100 Jahre Kriegsende

Wie die Morgenpost über die Revolution berichtete

„Maschinengewehrfeuer am Alexanderplatz“: Ein Blick in die Ausgaben der Berliner Morgenpost vom 9. bis zum 12. November 1918.

Berliner Morgenpost vom 9. November 1918

In der Ausgabe jenes so ereignisreichen Tages, mit ihren Berichten vom Vortag, klang alles noch wenig nach Revolution, eher nach Jugendkrawallen und Neckereien der Polizei:

Unter den Linden herrschte gestern abend ein viel lebhafterer Verkehr als in den Vortagen. Das warme Wetter hatte eine große Menschenmasse angelockt. Zeitweise wurde von den halbwüchsigen Burschen und Mädchen, die überall bei solchen Gelegenheiten anzufinden sind, ein ganz netter Radau gemacht. Die Polizei säuberte wiederholt den östlichen Teil der Linden mit blanker Waffe. Aber immer gelang es den Radaulustigen, durch die Seitenstraßen wieder nach den Linden zu kommen, so daß sich schließlich ein ganz nettes Zeckspiel zwischen ihnen und der Schutzmannschaft entwickelte. (…) Es hatte den Anschein, als ob ein bißchen reichlich viel Aufwand von der Polizei getrieben wurde. Das Vorrücken der Schutzleute mit vorgehaltenen Karabinern, die im Schein der Bogenlampen glitzernden blanken Klingen der geschwungenen Säbel und die stattliche Kavallerie machte aber einen ausgezeichneten Eindruck.

Bedrohlich waren für die Berliner an dem Tag ganz andere Nachrichten, der Magistrat befürchtete zum Kriegsende Probleme bei der Nahrungsversorgung der Stadt: Die Lage, vor der wir stehen, kann in der Tat nicht ernst und schwarz genug geschildert werden. Auch deshalb wollten viele aufs Land, doch das war schwierig: Vor dem Schlesischen Bahnhof herrschte ein geradezu lebensgefährliches Gedränge. Vor den Schaltern für den Fernverkehr in Richtung Bromberg-Posen sowie Breslau-Oderberg stauten sich die Massen. Wiederholte Mitteilungen, daß der Fernverkehr eingestellt sei und keine Fahrkarten zum Verkauf gelangen, hatten keinen Erfolg. In den Wandelgängen sah es wie in einem Feldlager aus. Auf den anderen Bahnhöfen zeigte sich ein ähnliches Bild.

Auf den Anzeigenseiten lagen, wie jeden Tag, Freud und Leid unmittelbar nebeneinander. Hier Aus der Verlustliste Nr. 1233 mit den neuesten 78 Kriegsopfern, von Arndt, Erich, gef. bis Zwecke, Willy, vm. – und da die Annonce für das Apollo-Theater mit seinem Dauerbrenner: Die Welt geht unter. Mit Ernst Lubitsch unter den Darstellern. Und in der Schlossbrauerei Schöneberg, Hauptstraße 122–123: Große Ehrenringkämpfe. Mit Weltmeisterringern. Vorher hervorragende Varieté-Programme.

Zwischen Nachrichten und Annoncen, jedes Mal der Fortsetzungskrimi, Das Auge des Buddha (wenig später als Stummfilm ein Kassenschlager). Er lockte die Leser in die große weite Welt: Die Stricknadeln klapperten, endlich nahm Ulrich wieder das Wort. ‚Jedenfalls werde ich eine Reise nach Neu-York unternehmen, Lottchen, es geht nicht anders.‘ - ‚Warum?‘ - ‚In Geschäften, liebes Kind.‘

Berliner Morgenpost vom 10. November 1918

Die wichtigste Meldung über das Geschehen vom Vortag war natürlich der Rücktritt des Kaisers. Doch auch lokale Meldungen hatten es in sich:

Die Unabhängigen Sozialdemokraten in der Berliner Stadtverordnetenversammlung haben folgenden schleunigen Antrag eingebracht: „Die Versammlung wolle beschließen, den Magistrat zu ersuchen, unverzüglich eine Besprechung der Magistrate und Gemeindevertreter von Groß-Berlin über die Eingemeindung sämtlicher Berliner Vororte herbeizuführen. Der Antrag wird nach unseren Informationen die Unterstützung aller Parteien finden.“

Bei der Nahrungsversorgung gab es etwas Entspannung, indem vom 1. Dezember ab die tägliche Mehlration um 40 Gramm erhöht wird. Den Schwer- und Schwerstarbeitern wird diese Erhöhung auf ihre Zulagen angerechnet.

Ansonsten häuften sich nun die Berichte aus der Stadt über Gruppen, die in den nächsten Tagen um Macht und die Deutungshoheit kämpften:

Unter den Linden: Ein endloser Zug bewegt sich am Café Bauer vorbei, unter Führung zweier Unteroffiziere und mehrerer Mannschaften, die rote Fahnen schwenken. Von den Fenstern der Häuser wird der Menge zugejubelt, ein besonders begeisterter Bürger wirft den Soldaten dunkelrote Sammetkissen zu, die bisher wohl für andere Zwecke gedient haben mögen, als einer singenden und schreienden Menge vorangetragen zu werden. Am Ende des Zuges eine Droschke, in ihr – damit zum Ernst das Possenspiel nicht fehle – ein Filmoperateur, um dieses allerneueste Ereignis im Film zu verewigen. An der Französischen Straße ein furchtbares Gedränge, Schlägereien zwischen Zivilisten und Soldaten, sie sich weigern, ihre Kokarden zu beseitigen.

2 Uhr mittags. Die Militärpatrouillen gehen ohne Gewehr. Die Kokarden von den Mützen sind verschwunden, die Straßen der inneren Stadt sind schwarz von Menschen. Offiziere werden angehalten, nach kurzem Widerstand verschwinden meist auch von den Offiziersmützen die schwarz-weiß-roten Rosetten. (...) Vor dem Kriegsministerium hält ein Wagen. Ansprachen werden vom Auto herunter gehalten. Hochrufe auf die neue Freiheit und auf die junge Republik werden laut und pflanzen sich von Mund zu Mund fort. (…) Der Westen liegt völlig unberührt. Die Straßen sind leerer als sonst, hier wissen die Leute noch nichts von den Ereignissen in der Stadt. (...) In Spandau ist alles ruhig.

Berliner Morgenpost vom 11. November 1918

An dem Tag durften großdeutsch-nationale Seelen aus den Auslandsnachrichten der Zeitung – zumindest vorübergehend – ein wenig Hoffnung schöpfen:

Der deutsch-österreichische Staatsrat hat einstimmig unter begeistertem Beifall beschlossen, der Dienstag zusammengetretenen Nationalversammlung den Anschluss Deutsch-Österreichs an das Deutsche Reich vorzuschlagen. Die Kronländer Tirol und Salzburg haben sich bereits für den Anschluss ausgesprochen.

Aus den Meldungen über das Stadtgeschehen:

Der gestrige Sonntag ist in Berlin im Allgemeinen ruhig verlaufen, wenn auch an einzelnen Stellen geschossen wurde. Die mittags verbreitete Nachricht über das Zentralhotel erweisen sich bei näherer Prüfung als unrichtig. Die Direktion bittet klarzustellen, dass vom Zentralhotel keine Schüsse abgegeben worden sind und königstreue Offiziere dort keinerlei Versteck gesucht haben. Auf den Türmen des Hotels sind Maschinengewehre aufgestellt. Das Letztere ist auch bei dem Continentalhotel der Fall.

Der Studentenrat der Berliner Universität erlässt folgenden Aufruf: „Die Universität ist geschlossen. Die Angelegenheiten der Studenten nimmt ein provisorisch gebildeter Studentenrat im Reichstag wahr. Studenten und Studentinnen, die im Sinn des Arbeiter- und Soldatenrates zur Arbeit in Betriebe und Verwaltungen bereit sind, melden sich sofort im Reichstagsgebäude, Erdgeschoss, Zimmer 10.“

Spontane Eingebungen zu erbaulichen, öffentlichen Feierstunden hatten in jenen Tagen auch ihre Chance:

In den ersten Nachmittagsstunden des gestrigen Tages trat ein älterer, schlicht gekleideter Mann auf eine Gruppe von Soldaten und Zivilisten zu, die an der Ecke der Taubenstraße stand, und forderte sie auf, ihm zum Schillerdenkmal zu folgen. Hier richtete er an die Versammlung ungefähr folgende Ansprache: „Mitbürger! Heute ist der 10. November, der Tag, der uns unseren großen Volksdichter geschenkt hat. Wie selten einer hat Schiller schon in früher Jugend unter dem Militarismus ebenso wie unter der Fürstenwillkür zu leiden gehabt und sein ganzes Leben lang für Freiheit gestritten und gelitten. Es geziemt sich jetzt, wo das deutsche Volk seine Freiheit errungen hat, auch ihres besten Vorkämpfers zu gedenken.“ Der Redner schloss mit einem dreifachen Hoch, in das die Umstehenden begeistert einstimmten.“

Die folgende Meldung dann zeigt aber auch, wie man das im November 1918 meinte, dass der Sonntag im Allgemeinen ruhig verlaufen sei:

Zu gestern mittag war eine Versammlung des ‚Bundes neues Vaterland’ am Bismarckdenkmal einberufen. Eine unabsehbare Menschenmenge füllte den Platz (vor dem Reichstag, d. Red.) Kaum hatte der erste Redner begonnen zu sprechen, als die Dorotheenstraße entlang ein wildes Maschinengewehrfeuer begann, zeitweise von Handgranatenfeuer unterbrochen. Unter den nach Tausenden zählenden Menge brach eine wilde Panik aus, und fluchtartig stürmte alles nach dem Königsplatz, wobei einige Frauen leicht verletzt wurden.

Auf den Anzeigenseiten an diesem Tag: Kaufe Frauenhaare. Kilo 20 Mark. Alte Zöpfe, Rosshaare usw. Oder: Gehpelz. Anzüge zum Wenden werden angenommen. Daneben: Helft den Verwundeten. Rote Lotterie. Lose à 3 Mark.

Berliner Morgenpost vom 12. November 1918

Einerseits waren an diesem Tag noch mehrere Meldungen über die Revolution und ihre Folgen zu lesen:

Der Volkskommissar für öffentliche Sicherheit erläßt folgenden Aufruf: Plündern, Rauben, Einbruch, grobe Angriffe auf persönliche Sicherheit eines jeden Bürgers werden mit sofortiger Erschießung bestraft. Oder auch: Schont die Telephonistinnen! Seit Sonnabend haben viele Berliner ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Um trotzdem nicht ohne Nachrichten zu bleiben, haben sie ununterbrochen das Telephon in Bewegung gehalten. Die unzähligen überflüssigen Gespräche erreichen weiter nichts als eine völlig unmögliche Überlastung der Telephonistinnen. Wenn sie ihre Arbeit fortführen sollen, ist es unerläßlich, daß unnötige Gespräche unterbleiben.

Und auch diese Nachricht gehört dazu, die zeigt, dass die Berliner abgehärtet waren, und längst nicht mehr sofort das Weite suchten, wenn nebenan geschossen wurde:

Maschinengewehrfeuer am Alexanderplatz: Eine erneute Schießerei gab es gestern nachmittag am Alexanderplatz. Kurz vor 3 Uhr krachten die ersten Schüsse. Niemand wusste zuerst, wer sie abgegeben hatte. Bald richtete sich Maschinengewehrfeuer auf das Dach des Hahn’schen Geschäftshauses. Die Schießerei artete schließlich derart aus, dass die Passanten des Platzes gefährdet waren und in die Häuser flüchteten.

Andererseits gab es für die Morgenpost an diesem Tag auch schon wieder groß aufgemacht etwas aus dem zivilen Stadtgeschehen zu berichten. Über einen Fall, der die Leser noch in den folgenden Wochen beschäftigte. Und der sie nun, nach Krieg und Revolution, langsam wieder auf andere Gedanken kommen ließ:

Doppelmord aus Rache. Am Sonnabend wurden der Roßschlächter Josef Erbacher und seine Braut Minna Lüders in dem Hause Gerichtsstraße 15 erschossen aufgefunden. Als Täter kommt ein wahrscheinlich aus Polen stammender Mann, der sich Kollek nannte und vor etwa drei Wochen bei Erbacher gearbeitet hatte, in Betracht. Kollek war nur drei Tage bei diesem tätig. Dann kam es zum Streit, wobei Erbacher dem K. eine Ohrfeige versetzte. Kollek entfernte sich mit der Drohung, dass er sich an E. und seiner Braut rächen werde.

Auf der Anzeigenseite dieser Ausgabe, im Rosenrahmen, dann noch diese Annonce – wohlgemerkt mit etwas voreiliger Ortsangabe: Als Verlobte empfehlen sich: Trudchen Fehlow, Willy Beckmann. Berlin-Neukölln. Den Berliner Ortsteil Neukölln sollte es erst ab 1920 geben.

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