Von Bestsellerautoren hat man schon gewisse Vorstellungen. Sachbuchschreiber sollen auch als Person sachlich herüberkommen, Satiriker sprachwitzig sein und Romanautoren etwas erhaben wirken. Aber wie muss der Autor von Psychothrillern sein? „Wenn ich selber keine Ängste hätte, könnte ich nicht darüber schreiben“, sagt Sebastian Fitzek: „Aber wäre ich ein Psychopath, hätte ich nicht die nötige Empathie für die Geschichten.“ Dann wären die ganzen Gruselgeschichten für ihn etwas ganz Normales – so wie Kaffee trinken. Aber Fitzek kann das Klischee, wonach ein guter Thrillerautor selbst ein Psychopath sein muss, nicht mehr hören. Tatsache bleibt, Fitzek ist einer der erfolgreichsten Thrillerautor unserer Tage.
Vor zehn Jahren kam als sein Debüt „Die Therapie“ auf den Buchmarkt. Dem sind Bestseller wie „Amokspiel“, „Das Kind“, „Der Seelenbrecher“, „Splitter“ und „Der Augensammler“ gefolgt. In den zehn Jahren hat er sechs Millionen Bücher verkauft. Seine Thriller wurden in 20 Sprachen übersetzt. Mittlerweile sind seine Geschichten dabei, sich die Bühne zu erobern. Am Donnerstag hat im Berliner Kriminal Theater, wo bereits sein Psychothriller „Der Seelenbrecher“ läuft, sein Roman „Die Therapie“ Premiere. „Ich finde es toll, dass sich das Theater an meine Bücher wagt“, sagt Fitzek. Theater hält er für ein eigenes Handwerk.
Die Gesetze kenne er gar nicht, gibt er zu. „Im Film sagt man, alle Dialoge und inneren Monologe müssen gestrichen werden. Was drüberbleibt, kann man verfilmen. Beim Theater erwartet man auch nicht 38 Szenenwechsel in der Minute, sondern es gibt Raum für Dialoge.“ Fitzek wird in der Premiere sitzen. Er ist gespannt. „Ich sage immer, das Baby ist immer hässlich. Aber dann geht es Wege, die man als Autor nie vorhergesehen hat.“
Von der Radiokarriere zum Thrillerautor
Sebastian Fitzek wurde 1971 in Berlin geboren. Er studierte kurz Tiermedizin, dann Jura und promovierte zum Thema Urheberrecht. Es folgte eine Radiokarriere, in Berlin ist sein Name eng mit 104.6 RTL verbunden. „Ich habe bis 2004 als Berater für zehn verschiedene Radiostationen gearbeitet. Ich hatte viel Leerlauf, weil ich andauernd auf Flughäfen und Bahnhöfen und in Hotels herumsaß. Ich war ständig schlecht gelaunt“, sagt Fitzek. „Der gesamte Radiomarkt ist sehr markengetrieben, man versucht ständig herauszufinden, was der Hörer will. Damit habe ich kein Problem. Aber beim Buch habe ich nie nach dem Leser gefragt, sondern einfach geschrieben.“
Seit 2006 ist er freier Autor. Längst ist der Name Sebastian Fitzek zur Marke geworden. Wobei er abstreitet, ein kleines Unternehmen sein. Dabei hat er ein Team um sich, mehrere sind fest angestellt. Fitzek ist ein Bastler und Tüftler. Er hat an TV-Show-Konzepten gefeilt. 2006 gab es etwa die ZDF-Show „Deutschland Deine Namen“ mit Johannes B. Kerner. Im Jahr davor erschien das Sachbuch „Professor Udolphs Buch der Namen“, bei dem er Koautor war. „Wir arbeiten gerade an einer Hörspielreihe“, erzählt er. Nach sieben Folgen hätte er gemerkt, das es Mist sei. „Ich habe es weggeschmissen. Wir fangen wieder von vorne an.“
Fitzek ist ein Geschichtenerzähler. Auch im Gespräch, selbst wenn es nur um Facebook geht. Er hat für seine Selbstdarstellung klare Regeln. „Das Kinderzimmer meines jüngsten Sohnes sieht aus wie ein Tatort. Der Post würde mir Zehntausende von Likes einbringen, weil ich nur drüber schreiben müsste, hier hole ich mir meine Inspiration“, sagt er: „Meine Sorge wäre, dass dieses Foto in der 7. Klasse meinem Sohn vorgehalten wird. Und es ihm peinlich ist. Er konnte es nicht entscheiden. Cybermobbing ist ein Thema für Thriller.“
Gemeinsamer Thriller mit einem Rechtsmediziner
Und auch die Datenkontrolle ist ihm ein wichtiges Thema. „In eines meiner nächsten Bücher wird einfließen, dass Anbieter wie Google allein am Eingeben in die Tastatur erkennen können, wer wir sind. Das ist wie ein Fingerabdruck.“ Vor vier Jahren ist das Buch „Abgeschnitten“ erschienen, das hat er gemeinsam mit dem Berliner Gerichtsmediziner Michael Tsokos geschrieben. Seither schätze er die Rechtsmedizin, so Fitzek, „weil sie viel mit den Lebenden zu tun hat.“
Als er Tsokos in der Charité besuchte, sah er eine Spielecke wie im Wartezimmer beim Kinderarzt. Viele tragische Fälle landen dort. Tsokos erzählte ihm die Geschichte vom Kind, das vom Vater zu Tode geschüttelt wurde. Anhand der Netzhaut lässt sich das ermitteln. Der Vater wurde freigesprochen, weil er vor Gericht behauptete, er hätte das Kind geschüttelt, weil es nicht atmete. „Mich interessiert an der Geschichte nicht der Blutrausch“, sagt Fitzek, „mich interessiert der Konflikt des Vaters und des Gerichts.“
Solche Geschichten laufen im Fernsehen rauf und runter. Aber mit dem Fernsehen hat Fitzek nicht viel im Sinn, er hält es für ein total angepasstes Geschäftsmodell. „Wenn es nur eine Leiche gibt, wird sofort Krimi oder Thriller draufgeschrieben, weil sich das besser verkauft.“ Er selbst schaue nur sehr ausgewählt, sagt er. „Das Fernsehen steckt heute in einer Zwickmühle, weil es als lineares Medium möglichst viele abholen muss. ,Wer wird Millionär?‘ ist das typische Fernsehen der Gegenwart. Man kann eine halbe Stunde in die Küche gehen, mit dem Hund rausgehen, und anschließend sind wir sofort wieder drin im Geschehen. Das ist unsere Zeit.“
Berliner Kriminal Theater, Palisadenstr. 48, Friedrichshain. Tel. 47997488, ab 29.9.


