Gefühlen haben Sie das fertige Produkt angesehen?

In meinem Buch gibt es zwei parallel verlaufende, aber sehr komplexe Handlungsstränge. Ich finde interessant, wie der Regisseur das gelöst hat. Zudem hat mich als Zuschauer die moderne Kameraführung angesprochen – das hat mit alten Krimis wie „Derrick“ nichts mehr zu tun. Für mich ist wichtig, dass auch in der filmischen Umsetzung die Perspektive der Rechtsmedizin im Mittelpunkt stand.

Welche Trends werden in Ihrer Branche gerade besprochen?

Die computertomografischen Untersuchungen, mit denen wir an der Charité seit 2011 arbeiten, bringen immer wieder neue Erkenntnisse. In einem der nächsten Bücher werde ich mich unter anderem vom Khashoggi-Fall inspirieren lassen: Dort konnte seine Apple-Watch am Ende den Beweis für seinen Todeszeitpunkt liefern. Wie neue Techniken unsere Arbeit verändern, finde ich sehr spannend.

Sie reisen viel um die Welt. Planen kann man da ja eigentlich nicht, denn gestorben wird plötzlich. Können Sie uns denn trotzdem schon von ein paar Projekten erzählen?

Wenn es um Exhumierungen geht, wie damals, als ich bei der Identifikation von Leichen aus Massengräbern im Kosovo und in Bosnien half, kann man etwas länger planen. Da läuft gerade auch ein Projekt an, über das ich erst in ein paar Wochen mehr erzählen kann. Zudem bin ich mehrmals im Jahr in Marokko, weil ich dort sämtliche Rechtsmediziner ausbilde. Die kommen auch öfter hierher.

Treffen Sie da auf ein kulturell unterschiedliches Verhältnis zum Tod?

Ja, Obduktionen sind im Islam eigentlich nicht vorgesehen, weil der Körper intakt ins Grab soll. Allerdings setzt sich auch dort die Erkenntnis durch: Ein Rechtsstaat kann nur funktionieren, wenn eine funktionierende Rechtsmedizin ihre Befunde sichern kann.

Glauben Sie eigentlich an Gott?

Ich glaube nicht an den biblischen Gott, der mir im Religionsunterricht nahegelegt wurde, und demzufolge alles einen tieferen Sinn hat. Wenn ich sehe, wie Kinder durch Gewalt ums Leben kommen und teilweise furchtbar leiden mussten, bevor sie starben, dann macht diese Theorie „Alles ist von Gott gewollt“ für mich keinen Sinn. Trotzdem will ich nicht ausschließen, dass es eine höhere Macht gibt, die außerhalb unseres Verständnishorizonts liegt.

Würden Sie Ihren eigenen Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen?

Da muss man unterscheiden: Wir als Rechtsmediziner forschen nicht an toten Körpern. Die Leichen, die da vor uns liegen, wurden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und die Obduktion wurde von einem Richter angeordnet. Freiwillig ist das nicht. Im Gegensatz dazu unterschreibt man einen Vertrag, wenn man noch im Leben seinen Körper der Forschung vermachen will. Das ist zwar auch wichtig, meiner Ansicht nach gibt es aber ein viel dringenderes Thema: Ich bin Organspender und würde mir mehr Aufmerksamkeit für den Engpass auf diesem Gebiet wünschen.

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