100 Jahre Kriegsende

Der Erste Weltkrieg: Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Der Erste Weltkrieg brachte die mörderischen Ideologien des Faschismus und Kommunismus hervor.

Berlin. Es ist fast unmöglich, sich in die Gedanken, Ängste, Euphorien hineinzuversetzen, die die Menschen zu Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 mit sich herumtrugen, heute, da wir wissen, wie alles weiterging bis zum Kriegsende – und weiter. Die Stimmung war aufgeladen im Deutschen Reich, aber gut. Arbeiter, Studenten, Beamte, Handwerker und Intellektuelle bestiegen begeistert die Züge an die Front, meinten, sie würden dem „Franzmann“ kurz auf den Kopf hauen und Heiligabend wieder zu Hause sein. Andere, wie der Biologe und Philosoph Ernst Haeckel, sprachen schon im September 1914 ahnungsvoll vom „Ersten Weltkrieg“.

In der heutigen Geschichtsforschung geben viele dem amerikanischen Historiker George F. Kennan recht. Er bezeichnete den Waffengang 1914–918 als die „Urkatastrophe“ des gesamten Jahrhunderts, die die mörderischen Ideologien des Faschismus und Kommunismus hervorbrachte und zum Zweiten Weltkrieg mit seinem apokalyptischen, atomaren Ausgang und dem Holocaust führte, anschließend dann nahtlos zum Ost-West-Konflikt mit nuklearem Overkill. Andere sprechen gleich vom „Zweiten Dreißigjährigen Krieg 1914–1945“. Ein bisschen viel also, was 1914 wohl weder General Hindenburg noch der brave Soldaten Schwejk geahnt haben dürften. Selbst nicht Ernst Jünger, auch wenn der Schriftsteller damals das „Stahlgewitter“ als etwas ganz Großes sah.

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Bald war der Hurra-Patriotismus dahin

Anfangs hielt die Begeisterung im Reich. Als der „Schlieffenplan“ funktionierte, weil die deutschen Truppen Frankreichs Bollwerke einfach umgingen und von hinten ins Feindesland stießen – kaltblütig über Belgien und Luxemburg, was deren Garantiemacht Großbritannien auf den Plan rief. Doch bald war der Hurra-Patriotismus dahin, als der Stellungskrieg in den flandrischen und nordfranzösischen Gräben sich festfraß, für Jahre, als Giftgas eingesetzt wurde. Als Hunderttausende an der Front starben, von – zuvor unbekannten – Maschinengewehren reihenweise niedergemäht, oder, später, von neuen „Tank“-Panzern plattgewalzt. Und als die etwas glücklicheren mit halben Gesichtern oder fehlenden Beinen nach Hause durften, wo der Hunger herrschte, weil die britische Flotte die Versorgung blockierte.

Da waren die großen Debatten über die Weltlage vor Beginn des Krieges vergessen, zweitrangig. Darüber, dass das junge Deutsche Reich, noch berauscht von „’70/’71“, dem Sieg bei Sedan über den „Erbfeind“ Frankreich, im kaiserlichen Streben nach Vorherrschaft den filigranen Sicherheitskordon ums Reich einfach verrotten ließ, den Bismarck einst so virtuos Bündnis auf Bündnis erbaut hatte. Und stattdessen ein überambitioniertes Flottenprogramm gegen England auflegte.

Dass andererseits Frankreich hartnäckig drohend Elsaß-Lothringen zurückforderte. Dass längst klar war: Österreich konnte sein „Pulverfass Balkan“ nicht mehr befrieden, durch das von gegenüber her Russland zum Mittelmeer strebte, indem es dort mit Schutzgarantien das Habsburgerreich auszustechen suchte – und sich Berlin als dessen Verbündeter freudig mit hineinziehen ließ, mit einem „Blankoscheck“ an Wien. Eine explosive Lage. Der tödliche Schuss in Sarajewo durch einen jungen Serben auf Österreichs Thronfolger und Gemahlin steckte nicht nur jenes „Pulverfass“ in Brand, sondern Europa und die halbe Welt. All die Debatten waren nun, als „Schütze Arsch“ im Dreck festsaß, an den Rand gerückt. Es ging ums nackte Überleben.

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Ein moderner und industrialisierter Waffengang

Von Anfang an hatten die „Mittelmächte“ an mehreren Fronten zu kämpfen, aber nicht nur vor der Haustür. Rund um die Welt gab es Kriegsschauplätze, etwa in den deutschen Kolonien, in denen nun auch Japan aufmarschierte. Die Entente jagte den deutschen Verbündeten, das Osmanische Reich, aus Nahost hinaus. Die Russen drangen über den Kaukasus nach Süden vor. Der Krieg breitete sich aus mit moderner Kriegstechnik und Logistik per Bahn oder Schiff, hier und da auch per Lkw und zur Not im U-Boot. Die Telegrafie über Seekabel sorgte dafür, dass man in der deutschen Kolonie Yap im Pazifik in Minutenschnelle Nachrichten aus Berlin erhalten konnte. Es war der erste Krieg, der von der technischen Moderne geprägt war – deren Schattenseiten dadurch deutlicher wurden. Die kaiserliche Marine, von Alfred von Tirpitz unter enormem Aufwand hochgerüstet, zeigte sich in der einzigen großen Seeschlacht im Skagerrak 1916 der britischen Grand Fleet zwar überlegen, doch ihr Teilsieg brachte – bei 2551 deutschen Todesopfern – keine Veränderung der Lage. Vergebens gefallen.

Zwei Ereignisse beendeten die Stagnation an den Fronten: Im April 1917 der Kriegseintritt der USA aufseiten der Entente sowie im März 1918 der Separatfrieden mit den neuen Machthabern Russlands, den Sowjets. Von größerer Bedeutung war der Einsatz der Amerikaner. Er sorgte dafür, dass auch der kaiserliche Generalstab keine Chance mehr sah zum Sieg und auf einen Friedensvertrag drängte.

Ob Winston Churchill recht hatte, als er 1936 schrieb, dass ohne den Kriegseintritt der USA die Alliierten den Mittelmächten einen Frieden angeboten hätten, und so weder Russland dem Kommunismus noch Deutschland dem Faschismus verfallen wäre? Urkatastrophe noch mal abgewendet? Niemand weiß es. Vieles aber spricht dafür, dass der Friedensvertrag von Versailles mit völlig unrealistischen Reparationsforderungen, mit der Alleinschuld-These, mit den Gebietsforderungen und vielfachen Verdikten für Wirtschaft, Verkehr und Rüstung den Faschismus in Deutschland förderte. Die USA hatten bereits 1919 so starke Bedenken gegen den Vertrag, dass sie ihn nicht ratifizierten. Vielleicht könnte man sagen: Das Reich beging 1914 die größeren Fehler, 1919 aber lag die Verantwortung bei den Alliierten.

Debatten um die Kriegsschuld

Beim zeitgeschichtlichen Interesse stellte der Zweite Weltkrieg – wegen des Zivilisationsbruchs, der Zerstörungen und dem wunden Punkt der Vergangenheitsbewältigung – lange den Ersten in den Schatten. Anders bei der Frage der Kriegsschuld, die für 1939 als geklärt gilt, nicht aber für 1914. Sie sorgte immer wieder für Debatten seit der „Fischer-Kontroverse“, ausgelöst vom Historiker Fritz Fischer, der von den 50er-Jahren bis in die 80er mit wachsender Leidenschaft eine deutsche Alleinschuld propagierte. Ein zuvor unerhörter Standpunkt, und immer noch umstritten.

Bleibt noch die Frage, welcher Krieg – abgesehen von den zwölf Jahren Faschismus – die größere gesellschaftliche Zäsur bescherte. Bei aller Finsternis des zwischenzeitlichen Geschehens könnte man dennoch behaupten, dass „unsere“ Nachkriegszeit mit den 20er-Jahren gesellschaftlich, kulturell, architektonisch – und durchaus auch politisch – größere Gemeinsamkeiten aufweist als die 20er-Jahre mit der Kaiserzeit. So oder so: Diese Diskussion wäre noch eine der entspanntesten, was den Rückblick auf die Kriege angeht.

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