30.12.12

Arbeitsplatz

Depressionen treiben immer mehr Deutsche in die Frührente

Vier von zehn Menschen, die arbeitsunfähig sind, sind psychisch krank. Das ist in Deutschland ein Rekordniveau.

Foto: dpa

Wenn die Welt grau in grau erscheint, könnte es sich um eine Depression handeln. Immer mehr Menschen werden deshalb arbeitsunfähig
Wenn die Welt grau in grau erscheint, könnte es sich um eine Depression handeln. Immer mehr Menschen werden deshalb arbeitsunfähig

Acht Gutscheine bekommen die Mitarbeiter der Heiligenfeld-Kliniken im Jahr. Sie können diese Gutscheine eintauschen, für eine Nackenmassage, einen Saunabesuch oder auch ein Drei-Gänge-Menu – während der Arbeitszeit wohlgemerkt.

"Für viele Mitarbeiter ist das eine Wertschätzung, die ihnen viel bedeutet", sagt Dorothea Galuska, Personalchefin des Klinkbetreibers Heiligenfeld GmbH, der mehr als 600 Mitarbeiter beschäftigt.

Doch Galuska weiß auch, dass solche Gutscheine zwar zum Wohlbefinden beitragen, aber im Zweifel nicht ausreichen – schließlich werden in den Heiligenfeld-Kliniken psychisch kranke und Burn-out-Patienten behandelt. Damit ihre eigenen Mitarbeiter nicht "ausbrennen", setzt Heiligenfeld, 2011 zum "Besten Arbeitgeber im Gesundheitswesen" gekürt, daher vor allem auf die intensive Schulung der Führungskräfte.

Kommunikation zählt

Es gehe um die richtige Kommunikation miteinander, erklärt die Personalchefin, um die Stimmung im Unternehmen – und die Verantwortung der Manager, zusammen mit dem Mitarbeiter zu definieren, wie viel Arbeit das richtige Maß für ihn darstellen. "Der Mitarbeiter", so Galuska, "muss das Gefühl haben, dass er sagen darf, wenn es zu viel ist, und die Führungskraft muss das annehmen und Prioritäten definieren."

So viel Weitsicht im Umgang mit den Mitarbeitern ist bei deutschen Arbeitgebern offenkundig noch immer selten. Im Jahr 2000 machten 24 Prozent der Arbeitnehmer, die eine Erwerbsminderungsrente beantragten, Depressionen, Angststörungen oder andere psychische Erkrankungen geltend. Bis 2010 war dieser Anteil auf 39 Prozent gewachsen.

Und 2011, das zeigen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) wurde der Rekordwert von 41 Prozent erreicht. Mehr als vier von zehn vorzeitig Arbeitsunfähigen sind also psychisch krank. Andere Gebrechen, wie Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen, rangieren weit dahinter.

Zwar geht die Deutsche Rentenversicherung selbst davon aus, dass sich der deutliche Anstieg zu einem großen Teil auch durch eine größere Offenheit erklären lässt, Erkrankungen wie Depressionen anzuerkennen. Doch vor allem Gewerkschafter sind davon überzeugt, dass auch das immer stressigere Leben seinen Anteil an der Misere hat – und dass dabei die Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle spielen.

"Die psychischen Belastungen durch Hetze und Stress am Arbeitsplatz sind inzwischen so hoch, dass sie die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten gefährden", sagt Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

In einer im Frühjahr veröffentlichten Umfrage unter mehr als 6000 Arbeitnehmern hatte der DGB ermittelt, dass etwa jeder Vierte häufig in der Freizeit für die Arbeit erreichbar sein muss und jeder Siebte unbezahlt von zu Hause aus weiter arbeitet.

Die Arbeitsbedingungen erlaubten es vielen Beschäftigten nicht, Beruf und Familie zu vereinbaren, sagt auch der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach. "Das erklärt, warum weit häufiger Frauen als Männer aus psychischen Gründen arbeitsunfähig werden", so Lauterbach.

Tatsächlich war 2011 mit einem Anteil von 48 Prozent fast jede zweite Frau, die dauerhaft arbeitsunfähig wurde, psychisch krank; bei Männern lag der Anteil bei 32 Prozent.

Unternehmen sind zunehmend sensibilisiert

Doch nicht nur die Arbeitnehmervertreter sehen die stressige Arbeitswelt als Problem: Immer mehr Unternehmen nehmen das Thema zumindest wahr und beginnen zu reagieren, allein schon im eigenen Interesse. Mitarbeiter, die in Frührente gehen, sind gerade angesichts des Fachkräftemangels ein großer Verlust.

Auch die Krankheitstage sind teuer: Nach Auskunft des Bundesarbeitsministeriums fielen unter deutschen Beschäftigten im Jahr 2010 allein aus seelischen Gründen 53,5 Millionen Krankheitstage an. Das entsprach einem Anteil von 13,1 Prozent an allen Krankheitstagen – worunter auch die Sozialversicherungen, die die Arbeitgeber ja mitfinanzieren, ächzen. Die jährlichen Behandlungskosten für psychische Erkrankungen belaufen sich auf geschätzte 28 Milliarden Euro.

Dorothea Galuska ist daher nicht allein dabei, das Thema anzugehen. Der Marzipanhersteller Niederegger etwa lässt die Belegschaft regelmäßig zusammen turnen – nicht nur der Gymnastik wegen, sondern auch, damit die Mitarbeiter einmal "schmunzeln" und sich wohlfühlen.

Doch die wenigsten Unternehmen haben wie die Heiligenfeld Kliniken ihr gesamtes Management speziell dafür sensibilisiert und ausgebildet. Und vor allem bei kleineren Unternehmen bleibt das Thema Psychostress meist ganz außen vor.

Je kleiner die Firma, desto weniger wird getan

Laut der Januar-Ausgabe des "Stressmonitors", der im Auftrag des Arbeitsministeriums erhoben wird und der Berliner Morgenpost vorliegt, nehmen sich nur 16 Prozent der Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern der Aufgabe an, bei den Kleinbetrieben bis zu 49 Mitarbeitern sind es 27 Prozent.

"Wir müssen dazulernen und handeln", sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen daher der Berliner Morgenpost. Wenn das Thema in mittelständischen Unternehmen wenig Beachtung finde, dann stecke dahinter "kein böser Wille, sondern eher Hilflosigkeit und Unwissen, was zu tun ist", so die CDU-Politikerin. "Das gilt vor allem für die kleinen Unternehmen, die in der Regel keinen Betriebsarzt haben."

Die Ministerin hatte schon im vergangenen Jahr eine große Kampagne für 2012 angekündigt, um den Arbeitsschutz auch auf psychische Erkrankungen zu erweitern. Bisher nämlich spielt der Schutz der Beschäftigten vor Stress und Überbelastung am Arbeitsplatz kaum eine Rolle in der Gesetzgebung.

Nach offiziellen Angaben kontrollieren die Gewerbeaufsichten der Länder bisher nur in jedem 90. Betrieb, ob dort die Mitarbeiter übermäßig seelisch belastet werden – etwa durch viele Überstunden oder unregelmäßige Schichtarbeit. Doch sei es auch schwierig, klare Vorschriften zu erstellen, heißt es im Arbeitsministerium.

Was bei dem einen zum Burn-out führe, könne beim anderen gar keine Spuren hinterlassen. Es sei zudem schwer zu erkennen, ob ein Mitarbeiter überlastet sei und psychisch leide. Wenn der Arzt ein Rückenleiden feststellt, ist das Signal eindeutig. Doch wo fängt Arbeit an, psychisch krank zu machen?

Die Politik sieht Firmen in der Vorsorgepflicht

Nun sind gerade die Begriffe "psychische Belastungen" und "psychische Gesundheit" ins Arbeitsschutzgesetz aufgenommen worden. Damit ist laut Arbeitsministerin eine Vorsorgepflicht für Firmen verbunden. Doch der große Wurf ist ausgeblieben.

"Jetzt erarbeiten wir Hand in Hand mit Arbeitgebern, Gewerkschaften und Unfallkassen, welche Programme und Konzepte und konkreten Regeln Belegschaften wirksam vor psychischen Belastungen schützen können", kündigt von der Leyen an. Ende Januar will sie die Initiative für besseren psychischen Arbeitsschutz ins Leben rufen.

Bisher allerdings scheinen die Sozialpartner noch weit auseinanderzuliegen: Während die Gewerkschaften eine "Anti-Stress-Verordnung" fordern, die den Arbeitsaufsichten klar auflistet, auf welche Stressfaktoren sie bei der Arbeitsschutzkontrolle zu achten hätten, fürchten die Vertreter der Arbeitgeber den bürokratischen Aufwand.

Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) hat zwar ein "ureigenes Interesse an der psychischen Gesundheit ihrer Beschäftigten", wie sie selbst mitteilt. Eine Beeinträchtigung drohe die Leistungsfähigkeit deutlich zu verschlechtern und zu krankheitsbedingten Fehlzeiten zu führen. Beschäftigte mit psychischen Problemen könnten auch ihr Arbeitsumfeld belasten.

Sind die Gene schuld?

Doch den Handlungsbedarf sehen die Arbeitgeber nicht primär bei sich. "Wenn es um die psychische Gesundheit der Belegschaft geht, ist der Einflussbereich der Unternehmen begrenzt, weil die Ursachen psychischer Erkrankungen meist außerhalb des beruflichen Umfelds liegen", so die Dachorganisation.

Das familiäre Umfeld sowie genetische Veranlagung seien die Hauptauslöser für die steigende Zahl an seelischen Erkrankungen. Und BDA-Präsident Dieter Hundt verweist darauf, dass die Arbeitswelt nicht nur Probleme schafft, sondern auch welche löst: "Berufstätigkeit", so Hundt kürzlich in einem Interview, "schafft Selbstbestätigung und Anerkennung. Sie ist damit eine wichtige Basis für psychische Gesundheit."

Heiligenfeld-Personalchefin Galuska sieht das etwas anders. Dass bei ihren Mitarbeitern die Balance zwischen Privatleben und Arbeit stimmt, sei auch ihr Job, findet die Managerin: "Für die Prävention gegen Psychostress gebe ich jeden Euro gern aus – denn jeder Euro bringt mir mindestens fünf Euro, weil ein Mitarbeiter gesund bleibt."

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