Wendepunkte im Leben

Wie wird man, was man ist?

Eric Wrede war als Musikmanager auf der Suche nach Stars. Warum er heute Bestatter ist – und wieso ihn dieser Beruf glücklich macht

Eric Wrede war Musikmanager, heute ist er Bestatter. Zu seiner „Lebensnah Bestattungen seine Mitarbeiterin Leonie Ritz und Begleithund Paul

Eric Wrede war Musikmanager, heute ist er Bestatter. Zu seiner „Lebensnah Bestattungen seine Mitarbeiterin Leonie Ritz und Begleithund Paul

Foto: Reto Klar

Als er 18 war, nahm ihn sein Großvater zu einem bizarren Kurzausflug mit. Ziel war eine Landstraße, ein Verkehrsunfall. Es war gerade passiert, in Rostock, wo Eric Wredes Großvater als Verkehrsgutachter arbeitete. Das Unfallopfer war tot. Eric Wrede ahnte, was sein Großvater ihm mit dem schrecklichen Anblick vermitteln wollte. „Ich machte gerade meinen Führerschein.“ Damals versuchte er, nicht so genau hinzugucken. Er hatte nie zuvor einen Toten gesehen.

Das ist jetzt 18 Jahre her. Er hat lange nicht mehr daran gedacht. Wie viele Tote er seitdem gesehen hat? Er schüttelt den Kopf. Seltsame Frage, er hat sie nicht gezählt. Eric Wrede ist heute Bestatter.

Wie wird man das, was man ist? Der Tod, sagt Eric Wrede heute mit 36 Jahren, habe ihn seitdem eigentlich nie wieder groß beschäftigt. „Glücklicherweise nicht. Ich habe keine traumatischen Verluste, die ich mit einem Beruf aufarbeiten müsste.“ Ganz im Gegenteil, so hört es sich an, wenn er von früher erzählt. Er wuchs zuerst in Rostock und später in Berlin-Weißensee auf, seine Mutter ist Ärztin, der Vater war zu DDR-Zeiten Sporttrainer in Ost-Berlin. Wrede studierte in Berlin Germanistik und Geschichte, zog nachts durch die Clubs und legte Musik auf. Es waren die Zeiten, in denen Berlin berühmt wurde für seine Clubszene. Nach dem Studium wurde er Musikmanager. Sein Chef hieß Tim Renner, der später Kulturstaatssekretär wurde. Eric Wrede dagegen nahm eine andere berufliche Wendung.

Manche hoffen auf Schauergeschichten

Was ihn heute überrascht, sagt Eric Wrede, sei, wie oft er mittlerweile nach seinem neuen Beruf gefragt werde. Von Freunden, Kunden, immer häufiger von Journalisten. Klar, manche versprechen sich Schauergeschichten, spätestens seit der Serie „Six Feet Under“ sind Beerdigungsunternehmer Thema. Und manche fragen sich, wie man einen so radikalen Berufswechsel überhaupt hinbekommt.

Wrede hat „Six Feet Under“ nicht gesehen. Er ist kein Mensch mit schwarzem Humor, obwohl ihn Abgründiges durchaus anzieht. Punk, als Kind hörte er DDR-Punk-Bands wie Feeling B. Im Studium faszinierten ihn komplizierte Schriftsteller wie Peter Handke und dessen Auseinandersetzung mit dem Suizid. Oder die lyrisch-hypnotischen Texte von James Joyce. Aber die Attraktion des Düsteren ist etwas ganz anderes als Trauerfälle im wirklichen Leben.

„Lebensnah Bestattungen“, so heißt Eric Wredes Firma, die er 2014 gründete. Der Name klingt widersinnig, ist aber wohldurchdacht. Ebenso wie der Standort des Büros an der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg. Es liegt zwischen Cafés, Edelrestaurants und Spielplätzen. Eine Gegend, in der auf den ersten Blick nichts an den Tod erinnert. Ebenso wenig wie übrigens Eric Wrede selbst, der in braunem Cordanzug, Schiebermütze und Hund an der Leine zum Interview kommt.

Tiere können manche Barriere besser überwinden

Das Gespräch findet nebenan in einem Café statt, denn im Lebensnah-Büro gibt es gerade ein Gespräch mit Hinterbliebenen. Mittlerweile hat er mehrere freie und eine feste Angestellte. Leonie Ritz hat Fotografie studiert, sie ist ähnlich wie Wrede auf Umwegen zu ihrem Beruf gekommen. Das Geschäft laufe gut, sagt Wrede, „das hätte ich vor einigen Jahren nicht erwartet“. Bis zu 20 Bestattungen organisieren sie pro Monat.

Während Wrede spricht, legt Hund Paul seinem Gegenüber mit freundlich-fragendem Hundeblick eine Pfote aufs Knie, es wirkt fast vorsichtig. „Er macht gerade eine Begleithund-Ausbildung und soll nicht jeden gleich anspringen, sondern höflich Kontakt anbieten“, sagt Wrede. „Tiere können Barrieren manchmal besser überwinden als Menschen.“ Gerade bei Kindern funktioniere das gut. Sie liegen ihm besonders am Herzen. „Sie brauchen andere Wege, um Verlust und Trauer zu verarbeiten als Erwachsene.“

Schon ist man mitten im Thema. Im Grunde, das versteht man schnell, brauchen auch Erwachsene neue Wege, mit Tod und Trauer umzugehen. Beziehungsweise: Neue Wege, um überhaupt mal darüber zu reden. Wrede berichtet von Menschen, die über zig Friedhöfe liefen, „weil sie nicht wussten, wie ihr Verwandter eigentlich bestattet werden wollte. Sie hatten sich nie getraut zu fragen.“ Im Hospiz hat er mit Pflegern überlegt, wie man ein Paar dazu bringen kann, miteinander über das Sterben zu sprechen. „Es ist ein Tabu.“ Als es im Interview um die konkrete Behandlung von Toten geht, um das Waschen und Verschließen von Körperöffnungen und die Vorschriften aus dem vorigen Jahrhundert, dreht sich am Nebentisch ein älteres Paar um: irritiert, aber auch interessiert.

Neue Wege im Umgang mit dem Tod

„Wir bieten im Trauerfall zunächst einfach Gespräche an“, sagt Wrede. „Ich höre zu und versuche, mit den Menschen herauszufinden, wie man einen Abschied so gestalten kann, dass hinterher alle mit einem guten Gefühl weiterleben können.“ Eine Beerdigung sei eine einmalige Erfahrung im Leben, „im Guten wie im Schlechten“. Bezahlt wird bei ihm vor allem die professionelle und individuelle Begleitung. „Wie edel und aufwendig der Sarg oder die Urne ist, ist den meisten gar nicht so wichtig.“ Zu seinen Kunden, sagt er, gehören oft Menschen, die Erfahrung darin haben, sich in Lebenskrisen professionelle Unterstützung zu suchen. Etwa beim Berufscoach oder beim Kinderpsychologen. Wrede hat inzwischen eine Ausbildung zum Trauerhelfer gemacht, gerade absolviert er eine Fortbildung in Krisenintervention. Am Kinderhospiz Sonnenhof in Pankow hat er sich über Trauerarbeit mit Kindern weitergebildet. Der begleitende Umgang mit dem Tod ist nicht nur ein Tabu, er ist auch eine Marktlücke.

Es ist ein später Vormittag, die Cafés in Prenzlauer Berg sind voll. Die einen sitzen noch beim Frühstück, andere arbeiten an Laptops oder treffen sich in Meetings. Früher hätte Wrede so einen Tag womöglich genauso verbracht, bei Gesprächen mit Künstlern und Bands, mit Verträgen, Kampagnen, Zahlen. Heute, sagt er, vergehen viele Tage mit Gesprächen über den Tod und dem, was danach kommt. „Manchmal treffe ich mich mehrmals mit Hinterbliebenen, teilweise auch mit schwer kranken Menschen, bevor wir überhaupt anfangen, die Beerdigung zu planen.“ Manchmal sehen sie sich auch hinterher noch.

Größte Trauerfeier war die eines Bikerclubs

Mit Eric Wrede ist man schnell in Fachgesprächen. Ob nun über den angemessen Umgang mit Toten oder den Rahmen einer Trauerfeier. „Wir haben auch schon in einem Kino Abschied genommen.“ Die vielleicht größte Trauerfeier fand für ein stadtbekanntes Mitglied eines Bikerclubs statt. Es gab einen Motorradkorso und eine große Abschiedsparty, bei der auch Wrede mitfeierte – auch das hat er sich aus seinem früheren Leben erhalten. Am nächsten Morgen wachte er mit blutigem Hemd auf und fand auf seiner Brust ein Tattoo, an dessen Zustandekommen er sich nicht erinnern konnte: „R.I.P. Ingo“. Er grinst und zeigt es, wenn man ihn fragt. „Es war nicht mein erstes.“

Dann sagt er: Natürlich feiere er bei solchen Gelegenheiten mit. „Aber ich nehme ebenso Anteil, wenn nur fünf Leute kommen“. Er weint auch mit, manchmal. Nicht nur, wenn es um Freunde geht, die er auch schon beerdigt hat. Es ist einfach so, dass er sich die Tränen ebenso wenig verbeißt, wie er sich Denkverbote auferlegt, was den Umgang mit dem Tod betrifft. „In allen Bereichen des Lebens suchen wir neue Wege. Auch mit dem Tod kann es einen natürlicheren Umgang geben .“

In solchen Momente begegnen sich Wredes früheres und sein neues Leben am ehesten. Sich in andere Menschen hineinfühlen, in fremde Welten hineindenken, „das konnte ich schon immer gut“. Als Musikmanager half er, Künstler zu entwickeln, die Potential hatten, sich gut zu verkaufen. Er arbeitete mit Bands wie Selig und Künstlern wie Peter Licht. Er verbrachte viel Zeit in Studios und bei Auftritten, feierte mit – und litt mit den Künstlern, wenn etwas nicht gut lief. „Manchmal fühlte ich mich wie ein zusätzliches Bandmitglied.“

Phase der Ratlosigkeit

Trotzdem hatte er irgendwann das Gefühl, dass ihm etwas fehlte. „Ich konnte kaum noch Musik hören, ohne gleich über Marktchancen nachzudenken.“ Dazu kam: „Ich kann nicht besonders gut mit Chefs.“ Trotzdem sind Tim Renner und Wrede bis heute gute Freunde, legen ab und zu auch noch gemeinsam auf. Nach zwei Jahren hatte Wrede bei Motor Entertainment aufgehört und die erste Initiative gestartet, um sein Leben zu ändern. „Ich gründete mit Freunden eine Genossenschaft, um nicht-kommerzielle Start-up-Ideen im Kulturbereich zu fördern. Letztlich wurde daraus das Vehikel, das das Projekt um den Club Kater Holzig an der Holzmarktstraße rettete“, sagt er. Nur für sich selbst sah er dabei wiederum keine Zukunft.

Den Weg zu seinem heutigen Beruf, sagt Wrede, führte zunächst durch eine Phase der Ratlosigkeit. „Im Nachhinein kann man es ja immer aussehen lassen wie eine Strategie. Aber ehrlich gesagt, ich hatte keine Idee, wo ich hinwollte.“ Dass er sich nicht in den nächstbesten Job flüchtete, könnte mit seiner Generation zu tun haben, vermutet er. Menschen, die wie er zur „dritten Generation Ost“ zählen, meint er, hätten aus dem Ende der DDR und dem Umbruch danach entweder das Bedürfnis nach größtmöglicher Sicherheit mitgenommen – „diese Leute wurden Lehrer oder Polizisten“. Andere wiederum gehen mit dem Gefühl durchs Leben, dass uns nichts aus der Bahn werfen kann: Dazu zählt er sich selbst.

Um herauszufinden, welche berufliche Zukunft er suchte, begann er, Listen anzulegen. Mit Rubriken für alles, was er wollte und was nicht. „Kein Chef“, stand darin. „Wirtschaftliche Perspektive.“ „Eine Branche mit Potential, noch etwas zu verändern.“ Und er notierte: „Ich habe ein ausgeprägtes Helfersyndrom.“ Unter Freunden sei er oft der Kumpel, dem sich andere anvertrauten. „Ich bewerte nicht, diskutiere nicht, ob es zum Beispiel blöd war, betrunken einen Unfall zu bauen, sondern überlege lieber, was man konkret tun muss, damit nicht alles noch schlimmer wird.“ Wie aber nutzt man ein Helfersyndrom für sich selbst?

Freunde hielten die Idee für einen Witz

Eines Tages hörte er im Radio ein Interview mit dem Trauerbegleiter Fritz Roth. Der war in seinem ersten Leben ebenfalls Manager gewesen, bei einem Energieunternehmen. Roth hatte in Bergisch-Gladbach den ersten privaten Friedhof in Deutschland gegründet und seit den 80er-Jahren gemeinsam neue Wege der Trauerarbeit gesucht, etwa mit einer „Trauerakademie“ für Kinder und Reisen für Trauernde. „Da merkte ich, dass in mir etwas einrastete“, sagt Wrede. „Plötzlich machten alle Punkte auf meiner Liste Sinn.“

Die erste, der er von seiner Idee erzählte, war seine damalige Freundin. Sie hielt es für einen Witz, „aber ich habe es ihr es wohl auch so erzählt. Ich wollte erst mal die Reaktion testen“, sagt er. Auch manche Freunde hielten es zunächst für eine fixe Idee. Mit seiner Mutter verlief das Gespräch ernsthafter. „Sie hat mich von Anfang an unterstützt, sie kennt mich eben gut.“ Ebenso die Großeltern in Rostock, auch wenn die Großmutter scherzhaft meinte: „Dann wirst du ja nie heiraten.“ Erst später verstand er den Hintergrund. Bestatter standen zu DDR-Zeiten ganz weit unten, das Gewerbe war verstaatlicht und beim selben VEB angesiedelt wie die Müllabfuhr. „Das machte niemand freiwillig.“ Er konnte sie überzeugen. Der Rückhalt in der Familie und bei Freunden, sagt Wrede, sei sehr wichtig für ihn gewesen.

Heute kann in Deutschland im Prinzip jeder eine Bestatterfirma anmelden. Das erfuhr Wrede, als er begann, sich genauer über seinen neuen Beruf zu informieren. „Es gibt keine vorgeschriebene Ausbildung.“ Die Konkurrenz ist groß, allein in Berlin soll es rund 300 Bestatterfirmen geben. Zuwachs, sagt Wrede, hätten zum einen Billigbestatter, zum anderen der Bereich der individuellen Abschiednahme, zu dem er selbst heute zählt.

„Der Tote sah aus, als würde er gleich ‘Hallo’ sagen“

Sein neues Leben startete er als 8,50-Euro-Kraft bei einem traditionellen Berliner Bestattungshaus. „Ich wollte einfach alles über das Bestattungswesen wissen, jeden Teil des Prozesses mitbekommen. Vom Waschen und Reinigen der Toten bis zum Einbalsamieren und Aufbahren.“ Der erste Tote, den er dort sah, war ein Ghanaer. Er war gerade einbalsamiert worden. Wrede erschrak, als er ihn sah. „Er sah aus, als würde er gleich die Augen aufmachen und Hallo sagen.“

In Momenten wie diesem merkte er, dass er auf dem richtigen Weg war. „Ich wusste, was ich selbst später anders machen würde.“ Wer einen Verstorbenen besuche, sagt er, „will ja nicht erleben, wie lebendig der noch aussieht, sondern sich sozusagen seines Todes versichern.“ Diese Erkenntnis sei schwer, aber wichtig, um später den Verlust zu verarbeiten. Mit Wrede können Hinterbliebene den gesamten Weg einer Bestattung aktiv begleiten. „Sie könne beim Waschen und Ankleiden helfen, wenn sie möchten, und auch beim Sargbau.“

Die Abschiednahme von Toten findet bei Lebensnah oft auf dem Hof Schöne in Rixdorf statt, wo neben der Trauerhalle die Pferde eines Fuhrunternehmens stehen. „Diese Umgebung ist für viele natürlicher als eine Friedhofskapelle.“ Gerade für Kinder mache es das leichter. Am Tag nach dem Interview wird er einen Achtjährigen dabei unterstützen, den Sarg für dessen Mutter zu bemalen.

Wie hält man die Trauer der anderen aus?

Wie hält man das aus? Der Umgang mit den Toten selbst, so klingt es, ist für Wrede ein Handwerk, das er heute beherrscht. Die Trauer der anderen für sich selbst zu verarbeiten, sei dagegen manchmal schwer. Er hat dafür Supervision durch eine Psychologin – und die Dankbarkeit seiner Kunden. „Es ist unglaublich, wie viel Liebe wir von den Menschen zurückbekommen.“ Das, sagt er, mache ihn bei aller Schwere des Themas auch glücklich.

Wie wichtig das ist, hat er diesen Sommer selbst erlebt, als sein Großvater in Rostock starb. „Ich habe lange überlegt, ob ich ihn selbst bestatten soll. Aber dann dachte ich: Wer soll es denn sonst machen?“ Also fuhr er nach Rostock, holte den Großvater aus dem Krankenhaus, wusch und kleidete ihn und brachte ihn schließlich ins Krematorium. Im Prinzip also genau das, was seine Kunden gemeinsam mit ihm als Bestatter auch tun können. „Das war für mich gut, sicherlich auch für meine Familie, weil sie wussten, dass alles mit Liebe passiert“, sagt er. „Ich glaube, manche haben erst da verstanden, was ich eigentlich mache und was mein Beruf für die Menschen bedeutet.“