Es war ein sexuelles Verbrechen, das ganz Berlin schockierte und dennoch schnell von einer ähnlichen Gewalttat im Görlitzer Park überschattet wurde: die Gruppenvergewaltigung einer 14-Jährigen durch mehrere Jugendliche und Heranwachsende am 9. Juni am Zehlendorfer Schlachtensee. Diese hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf den ungleich bekannteren sexuellen Überfall dreier Männer vom 21. Juni in Kreuzberg. Ein Überfall, der die Stadt über Monate in Atem hielt und eine politische, auch überregionale Sicherheitsdebatte über den bundesweit berüchtigten Drogen-Hotspot Görlitzer Park auslöste.

Es waren immerhin die Fahnder der Ermittlungsgruppe „Calor“ beim Landeskriminalamt (LKA), die die drei Tatverdächtigen im Alter von 21 und 22 Jahren festnehmen konnten, die eine 27-Jährige im Beisein ihres ebenfalls 27-jährigen Ehemannes vergewaltigt haben sollen. „Calor“, Spanisch für „Hitze“ oder „Wärme“, wiederum war aufgrund mehrerer Sexualstraftaten gegründet worden, die in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 2023 am Schlachtensee begangen wurden. Es sei zu sexuellen Übergriffen und sexuellen Belästigungen „zum Nachteil junger Frauen gekommen“, hieß es damals von der Polizei. Die schwerste davon: die Vergewaltigung der 14-Jährigen.

Vergewaltigungen wurden erst einen Monat später bekanntgegeben

Am kommenden Donnerstag, den 11. Januar, startet nun, rund sieben Monate nach den Ereignissen, der Prozess gegen zwei der mutmaßlichen Täter jener Nacht vor dem Landgericht Berlin. Der Fall vom Schlachtensee weist neben der zeitlichen Nähe noch zahlreiche weitere Parallelen zum Vorfall im Görlitzer Park auf. In beiden Fällen stand die Polizei wegen ihrer verspäteten Bekanntgabe der Verbrechen – sie erfolgte fast einen Monat nach den Taten – in der Kritik. Beide Male begründete sie dieses Vorgehen mit dem Opferschutz. Bei der öffentlichen Kommunikation der Ermittlungen kam es sogar von Seiten der Behörden zu Verwechslungen der beiden Delikte.

Eine Gruppenvergewaltigung im Juni 2023 im Görlitzer Park in Kreuzberg löste eine breite gesellschaftliche und politische Sicherheitsdebatte aus.
Eine Gruppenvergewaltigung im Juni 2023 im Görlitzer Park in Kreuzberg löste eine breite gesellschaftliche und politische Sicherheitsdebatte aus.© Berlin | Reto Klar

Einen Zusammenhang zwischen den beiden Vergewaltigungen in Schlachtensee und Kreuzberg und ihren jeweiligen Tatverdächtigen hatten die Ermittler allerdings bereits früh ausgeschlossen. Vor Gericht stehen nun zwei junge Männer im Alter von 18 und 19 Jahren. Sie sollen sich gemeinsam an dem damals 14 Jahre alten Mädchen vergangen haben.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft hätten zum Tatzeitpunkt verschiedene Feierlichkeiten am Schlachtensee stattgefunden, an denen auch das spätere Opfer teilgenommen habe. Das Mädchen soll den beiden Männern am Tattag zunächst freiwillig von einer der Feiern bei den Liegewiesen des Badesees zu einem abgelegeneren Teil der Anlage gefolgt sein. Als sie weggehen wollte, sollen die mutmaßlichen Täter sie dann jedoch gegen ihren Willen mitgezogen und schließlich weggetragen haben. An einer unüberschaubaren Stelle sollen sie die Jugendliche schließlich festgehalten und sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen haben.

Insgesamt vier Tatverdächtige in zwei Verfahren

Der ältere Angeklagte befindet sich seit vergangenem August in Untersuchungshaft. Er wurde von Spezialkräften der Polizei an seinem Arbeitsplatz in einem Friseursalon in Tiergarten festgenommen. Bei dem anderen Beschuldigten sah die Staatsanwaltschaft hingegen aufgrund stabiler Lebensumstände keine Fluchtgefahr, wie es bei der Anklageerhebung im vergangenen November hieß. Ein Haftbefehl sei deshalb nicht beantragt worden.

Auch zwei Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren stehen im Verdacht, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Gegen sie wird laut Staatsanwaltschaft in einem gesonderten Verfahren ermittelt. Die beiden werden als Intensivtäter geführt und wurden bereits am 1. August 2023 in anderer Sache – einem gemeinschaftlich begangenen Raub am U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz – wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft genommen. Einsatzkräfte der Polizei hatten zuvor die Wohnungen aller vier Beschuldigten in Schöneberg, Tempelhof und Zehlendorf durchsucht, Datenträger beschlagnahmt und ausgewertet.

Knapp 50 Zeugen sollen zu dem Vorfall befragt werden

Da die Angeklagten vom Donnerstag die Tat als Heranwachsende begangen haben sollen – sie waren zur Tatzeit zwischen 18 und 21 Jahre alt – findet das Verfahren vor einer Jugendkammer des Landgerichts statt. Bedeutet: Sollten die Angeklagten für schuldig befunden werden, so müsste das Gericht entscheiden, ob sie nach Jugendstrafrecht oder nach Erwachsenenstrafrecht zu bestrafen sind.

In dem Prozess sollen nach Gerichtsangaben etwa 50 Zeugen gehört werden. Bis zum 4. April sind insgesamt 16 Verhandlungstage eingeplant. Aufgrund des geringen Alters des Opfers wird das Verfahren aber wahrscheinlich im Wesentlichen außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden.

Dennoch werden die Augen der Stadt genau auf den Auftakt des Prozesses gerichtet sein. Denn nur eine Woche später, am 18. Januar, beginnt auch das Verfahren gegen die drei Angreifer vom Görlitzer Park. Nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft bestreitet der jüngste Beschuldigte den Angriff auf die 27-Jährige und deren Ehemann. Die beiden 22-Jährigen wiederum hätten sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert, hieß es.

Zaun um den Görlitzer Park soll für Sicherheit sorgen

Die Männer besitzen laut Anklagebehörde die somalische, guinea-bissauische beziehungsweise guineische Staatsangehörigkeit. Nach Medienberichten soll es sich um Drogenhändler handeln, die bereits mehrfach durch Straftaten aufgefallen und deren Asylanträge abgelehnt worden seien.

Der Fall hatte erneut eine Debatte über Sicherheitsmaßnahmen im Görlitzer Park ausgelöst, der besonders wegen Drogenhandels zu den Berliner Kriminalitätsschwerpunkten gehört. Ein Zaun um die Anlage soll nun helfen, dies zu ändern. Dieser kommt jedoch später als von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CD U) angekündigt. Zuletzt hieß es, ein Baubeginn sei erst im ersten Quartal 2024 möglich.