17.01.13

Familienreport

In Deutschland setzen sich Eltern selbst unter Druck

Eine Studie gibt preis, warum viele Deutsche keine Kinder kriegen und was Eltern im Alltag den meisten Stress beschert.

Von Annette Kuhn und Dorothea Siems
Foto: Massimo Rodari

Die Alleinerziehende Kathrin Thielecke mit Sohn Victor (5) aus Lankwitz
Die Alleinerziehende Kathrin Thielecke mit Sohn Victor (5) aus Lankwitz

Janna Trostbach, Andreas Heß und ihre Kinder Anna-Lena (9), Henri (6) und Jasper (3) aus Zehlendorf sind eine ganz normale Familie. Auf den ersten Blick auch rein statistisch gesehen. Die Eltern sind – auch wenn sie unterschiedliche Nachnamen tragen – verheiratet, so wie in den meisten Familien in Deutschland.

Laut dem aktuellen Familienreport, den Bundesfamilienministerin Kristina Schröder am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat, wachsen 75 Prozent der Kinder bei verheirateten Eltern auf. Von einem "Scheidungsfieber" könne keine Rede sein, so Schröder. Allerdings zeigt die Studie, dass es eine erhebliche Kluft zwischen Ost und West gibt.

Im Osten – einschließlich Berlin – wächst ein Viertel der Kinder nur mit einem Elternteil auf. Im Westen liegt der Anteil mit 16 Prozent deutlich niedriger. 20 Prozent der ostdeutschen Familien leben ohne Trauschein zusammen. Im Westen sind es lediglich sieben Prozent. Zudem leistet sich mehr als die Hälfte der Familien lediglich ein Kind, nur gut jede zehnte ist kinderreich mit mindestens drei Sprösslingen. Auf den zweiten Blick ist Familie Heß also doch ziemlich außergewöhnlich.

Der Trend zur späten Geburt

Trotz der Milliardenaufwendungen verwirklichen viele Menschen ihre vorhandenen Kinderwünsche nicht. Für das Gros der Deutschen ist die Zwei-Kind-Familie das angestrebte Ideal, das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Tatsächlich aber liegt die Geburtenrate mit 1,34 Kindern pro Frau deutlich darunter.

Zwar ist die Familienministerin mit dem Hinweis auf neuere Forschungen "vorsichtig optimistisch", dass die Geburtenrate künftig wieder steigen wird, da viele kinderlose Frauen im höheren Alter doch noch Nachwuchs bekommen. Vor allem bei gut ausgebildeten Frauen sei dieser Trend zu beobachten. "Der Anstieg der Kinderlosigkeit insbesondere bei Akademikerinnen ist gestoppt", sagte die Ministerin.

Doch von dem Niveau von Ländern wie Frankreich oder den USA, wo es zum einen weniger Kinderlose und zum anderen weit mehr Großfamilien gibt, bleibt Deutschland wohl auch künftig weit entfernt. Denn der von Schröder erwähnte positive Effekt durch später doch noch realisierte Kinderwünsche tritt auch in anderen Industrieländern auf: Der Trend zur späten Geburt ist keineswegs ein deutsches Phänomen.

Wie die Studie zeigt, schrecken die jungen Deutschen heutzutage nicht wegen befürchteter hoher Kosten vor einer Familiengründung zurück. 2003 war die finanzielle Belastung durch ein Kind noch für 45 Prozent der Frauen und für 49 Prozent der Männer einer der wesentlichen Gründe, sich gegen Nachwuchs zu entscheiden. Heute sagen dies nur noch jeder fünfte Mann und jede vierte Frau.

Tatsächlich hat es während dieser Jahre einen erheblichen Ausbau der monetären Familienleistungen gegeben, sodass die wirtschaftliche Kluft zwischen Eltern und Kinderlosen kleiner geworden ist. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2003 einer drastische Anhebung der steuerlichen Kinderfreibeträge erzwungen. Weil davon nur die Eltern profitieren, die Steuern zahlen, war damals auch das Kindergeld stark angehoben worden. 2007 kam noch das einkommensabhängige Elterngeld hinzu, das maximal 14 Monate nach der Geburt gezahlt wird. Janna Trostbach und Andreas Heß fanden das Elterngeld, von dem das Paar nur bei Jasper profitiert hat, zwar attraktiv, doch bei ihnen habe es nicht die Entscheidung für ein drittes Kind ebenfalls nicht beeinflusst.

Auch die früher häufig geäußerte Befürchtung, dass sich ein Kind negativ auf das berufliche Fortkommen auswirken könnte, spielt laut Familienreport heute kaum mehr eine Rolle. Der Ausbau der Kinderbetreuung und mehr Teilzeitarbeit begünstigen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Kinderlosigkeit, weil der richtige Partner fehlt

Und so liegen jetzt die Hauptursachen für die Kinderlosigkeit auf einem Feld, wo die Politik wenig auszurichten vermag: Laut Umfragen ist das größte Hindernis das Fehlen eines geeigneten Partners. Auch der Wunsch nach genügend Zeit für Hobbys und die Unsicherheit über die eigenen Zukunftsaussichten stehen dem Kinderwunsch entgegen.

Doch auch der bei Eltern beobachtete schwierige Spagat dürfte auf viele junge Menschen eher abschreckend wirken. Denn Väter und Mütter beklagen einen enormen Zeitdruck. Zwei Drittel der Väter und 70 Prozent der vollberufstätigen Mütter stöhnen darüber, beruflich stark gefordert zu sein. Und ein Drittel dieser Eltern beklagt ungünstige Arbeitszeiten.

Mütter mit Teilzeitjob oder Hausfrauen geben dagegen an, durch Haushalt und Kinderbetreuung in Zeitnot zu geraten. Denn der Bericht zeigt auch: Waschen, putzen, kochen – das ist in der Mehrzahl der Familien noch immer vorwiegend Frauensache. Eltern setzen sich in Deutschland allerdings auch besonders stark unter Erfolgsdruck und sorgen damit selbst für Stress. Der Report verweist etwa darauf, dass 80 Prozent der Eltern sich um den Schulerfolg ihrer Kinder sorgen. In Schweden sage dies nur eine kleine Minderheit der Eltern.

Um ihre Zeitprobleme besser in den Griff zu bekommen, wünschen sich 50 Prozent der Väter und 57 Prozent der vollberufstätigen Mütter, weniger zu arbeiten. Auch flexiblere Arbeitszeiten und Heimarbeit stehen hoch im Kurs. Die Fahrdienste für die Kinder etwa zur Schule, zum Sport oder zum Musikunterricht bedeuten ebenfalls vor allem für viele Mütter eine Belastung, die sie gerne reduzieren würden. 23 Prozent der Mütter und zwölf Prozent der Väter fänden eine Ganztagsbetreuung gut.

Büros hängen noch immer an der Anwesenheitspflicht

Janna Trostbach und Andreas Heß kommen mit dem Betreuungsangebot für ihre Kinder gut zurecht – allerdings auch, weil sie flexibel sind. Der dreijährige Jasper kann bis 16.30 Uhr in der Kita sein, die beiden älteren Kinder haben einen Hortplatz bis 16 Uhr. Die Kernzeit von Janna Trostbach, die auch am Ende ihrer dritten Elternzeit in Teilzeit als Prüferin bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft tätig ist, ist damit abgedeckt. Die 43-Jährige arbeitet projektbezogen, das heißt, ihre Arbeitszeit schwankt und kann bis zu 30 Stunden in der Woche betragen. Andreas Heß ist Vollzeit bei einer Bank beschäftigt.

Janna Trostbach ist überzeugt, dass sie in dem zeitlichen Fenster, das ihr zur Verfügung steht, genauso leistungsstark ist wie ihre Kollegen. "Oft nehme ich mir Arbeit mit nach Hause und setze mich abends noch mal hin", sagt sie. Die Situation sei mit Geschäftsreisenden vergleichbar, die sich von unterwegs ins Firmennetz einloggen – nur dass da keiner kritisch schaue.

"Noch immer hängen viele Büros zu sehr an der Anwesenheitspflicht, dabei sollte man Müttern mehr Eigenverantwortung in ihrer Arbeitszeitgestaltung übertragen", sagt Janna Trostbach. In ihrem Fall ließ sich das zwar gut organisieren, aber viele andere Mütter erlebten dabei Widerstand. Familienpolitik müsste aus ihrer Sicht daher vor allem in den Unternehmen ansetzen. Nur das würde nachhaltig etwas bewirken.

Dieser Ansicht ist auch Ministerin Schröder, die am Mittwoch darauf hinwies, dass der Gesetzgeber nur begrenzt in der Lage sei, die Zeitprobleme der Eltern zu lösen. Hier sei die Wirtschaft in der Pflicht. Zwar tue sich in vielen Unternehmen schon etwas. Doch längst nicht alle nähmen Rücksicht auf die Bedürfnisse von Eltern. Gefordert seien aber auch die Kommunen. Gerade bei doppelt berufstätigen Eltern sei die Wirtschaft der Taktgeber für die Familien. Deshalb müssten die Öffnungszeiten von Kitas, die Betreuung in Schulen und in Ferienzeiten noch besser mit den Arbeitszeiten abgestimmt werden, verlangte die Ministerin.

Noch fehlende Kita-Plätze

Gleichzeitig appellierte Schröder an die Kommunen, die noch fehlenden Kita-Plätze für unter Dreijährige zu schaffen. Der Bund habe seinen Anteil erfüllt. Die Kommunen rechnen allerdings damit, dass viele Familien trotz des ab Sommer geltenden Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Ein- und Zweijährige leer ausgehen werden. Hier sieht auch Janna Trostbach ein großes Problem: Selbst im sonst so kitareichen Berlin greife der Ausbau nicht genug. "Zumal eine Garantie auf einen Krippenplatz nichts nützt, wenn sie mangels Erziehern nicht umgesetzt werden kann."

Was der Familienreport übrigens auch aufzeigt: In Deutschland gibt es ganze 148 familienbezogene Maßnahmen, die Eltern und Kindern zugutekommen. Einen Überblick, welche Leistungen wie wirken, gibt es trotz mehrfacher Ankündigung bislang nicht. Diese versprochene Evaluierung werde die Regierung aber noch 2013 liefern, versichert Schröder.

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