100 Jahre Kriegsende

"Im Westen nichts Neues": Ein Roman erschüttert die Republik

Erich Maria Remarque schrieb 1929 über die Gräuel des Krieges. In den Reaktionen spiegelte sich die Zerrissenheit der Gesellschaft.

Erich Maria Remarque, geboren 1898 in Osnabrück, emigrierte 1932 in die Schweiz, wo Jahrzehnte später dieses undatierte Foto  entstand.

Erich Maria Remarque, geboren 1898 in Osnabrück, emigrierte 1932 in die Schweiz, wo Jahrzehnte später dieses undatierte Foto entstand.

Foto: dpa Picture-Alliance / DB / picture-alliance / dpa

Berlin. Als Erich Maria Remarque sich im Herbst 1927 Abend für Abend an den Schreibtisch seiner Berliner Wohnung am Kaiserdamm 114 setzte, um ein Buch über das Fronterlebnis im Ersten Weltkrieg zu schreiben, deutete kaum etwas darauf hin, dass der Gesellschaftsjournalist und ehemalige Lehrer, Kaufmann, Buchhalter, Grabsteinhändler und Werbetexter mit gerade einmal 30 Jahren zum Bestsellerautor werden und zugleich ein Stück deutsche Geschichte schreiben würde. Doch genau dies geschah, als sein im Ullstein’schen Propyläen-Verlag erschienener Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ im Januar 1929 in den Buchhandlungen lag. Nur wenige Wochen später war die Rede vom ,Fall Remarque‘. Nie zuvor hatte ein Schriftsteller den Krieg so schonungslos und öffentlichkeitswirksam „als ein Meer des Grauens, der Schmerzen und des Barbarismus“ (Kurt Sontheimer) beschrieben. Während die nationalistischen Kräfte den Krieg als Kraftquell und Keimzelle einer kommenden „Volksgemeinschaft“ darstellten, gestaltete der Verfasser von „Im Westen nichts Neues“ diesen als lebensfeindliche Macht. Das Buch wurde zum Politikum, an dem sich ein Stellvertreterkrieg um die junge deutsche Republik entspann.

Die Illusionen wurden im Sperrfeuer der Schützengräben zerstört

Dabei sollte es „weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam“, schrieb Remarque im Geleitwort. Im Gegensatz zum Autor, der 1916 einberufen wurde und nach nur sieben Wochen durch britische Granatsplitter schwer verwundet aus dem Krieg ausschied, zieht sein Protagonist Paul Bäumer 1914 mit seinen Klassenkameraden freiwillig an die Westfront. Die in der wilhelminischen Schulwelt vermittelten heroischen Illusionen halten dem Toben der Materialschlacht nicht stand. „Trommelfeuer, Sperrfeuer, Gardinenfeuer, Minen, Gas, Tanks, Maschinengewehre, Handgranaten – Worte, Worte, aber sie umfassen das Grauen der Welt“, beschreibt Bäumer den in stereotyper Gleichförmigkeit wiederkehrenden Tod. Im Oktober 1918 fällt er als letzter seiner Gruppe – „an einem Tage, der so ruhig und so still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden“.

Als die Auflage von „Im Westen nichts Neues“ im Frühjahr 1929 in schwindelerregende Höhen stieg, reichten die Reaktionen von euphorischer Vereinnahmung bis hin zu hasserfüllter Ablehnung. Die liberalen Zeitungen veröffentlichten begeisterte Stellungnahmen – allen voran die Blätter des Ullstein-Konzerns. „Vossische Zeitung“, „Berliner Morgenpost“, „B.Z. am Mittag“ und „Berliner Illustrirte Zeitung“ rührten kräftig die Werbetrommel für das Buch. So bezeichnete der Schriftsteller Carl Zuckmayer es in der „Berliner Illustrirten Zeitung“, die anlässlich des Verkaufsstarts am 31. Januar 1929 extra an einem Donnerstag anstatt wie gewöhnlich sonntags erschien, als das „erste Kriegsbuch, das Wahrheit gibt, [...] reine gültige Wahrheit“. Für Bernhard Kellermann war es ein „unvergängliches Zeitdokument“, welches „Erlebnis und Qual von Millionen unbekannter Soldaten [...] mit der Schärfe eines geschliffenen Spiegels wiedergibt“, schrieb er am gleichen Tag in der „Berliner Morgenpost“: „Front! Ja, in der Tat, das ist sie, die polternde, gespenstische Front! Hin- und herpendeln zwischen Tod und Quartier. Entwurzelung, Verrohung, Vertierung, isoliert von der zivilisierten Welt.“

Während sich die sozialdemokratische Presse dem positiven Urteil überwiegend anschloss und auch die progressiv ausgerichteten nationalliberalen Zeitungen mit Wohlwollen reagierten, ging die politische Rechte – Deutschkonservative, Stahlhelmer, Nationalsozialisten – zum Kampf gegen Remarque über. Denn „Im Westen nichts Neues“, millionenfach gelesen, drohte ihre sorgsam aufgerichteten Heldenbilder vom Krieg zu unterminieren. Das Buch sei eine „pazifistische Propaganda großen Stils“, schrieb etwa die „Neue Preußische Kreuz-Zeitung“, und als solches ein „undeutsches“ Buch, so die „Niederdeutsche Zeitung“, welche das Opfer der „toten Kameraden“ entwürdige, ergänzte das „Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger“.

Die Agitation richtete sich auch gegen die Person Remarques. Immer wieder wurde die Legende bemüht, er heiße „Kramer“. Als herauskam, dass der Schriftsteller seinen auf französische Wurzeln („Remacle“) zurückgehenden tatsächlichen Geburtsnamen „Remark“ in „Remarque“ abgewandelt hatte, wurde ihm auch das zur Last gelegt. Wer ausgerechnet auf die Sprache des Erbfeindes zurückgreife, habe das Recht verwirkt – wie von Ullstein proklamiert –, im Namen aller Toten geschrieben zu haben. Zudem spreche allein sein kurzer Fronteinsatz dafür, dass Remarque ein „geborener Nichtsoldat“ ohne „zwingendes Verhältnis“ zum Krieg gewesen sei, schrieb der zum rechtskonservativen Hugenberg-Konzern gehörende „Der Tag“.

Kampagne der Nazi-Presse

Die Nazi-Presse trieb die Kampagne auf die Spitze. Ihre Angriffe richteten sich zugleich gegen das verhasste demokratische System, als dessen Vertreter der „republikanische Hofdichter“ galt. So war „Im Westen nichts Neues“ für die Parteizeitung „Völkischer Beobachter“ der „klassische Roman der Novemberrepublik“, der zu einer Projektionsfläche für all jene Gesinnungen wurde, die die Nazis bekämpften. Wie ernst sie es meinten, zeigte sich im Januar 1930: Als die NSDAP mit Wilhelm Frick erstmals einen Minister im Deutschen Reich stellte, ließ dieser den Roman nur zwei Wochen nach seinem Amtsantritt für sämtliche Lehrer- und Schülerbüchereien verbieten.

Überraschenderweise stieß „Im Westen nichts Neues“ nicht nur auf der äußersten Rechten auf Ablehnung, sondern auch ganz links und in der Mitte der Gesellschaft. So war das Buch den Kommunisten zu unrevolutionär. Sie kritisierten, Remarque benenne nicht die kapitalistischen Ursachen des Krieges. Und viele Katholiken nahmen trotz der christlichen Botschaft „Nie wieder Krieg“ an der vermeintlichen Unmoral und Gottlosigkeit der Remarque’schen Soldaten Anstoß und vermissten Opferwillen und patriotische Begeisterung.

Während in Deutschland der „Bürgerkrieg der Erinnerungen“ im „Kampf um Remarque“ kulminierte, stieß „Im Westen nichts Neues“ im Ausland fast ausnahmslos auf Zustimmung. In den Ländern der Kriegsgegner – England, Frankreich und Remarques späterem Exil USA – priesen die Leser die völkerversöhnende Gesinnung des Buches, das alte Feindbilder abbaute. Unabhängig von seiner Herkunft erkannten sie Remarques Schilderung als Kriegserlebnis des „Unbekannten Soldaten“ aller Nationen an. Eine Auflage folgte der anderen; in Bibliotheken gab es Wartelisten. „,Im Westen nichts Neues‘“, resümierte die „Los Angeles Times“, „ist zu einer literarischen Sensation auf zwei Kontinenten geworden.“

Der Rummel rief Hollywood auf den Plan. Der deutschstämmige Produzent und Gründer von Universal Pictures, Carl Laemmle, sicherte sich die Filmrechte. Am symbolischen 11. November 1929, dem elften Jahrestag des Waffenstillstands, um 11 Uhr, begannen unter der Regie von Lewis Milestone die Dreharbeiten. Rund 2000 Veteranen wirkten als Statisten mit, mehrheitlich US-Amerikaner, aber auch Engländer, Franzosen, Russen, Italiener und Deutsche. Dass Soldaten ehemals verfeindeter Nationen gemeinsam für die kriegskritische Botschaft des Films eintraten, zeigte einmal mehr dessen völkerversöhnendes Element.

In Erinnerung bleibt besonders eine sechseinhalbminütige Grabenkampfsequenz, die bis heute die Vorstellung vom Ersten Weltkrieg prägt. Im Laufschritt begleiten die Zuschauer die heranstürmenden französischen Soldaten durch das Auge der auf einem fahrbaren Kran platzierten Kamera bis zum deutschen Graben. Im Rhythmus der Maschinengewehrsalven werden sie niedergemäht; dann massakrieren sich die Männer mit Spaten und Bajonett, bevor der deutsche Gegenangriff im MG-Feuer der Franzosen endet. Wie Dominosteine fallen die Soldaten zu Boden – im nach mathematischen Prinzipien geführten, industrialisierten Krieg ist der Tod jedes einzelnen nicht mehr als eine Zahl.

Symptomatisch für den bevorstehenden Untergang der Weimarer Republik

An den Kinokassen wurde die Universal-Produktion ein großer Erfolg, der im November 1930 mit zwei Academy Awards – den heutigen „Oscars“ – für den besten Film und die beste Regie gekrönt wurde. Als „Im Westen nichts Neues“ im Dezember desselben Jahres in Deutschland auf die Leinwand kam, stieß dies bei den Rechtskräften auf wenig Begeisterung. Der von ihnen nun entfesselte „Filmkrieg“ war symptomatisch für den bevorstehenden Untergang der Weimarer Republik. Bereits vor dem Kinostart hatten mehrere rechtskonservative Landesregierungen Widerspruch gegen die Zulassung eingelegt. Auch aus dem Reichswehr- und dem Innenministerium ergingen entsprechende Empfehlungen, da der Film das Erbe der deutschen Weltkriegssoldaten beschmutze.

Ihren großen Auftritt hatten am 5. Dezember 1930 dann aber die Nazis. SA-Schlägertrupps sprengten die Abendvorstellung im Mozartsaal am Berliner Nollendorfplatz mit „andauerndem Lärmen, [...] schrillen Pfiffen, Stinkbomben“ und der „körperlichen Bedrohung“ des Publikums, wie die „Vossische Zeitung“ berichtete. Selbst weiße Mäuse setzten die Randalierer im Kinosaal aus. Hinter den Störaktionen steckte ein gewisser Joseph Goebbels, seit 1926 nationalsozialistischer „Gauleiter“ von Berlin. Der Chefpropagandist der NSDAP hatte die Aktion von langer Hand geplant. Täglich rief er in seinem Kampfblatt „Der Angriff“ zu Protesten auf. Zehntausende verwandelten den Berliner Westen in einen regelrechten Remarque-Kriegsschauplatz.

Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt: Die Film-Oberprüfstelle knickte vor dem Nazi-Radau ein und untersagte am 11. Dezember 1930 wegen der „Gefährdung des deutschen Ansehens und der öffentlichen Ordnung“ sowie der „verrohenden“ Wirkung weitere Aufführungen des „einseitigen“ US-Filmwerks. „Mit der Würde eines Volkes wäre es nicht vereinbar“, so die Begründung, „wenn es seine eigene Niederlage, noch dazu verfilmt durch eine ausländische Herstellungsfirma, sich vorspielen ließe.“

Die kuriose Tatsache, dass eine „republikanische Behörde einen republikanischen Film zugunsten der Feinde der Republik“ verbot, wie Wolfgang Petzet 1931 feststellte, war ein publikumswirksamer Triumph für Goebbels. Am nächsten Tag druckte „Der Angriff“ folgenden Briefwechsel: „Sehr geehrter Herr Doktor! Wenn Sie es nicht fertig bringen, den Schmachfilm ,Im Westen nichts Neues‘ abzusetzen, imponiert mir der ganze Nationalsozialismus nicht mehr. Hochachtungsvoll! I. H., eine Frontschwester.“ – „Sehr verehrte Frau H.! Wir haben es fertig gebracht. Dr. G.“. Mit dem Verbot des „jüdischen Sudelwerks“, jubilierte Goebbels, habe die NS-Bewegung die Republik erstmals „in die Knie gezwungen“. Das nährte bei ihr die Überzeugung, dass sie diesen „labilen Staat“ bald ganz umzustürzen vermochte.

Erich Maria Remarque verließ die ihm fremd gewordene Heimat 1932 und verschanzte sich in seiner mondänen Villa am Lago Maggiore, wo er anderen Emigranten Zuflucht gewährte. Nur ein Jahr später brannten seine Bücher. „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geiste der Wehrhaftigkeit!“, schallte es über die Scheiterhaufen. Nachdem die neuen Herrscher dem Schriftsteller 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen hatten, brachte er sich im März 1939 mit der „Queen Mary“ über Cherbourg nach New York in Sicherheit. Als Ausgebürgerter reiste er mit einem internationalen Ausweis des Völkerbundes. Sein langjähriges Exil USA war ihm wohlgesonnen. Remarque wurde anerkanntes Mitglied des Kulturbetriebs, verkehrte in höchsten Kreisen und wurde schließlich eingebürgert. Dagegen regierte in Deutschland der Horror, dem auch seine Schwester Elfriede Scholz zum Opfer fiel: Weil die Nazis ihres berühmten Bruders nicht habhaft werden konnten, büßte sie 1943 wegen vermeintlicher „Wehrkraftzersetzung“ auf dem Schafott.

Das Buch gehört auf der ganzen Welt zum literarischen Kanon

Erst 1967 wurde der Schriftsteller als einer der „meistgelesenen, meist gepriesenen und meist angegriffenen“ von Bundespräsident Heinrich Lübke mit der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes rehabilitiert. Remarques berühmtestes Buch wirkt ein Jahrhundert, nachdem an der Westfront die Waffen niedergelegt wurden, fort. In mindestens 55 Sprachen übersetzt und mehr als 20 Millionen Mal verkauft, wird „Im Westen nichts Neues“ weltweit als Friedensappell gelesen. Der Roman ist Bestandteil von Unterrichtsplänen an Schulen und Universitäten, wird an Schauspielbühnen im In- und Ausland aufgeführt – zu den Kriegsjubiläen 1914 und 1918 häufiger denn je.

Das ist wichtig, gerade in Zeiten wie den heutigen, in denen Populismus und Nationalismus wieder salonfähig werden, sich Diskurse radikalisieren und das Geschichtsbewusstsein sinkt. Ein Blick zurück sollte Mahnung genug sein, dass Frieden eben keine Selbstverständlichkeit ist und bestehende stabile Verhältnisse nicht in Stein gemeißelt sind. In diesem Sinne ist der folgenden Feststellung Remarques von 1929 nichts hinzuzufügen: „Wer mein Buch gelesen hat und daraus nichts anderes entnimmt als den Wunsch, das darin Geschilderte alles selbst zu erleben – ja, dem würde auch durch nichts anderes zu helfen sein.“

Der Autor Nikos Späth ist Historiker, Journalist und Pressesprecher. Seine Dissertation an der Universität Hamburg beschäftigt sich mit der deutschen und amerikanischen Presserezeption von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ in den Jahren 1929 und 1930.

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