100 Jahre Kriegsende

Revolution in Berlin: Als die Freiheit auf der Straße lag

Tagsüber wurde geschossen und nachts wurde Foxtrott getanzt: Das Museum für Fotografie bietet ein Panorama der  Novemberrevolution.

General Arnold Lequis wird beauftragt, mit seinen Garde-Jägern das Regierungsviertel zu sichern. Hier marschieren sie vor dem Brandenburger Tor, 10./11. Dezember 1918.

General Arnold Lequis wird beauftragt, mit seinen Garde-Jägern das Regierungsviertel zu sichern. Hier marschieren sie vor dem Brandenburger Tor, 10./11. Dezember 1918.

Foto: bpk/Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer

Berlin. In der Friedrichstraße spielten Leierkästen, Straßenverkäufer boten Salonfeuerwerk, Lebkuchen und Silberflitter an, in Kaufhäusern wie Wertheim staute sich die Weihnachtskundschaft, während der Schlosseingang zerschossen war und im Marstall Tote lagen. Wie kontrastreich die Revolutionszeit gewesen ist und wie gleichzeitig das Leben in der Metropole auf unheimliche Weise alltäglich und normal seinen Lauf genommen hat, lässt eine umfangreiche Ausstellung im Museum für Fotografie nachempfinden: „Berlin in der Revolution 1918/19. Fotografie, Film, Unterhaltungskultur“.

Mit dem Obrigkeitsstaat war praktisch über Nacht die Zensur verschwunden. Während des Krieges waren illustrierte Blätter nicht direkt von Fotografen beliefert worden. Vielmehr war die Propaganda- und Zensurstelle des sogenannten Bild- und Filmamtes (BUFA) dazwischengeschaltet gewesen. In den aufgewühlten Tagen und Wochen nach dem 9. November lichteten Bildjournalisten auf eigene Faust Demonstrationen und Barrikadenkämpfe ab und belieferten im Wettlauf konservative und progressive Redaktionen im Berliner Zeitungsviertel.

Mit großen Plattenkameras wurden täglich detailscharfe Impressionen der geschichtsträchtigen Volkserhebung festgehalten. Nebenbei wurde das Medium Postkarte revolutioniert. Es wandelte sich vom touristischen Souvenirartikel zum Zeitdokument. An Straßenecken boten Fotografen und Kleinverleger in provisorischen Postkartenständen aktuelle Fotokarten für 10 bis 20 Pfennige an: Artillerie-Volltreffer im Marstall, Panzerautos auf Patrouillenfahrt oder sogar Opfer der Kämpfe. Mit dem Abschwung des revolutionären Elans verschwanden auch die Postkartenstände wieder.

Als Nebenprodukt der weggefallenen Zensur blühte das Nackttanzgewerbe. Eine Trouvaille ist die in Vergessenheit geratene „Schönheitstänzerin“ Erna Offeney, die unter anderem im Palais der Friedrichstadt aufgetreten ist. Für Fotografen posierte die junge Frau in hauchfeiner Tüllunterwäsche mit schmachtendem Stummfilmdiva-Blick, im Alltag managte sie ein eigenes Tournee-Ballett mit bis zu 150 Ensemblemitgliedern. In ihrem Tagebuch vermerkte Offeney 1918: „Ich habe im Parkett Soldaten gesehen, beide einarmig, die jeder mit der einen Hand des anderen schlugen, um Beifall zu zeigen. Da wäre ich es fast gewesen, die geweint hätte.“

Schier uferlos erscheint die Fülle an Berliner Tanzlokalen, Ballsälen und Vergnügungsetablissements, allerdings fehlen Bilder tanzender Paare. Für schnelle Bewegungen war die damalige Fototechnik nicht gerüstet. Das ist wohl mit ein Grund, weshalb sich selten tatsächliche Gefechtsszenen dokumentiert finden. Viele Kampfbilder der Novemberrevolution sind sichtlich nachgestellte Szenen.

Zeitungspapierrollen als Barrikaden

Ikonisch geworden für den Spartakusaufstand der radikalen Linken um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind Bilder von Barrikaden aus großen Zeitungspapierrollen, die Aufständische im Januar 1919 im besetzten Zeitungsviertel gegen anrückende Regierungstruppen errichteten. Weil viele Zeitungen, darunter auch der sozialdemokratische „Vorwärts“, gegen Spartakisten hetzten, besetzten Revolutionäre Redaktionshäuser. Über hundert Spartakisten verloren bei der Aktion ihr Leben. Der Fotograf Willy Römer dokumentierte den Barrikadenkampf vor dem Mossehaus in der Schützenstraße. Die Bildagentur des 1887 geborenen Fotografen gehörte zu den bedeutendsten der Weimarer Zeit. Von Römer sind die meisten Originalabzüge der Revolution überliefert. Er drückte sogar unmittelbar bevor ihn Spartakisten festsetzten auf den Auslöser.

Mit den Brüdern Otto und Georg Haeckel waren in den ersten Tagen der Revolution auch erfahrene Kriegsreporter in Berlins Straßen unterwegs und lichteten spontane Kundgebungen Unter den Linden und vor dem Schloss ab. Vor der Revolution hatten sie den Kaiser porträtiert. Insgesamt war damals ein knappes Dutzend Pressefotografen in Berlin unterwegs. Dokumentarischen Fotografien sind in der Ausstellung Lupen beigefügt, die Details der historischen Fotoabzüge in die Sichtbarkeit rücken, etwa Einschusslöcher in bekannten Prachtgebäuden, und gleichzeitig eine Art Guckkasteneffekt erzeugen, der die Zeit vor 100 Jahren lebhaft vor Augen führt.

Der Ausstellungskurator Enno Kaufhold weist auf eine Einseitigkeit hin: „In der Geschichtsschreibung ist immer von Arbeiter- und Soldatenräten die Rede, die Fotografien aber belegen, dass die Sympathien für die Revolution weit in bürgerliche Kreise hineingingen.“ Joachim Brand von der Kunstbibliothek verweist auf die feine Kleidung vieler Demonstranten: „Die Revolution begann am Samstagnachmittag. Die Menschen nahmen im Sonntagsstaat an den weltgeschichtlichen Tatsachen teil und gingen am Montag wieder zur Arbeit.“

Vor allem in den ersten Revolutionswochen öffnete sich ein historisches Zeitfenster. Die politische Linke beherrschte die Straße, und die Opposition fand ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit selbst in bürgerlich geprägten, politisch konservativen Verlagen wie Scherl oder Ullstein. Die politische Unentschiedenheit in den Monaten nach dem 9. November spiegelte sich auch in den Medien wider. Illustrierte wie die „Berliner Illustrirte Zeitung“ oder „Die Woche“ schwenkten von Kriegspropaganda um auf Revolutionsberichterstattung. Erst als die Revolutionsfront zerbröckelte, in SPD auf der einen und USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) sowie Spartakisten auf der anderen Seite, unterstützte das Gros der Presse die sozialdemokratische Regierung von Friedrich Ebert.

Ein radikaler Umsturz wurde vereitelt

Mit neuen Augen angesichts der weit fortgeschrittenen Schlossrekonstruktion – große Teile der Fassaden sind inzwischen gerüstfrei – sieht man Szenen wie diese: Nach der Beschießung durch Artillerie stehen Marineposten an Weihnachten 1918 mit stolzgeschwellter Brust vor dem zerstörten Eingang des Schlosses. Mit dem zerschossenen Schmiedeeisentor scheint der Weg frei in eine andere Welt. Träume eines fundamentalen gesellschaftlichen Wandels währten indes nicht lange. Mitte Januar 1919 wurden die Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Luxemburgs Leichnam wurde erst Monate später im Landwehrkanal entdeckt. Mitte Juni schob sich der Trauerzug durch die Frankfurter Allee. Die Fülle an Kränzen wirkt wie eine bewegliche Blumenwiese. Die Trauernden tragen Strohhüte und sommerliche Blusen. Trotz sonnigen Wetters herrscht eine bleierne Stimmung.

Der Publizist und spätere NSDAP-Reichstagsabgeordnete Eduard Stadtler sollte sich in den 1930er-Jahren in einem Buch rühmen, den politischen Mord an Luxemburg durch eine militärische Spezialeinheit angeregt zu haben. Finanziert wurde der Kampf gegen den Kommunismus wesentlich durch die deutsche Wirtschaft. Noch Anfang Januar 1919 hatten führende Wirtschaftsvertreter 50 Millionen Mark als „Antibolschewistenfonds“ bereitgestellt. Auf keinen Fall sollten in Deutschland russische Verhältnisse eintreten.

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky notierte rückblickend in einem Artikel zum 10. Jahrestag der Revolution: „Die Mutter dieser Revolution war die Sehnsucht der Soldaten, zu Weihnachten nach Hause zu kommen. Und Müdigkeit, Ekel und Müdigkeit.“ Politische Möglichkeiten, die im „November-Umsturz“ gleichwohl „auf der Straße gelegen“ hätten, waren nach Tucholskys Ansicht von „Ebert und den Seinen“ verraten worden. In der Selbstwahrnehmung hatten die moderaten Sozialdemokraten hingegen einen flächendeckenden Bürgerkrieg verhindert. Heute selbstverständlich gewordene Errungenschaften der Revolution sind unter anderem die Sozialgesetzgebung und das Frauenwahlrecht.

Die von Enno Kaufhold, Evelin Förster und Ludger Derenthal eingerichtete Ausstellung aus mehr als 300 historischen Fotografien, Postkarten, Plakaten, Zeitungen, Illustrierten, Film- und Tondokumenten speist sich in wesentlichen Teilen aus dem Archiv Willy Römers aus der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen. Ergänzungen kommen unter anderem aus dem Ullstein Bildarchiv, der Stiftung Deutsche Kinemathek und von privaten Leihgebern. Die Schau ist ein sehenswerter Beitrag zum Themenwinter „100 Jahre Revolution – Berlin 1918/19“, wo erneut die Frage aufgeworfen wird: Welches Bild der epochalen Novemberereignisse entspricht der Realität?

Die Novemberrevolution - eine Chronologie:

3. Oktober 1918. Auf Drängen der Obersten Heeresleitung wird unter dem Reichskanzler Max von Baden eine parlamentarisch verantwortliche deutsche Regierung gebildet. Mit einer Veränderung der Verfassung von 1871 wird Deutschland zu einer parlamentarischen Monarchie.

29. Oktober 1918. Als sie erfahren, dass sie noch einmal gegen die übermächtige englische Flotte kämpfen sollen, beginnen in Wilhelmshaven die Matrosen zu meutern. Die unter Deck stationierten Heizer machen den Anfang und nehmen das Feuer aus den Kesseln. Innerhalb weniger Tage greift die Erhebung auf andere Städte Norddeutschlands über. Matrosen und Soldaten verbünden sich mit der Bevölkerung.

7. November 1918. Mit dem Haus Wittelsbach stürzt die erste deutsche Monarchie. Eine Gruppe von Linksoppositionellen um Kurt Eisner ruft in Bayern die Republik aus. Eisner wird 1919 von einem völkisch-nationalistischen Studenten ermordet.

9. November 1918. In Berlin ziehen seit dem frühen Morgen bewaffnete Arbeiter und Soldaten ins Regierungsviertel. Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündet mittags den Thronverzicht des Kaisers und tritt als Reichskanzler zurück. Er übergibt die Regierungsgeschäfte an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Um 14 Uhr ruft Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstags die „Deutsche Republik“ aus. Um 16 Uhr ruft der revolutionäre Sozialist Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik“ aus. In der Nacht auf den 10. November flieht Kaiser Wilhelm II. nach Holland.

10. November 1918. Friedrich Ebert bildet mit je drei Mitgliedern der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) mit dem „Rat der Volksbeauftragten“ eine neue Regierung. Es kommt zu einem Bündnis mit der Obersten Heeresleitung, um die linksradikalen Umsturzpläne zu verhindern. Ebert versucht damit einen geordneten Übergang von der Monarchie zur Demokratie möglich zu machen.

11. November 1918. In dem französischen Städtchen Compiègne wird der Waffenstillstandsvertrag in einem Salowagen unterzeichnet.

30. November 1918. Der Rat der Volksbeauftragten beschließt eine Wahlordnung für die künftige Nationalversammlung. Demnach sollen alle Männer und Frauen im Alter von mindestens 20 Jahren wahlberechtigt sein. Mit dem Frauenwahlrecht zählt Deutschland - neben Österreich - zur Avantgarde in Europa. Das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde durch eidgenössische Abstimmung erst 1971 eingeführt.

19. Dezember 1918. Der Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte erklärt sich für die Einberufung einer verfassunggebenden Nationalversammlung und stellt damit die Weichen für eine parlamentarische Verfassung.

29. Dezember 1918. Die USPD-Mitglieder verlassen den Rat der Volksbeauftragten, weil sie Deutschland in Richtung eines Rätestaats verändern wollen. Sie werden durch zwei weitere Mehrheitssozialdemokraten ersetzt. Der Rat bezeichnet sich von jetzt an selbst als Reichsregierung. Er schreibt Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung aus.

1. Januar 1919. Der Spartakusbund unter Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und weitere linkssozialistische Gruppen gründen die kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Ihr Ziel ist die Errichtung des Kommunismus in Deutschland. Die KPD lehnt die Beteiligung an den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung ab.

5.-15. Januar 1919. In Berlin kommt es im Streit um die künftige Gestaltung der Republik zum Generalstreik und zu bewaffneten Kämpfen. Rosa Luxemburg wird am 15. Januar von einem Freikorps-Leutnant erschossen. Auch Liebknecht wird ermordet.

19. Januar 1919. In allgemeinen Wahlen wird die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Die SPD geht zwar als stärkste Kraft aus den Wahlen hervor, ist jedoch mangels absoluter Mehrheit auf einen Koalitionspartner angewiesen. Zusammen mit der Zentrumspartei und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bildet sie die sogenannte Weimarer Koalition.

11. Februar 1919. Friedrich Ebert wird mit den Stimmen von SPD, DDP und Zentrum zum Reichspräsidenten gewählt. Er setzt am 13. Februar die Regierung Scheidemann ein. Eine demokratisch legitimierte Regierung ist an der Macht.

Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Charlottenburg. Geöffnet Di., Mi., Fr., Sa. und So. 11–19 Uhr, Do. 11–20 Uhr. Bis zum 3. März 2019.

Mehr zum Thema:

Der Erste Weltkrieg: Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Wie der Erste Weltkrieg unsere Sprache veränderte

"Im Westen nichts Neues": Ein Roman erschüttert die Republik

Wie die Morgenpost über die Revolution berichtete

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.