Hohe Erwartungen und falsche Berufsvorstellungen

Die Anforderungen an Auszubildende steigen, ihre Fähigkeiten aber nehmen ab. Viele Arbeitgeber können ihre Stellen nicht besetzten. Folge: Jugendliche bleiben ohne Ausbildungsvertrag.

Foto: Christian Kielmann

Seinen blauen Overall und die gelben Handschuhe braucht Tobias Borkowski eigentlich nicht, jedenfalls nicht an diesem Tag. Er könnte auch ein weißes Hemd tragen und würde am Ende seines Arbeitstages ohne einen einzigen Fleck nach Hause gehen. Der 21-Jährige hat vor zwei Jahren seine Ausbildung zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice abgeschlossen, ein junges Berufsbild, das behaftet ist mit Vorurteilen: „Wenn ich erzähle, dass ich an Rohren und Kanälen arbeite, denken alle sofort an Kacke“, sagt Borkowski.

Doch davon ist nichts zu riechen an diesem Tag, an dem er neben einem offenen Kanalschacht und zwei weißen Firmenfahrzeugen steht. Er lässt gerade einen Kamerawagen in den Kanal herab, der an einen großen Rollschuh erinnert und Bilder vom Zustand des Kanals an die Oberfläche sendet. Borkowskis Job ist es, den Wagen behutsam durch den Kanal zu steuern, damit mögliche Schäden rechtzeitig erkannt werden können. Er sitzt dafür in einem Transporter vor Monitoren, Tastatur und Joysticks.

Nach der Mittleren Reife hat sich Borkowski bei seinem heutigen Arbeitgeber RUN 24 beworben, weil er im Fernsehen zum ersten Mal von den Kanalfahrten der Kamerawagen erfahren hat. Sein Vorstellungsgespräch eröffnete er mit den Worten „Das ist mein Traumberuf“. Sven Fietkau, der Geschäftsführer, sagt, er sei froh gewesen, mit Borkowski einen Bewerber gefunden zu haben, der Lust auf den Beruf hatte und entsprechend motiviert war.

Unpünktliche Bewerber

Schon 2008 war das die Ausnahme in einem Auswahlverfahren, in dem von den wenigen Bewerbern allein ein Drittel viel zu spät zum Vorstellungsgespräch erschien. Ähnlich ist die Situation auch in diesem Jahr: Zwei Ausbildungsplätze will Fietkau vergeben, doch erst zehn Jugendliche haben sich darum beworben. Dabei tut der 45-Jährige viel, um auf seine Firma und den erst seit 2002 existierenden Ausbildungsberuf aufmerksam zu machen: „Geh mit uns in den Untergrund! Wir bilden aus!“ steht an den Seiten des Kamerawagens.

Fietkau war wegen der geringen Bewerberzahlen so verunsichert, dass er sich bei Branchenkollegen umhörte und überall auf die gleichen Erfahrungen stieß: Unbekanntes Berufsbild, geringes Bewerberniveau. „Einige“, sagt er, „haben schon resigniert und bilden nicht mehr aus.“ An die schulischen Leistungen stellt er schon keine so hohen Anforderungen mehr, obwohl seine Mitarbeiter mit Technik im Wert von einigen Hunderttausend Euro arbeiten.

Falsche Vorstellungen

Doch Fietkau ist in einem Dilemma: Viele der diesjährigen Bewerber haben anderswo keinen Ausbildungsplatz bekommen, für sie ist der neue Beruf lediglich eine Notlösung. Wer als Fachkraft für Kanal-, Rohr- und Industrieservice arbeite, müsse aber Druck, Volumen und Flächen berechnen können und Vorberichte für Gutachten formulieren – Fietkau will die Anforderungen deshalb nicht noch weiter zurückschrauben und auf die Beherrschung von Grundrechenarten und Orthografie verzichten.

Dieses Dilemma, die Schere zwischen steigenden Anforderungen und sinkenden Qualifikationen, ist nicht nur das Dilemma des Sven Fietkau oder das seiner Branche – es ist auch das Dilemma vieler kleinerer und mittlerer Unternehmen in Berlin. Die Zahlen des Bildungsberichtes 2014 machen deutlich, dass sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt seit Beginn des Jahrzehnts spürbar verändert hat.

Die Zahl derer, die sich nach dem Schulabschluss für eine duale Berufsausbildung entscheiden, ist demnach so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr und liegt unter der Zahl jener, die ein Hochschulstudium aufnehmen. Dennoch finden 40 Prozent der Hauptschüler keinen Ausbildungsplatz und müssen sich mit Übergangslösungen begnügen, die sie kaum auf den Arbeitsmarkt mit seinem Fachkräftehunger vorbereiten. Von den Schulabgängern ohne Abschluss hat sogar nur jeder Vierte die Chance auf eine Ausbildung.

Weniger Betriebe bilden aus

Dieter Wagon kennt all diese Zahlen, sie stecken irgendwo in dem Aktenberg auf seinem Tisch, den er gleich auf eine Konferenz mit Senat und Wirtschaftsvertretern nehmen will. „In Berlin bilden weniger Unternehmen aus als im Bundesdurchschnitt“, sagt der Geschäftsführer der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. „Die Betriebe müssen sich angesichts des drohenden Fachkräftebedarfs zudem fragen, ob sie den richtigen Maßstab bei ihrer Azubi-Suche ansetzen.“ Auch das Verhältnis der Auszubildenden zur Zahl der Beschäftigten insgesamt sei in der Hauptstadt unterdurchschnittlich – Indikatoren, die auf eine Schieflage hinweisen, wie Wagon sagt.

Zu den Aufgaben von Viola Bösebeck gehört es, diese Schieflage wieder auszugleichen. Jeden Tag kommt sie dabei ein Stückchen voran. In den Statistiken mögen ihre Erfolge kaum messbar sein, doch sie sind es für die, die es betrifft: Jugendliche ohne eine Lehrstelle auf der einen Seite, kleine und mittlere Unternehmen ohne Azubis auf der anderen. Bösebeck ist 34 Jahre alt und Teil des Projekts „Passgenaue Vermittlung“ von Bund und EU. Bösebeck und ihre drei Kollegen sitzen in einem Großraumbüro der IHK Berlin.

Allein im vergangenen Jahr haben sie hier 1200 Beratungsgespräche geführt. Beraten bedeutet mitunter: Berufswünsche der Jugendlichen ebenso hinterfragen wie die Anforderungen der Unternehmen, manchmal müssen beide ernüchtert werden. „Es gibt zum Teil zu hohe Erwartungen, wenn etwa ein Hauptschüler Automobilkaufmann werden will und dabei keine Vorstellung hat, wie wichtig der kaufmännische Teil der Ausbildung ist“, sagt Bösebeck. Andererseits gebe es auch Unternehmen, die für eine Ausbildung zum Koch von vornherein Hauptschüler ausschließen. Durch steigende Abiturientenzahlen würden Bewerber mit niedrigeren Schulabschlüssen immer mehr an den Rand gedrängt und vermeintlich schwierigen Jugendlichen viel zu selten Chancen eingeräumt.

Überzogene Erwartungen

„Manchmal habe ich den Eindruck, einige Unternehmen hätten gern fortgeschrittene Mitarbeiter als Auszubildende und keine Jugendlichen, denen man viel beibringen kann“, sagt die Vermittlerin. Das größere Problem sei die Unkenntnis der Schulabgänger, viele würden nur eine Handvoll Berufe kennen und sich von diesen falsche Vorstellungen machen: „Der Immobilienkaufmann besichtigt nur Wohnungen und verdient damit Unmengen Geld“, fasst Bösebeck ein von einschlägigen Fernsehsendungen verbreitetes Berufsbild zusammen, das an der Wirklichkeit vorbeigeht.

Schon in der Schule müsste demnach viel mehr Zeit in Berufsorientierung investiert werden, zudem sollten Schüler mehr Praktika in Unternehmen machen, um an betriebliche Abläufe herangeführt zu werden. Bösebeck glaubt, dass der ideale Auszubildende nicht unbedingt Bestnoten in der Schule erzielt haben muss, sondern gute Umgangsformen beherrscht und bereit ist, Motivation zu zeigen. „Viele Unternehmer winken sofort ab, wenn Bewerber in der Schule häufig unentschuldigt fehlten, weil ihnen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sehr wichtig sind.“

Bewerber nicht erschienen

Bernd Lau ist so ein Unternehmer. Der Bäckermeister führt seit 33 Jahren einen kleinen Betrieb mit zehn Mitarbeitern mitten in Prenzlauer Berg. Sein Vater buk hier schon Brötchen, als die Mauer gebaut wurde, sein Sohn stand in der Backstube, als die Mauer fiel und die Kundschaft bald darauf eine andere wurde. Lau backt noch immer, sein kleines Geschäft an der Pasteurstraße kommt dabei ohne all den Schnickschnack anderer Bäckereien aus.

An der Theke steht seine dienstälteste Mitarbeiterin, seit 1987 arbeitet sie in der Bäckerei. Im Hinterzimmer sitzt Lau, es ist später Vormittag und eigentlich hat er jetzt schon Feierabend. Aber zurzeit sucht er nach einem Auszubildenden. „Für heute Vormittag war ein Vorstellungsgespräch angesetzt“, sagt Lau, „aber die Bewerberin erschien einfach nicht.“ Bewerbung, Einladung zum Vorstellungsgespräch, Ende: Der Bäckermeister hat das schon ein paar Mal durch in diesem Jahr, sieben der zwölf Bewerber haben nach dem Anschreiben nie wieder von sich hören lassen.

Dabei bietet Lau ihnen mehr als nur eine Ausbildung: Drei der fünf Lehrlinge, die er im Laufe der Jahre ausgebildet hat, arbeiten noch immer für ihn. Er will den Eigenbedarf decken und nicht nur eine billige Arbeitskraft für die Drecksarbeit. „Natürlich bleibt nur der im Betrieb, der gut behandelt wurde und wirklich etwas gelernt hat“, sagt der 58-Jährige.

Er geht die Bewerbung durch, die ihn gerade per Mail erreicht hat: „Junge Mutter, 25 Jahre alt, Hauptschule, bisher nur Hilfsarbeiterjobs“, fasst er den Lebenslauf zusammen. Der Bäckermeister will sie zum Vorstellungsgespräch einladen und auch zur Probearbeit, damit sie einander kennenlernen können. „Wenn ein Bewerber wirklich will, dann ist mir sein Lebenslauf nicht so wichtig“, sagt Lau. Doch an diesem Wollen zweifelt er in letzter Zeit häufiger, schon seit einigen Jahren werden die Bewerbungen weniger und schlechter, die Anschreiben lustlos.

Harte Arbeitszeiten

Lau weiß, dass das Bäckerhandwerk ein Knochenjob ist, in der Backstube ist es heiß, die Arbeit beginnt mitten in der Nacht, die Ausbildungsvergütung liegt bei 430 Euro brutto im ersten Ausbildungsjahr. „Der Bäcker verdient sein Geld im Schweiße seines Angesichts“. Umso wichtiger ist ihm Zuverlässigkeit und die Lust, diesen Beruf wirklich erlernen zu wollen.

Vielleicht hat Lau schon einen Azubi gefunden: Eine Spanierin, die eigens für die Ausbildung nach Deutschland käme. Darauf will er sich aber nicht verlassen, zu häufig sind Lehrlinge in den vergangenen Jahren trotz unterschriebener Ausbildungsverträge am ersten Tag nicht gekommen. Inzwischen denkt er darüber nach, den Empfehlungen von Kollegen zu folgen – um ihre Chance auf einen Auszubildenden zu erhöhen, schließen sie mehrere Ausbildungsverträge gleichzeitig ab.