Forschung

Das Wissen der Vergangenheit in die Zukunft retten

Vom Archivar über den Buchbinder bis hin zum Gärtner: Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz arbeiten mehr als 2000 Mitarbeiter – auch jene, deren Berufe selten geworden sind.

Foto: Christian Kielmann

Das Motiv der Geburtstagskarte mutet seltsam an, aber wahrscheinlich wusste der russische Zar, womit er den Vetter in Berlin beglücken kann: Seine Grüße an den deutschen Kaiser hat Nikolaus II. neben eine Fotografie zweier Kavalleristen gedrängt und mit „your loving Nicky“ unterschrieben. Elf Jahre später führten die Heere beider Monarchen Krieg gegeneinander. Stefan Händel fasst die Karte behutsam an den Rändern und blättert weiter zu einem Brief des Zaren, den er mit „liebster Willy“ eröffnet.

Funde wie diese begeistern den 32-jährigen Historiker, der in Jena promoviert hat und seit einigen Tagen Referendar im Geheimen Staatsarchiv ist. „Hier sein zu dürfen, ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt er. Händel hat sich gegen Dutzende Mitbewerber behauptet und besetzt die einzige Referendariatsstelle in einem Archiv, das von den Anfängen bis zum Erlöschen des preußischen Staates jede schriftliche Äußerung der staatlichen Bürokratie aufbewahrt hat. 38 Kilometer Schriftgut, beginnend mit einer Papsturkunde aus dem Jahr 1188, ruhen in den Magazinen. Etwa 90 Menschen arbeiten hier, ein Gärtner für die Außenanlagen, Handwerker, Systemadministratoren, Restaurateure und vor allem: Archivare.

Der Geruch von altem Papier

Wahrscheinlich ticken alle ein bisschen so wie Händel, der beim Magazinrundgang nicht einfach nur durch Räume voll unzähliger Pappkartons läuft, sondern „durch die Jahrhunderte schreitet“, wie er sagt. Jedes dieser Jahrhunderte riecht nach altem Papier, ein Geruch, der Händel von nun an ein Berufsleben lang begleiten wird.

Zwei Wege führen ins Archiv – einer über eine Ausbildung im gehobenen Dienst zum „Archivinspektor“, der andere über ein Archivreferendariat nach Studium und Promotion. Doch Ausbildungsstellen sind rar, insbesondere für Referendare.

Wenn Händel den praktischen Teil seiner Ausbildung abgeschlossen hat und für das Theoriestudium nach Marburg geht, wird er dort einer von nur zehn Archivreferendaren sein – deutschlandweit. Händel hat von Beginn seines Studiums an viel in Archiven gearbeitet und sich mit historischen Hilfswissenschaften befasst. Diese werden im Bachelor- und Masterstudium heute gern vernachlässigt – ein Mangel, wie Händel findet, denn wer keine alten Schriften und Sprachen beherrsche, dem blieben Archive und damit der Schlüssel zur Vergangenheit verwehrt.

Händel ist nun Teil eines ganz eigenen Kosmos, der in der öffentlichen Wahrnehmung zwar von den Berliner Museen dominiert wird, zu dem aber auch Forschungsinstitute und Bibliotheken gehören. Dieser Kosmos reicht von Lankwitz bis Friedrichshagen, umfasst die Museumsinsel, das Kulturforum und irgendwann auch das Stadtschloss, zieht nicht nur Touristen, sondern auch Geisteswissenschaftler in Scharen an und gehört zu den großen Arbeitgebern der Hauptstadt.

Viele Geisteswissenschaftler

Dieser Kosmos ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die als Nachlassverwalterin des untergegangenen Preußens gegründet wurde und sich trotz aller Fortentwicklung noch heute sehr preußisch anfühlt: Im Foyer der Hauptverwaltung protzt Friedrich Zwo zu Pferde, Wandgemälde zeigen Monarchen und Minister, ins Heute verweist nur das Portrait des Bundespräsidenten.

Mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt die Stiftung, jeder Zweite ist Akademiker, vornehmlich Geisteswissenschaftler. Doch arbeiten hier auch Menschen mit Berufen, die selten geworden sind und die es wohl nicht mehr lange geben wird.

Matthias Becker hat so einen Beruf. Auf seinem Arbeitstisch in der Werkstatt der Staatsbibliothek liegen die Einzelteile eines zerfledderten Buches. Becker ist Buchbinder. Wenn Rücken abklappen, Leder brüchig wird, Ecken abgestoßen sind und die Einbände gelitten haben, versucht er sie mit Japanpapier, Knochenleim und Alkohollösungen zu retten.

Das Problem, sagt Becker, seien nicht die Pergamente aus dem Mittelalter, sondern Bücher, die mit Beginn des Massenbuchdrucks aus minderwertigem Papier hergestellt wurden. Gerade arbeitet er an einem Buch von 1798, rückt ihm mit Zwirn und Faden zu Leibe, will den Einband erneuern und dabei Fragmente des ursprünglichen Einbandes bewahren.

Der anachronistische Charme der Werkstatt

„Als Archivbibliothek haben wir nur ein Exemplar pro Ausgabe und sind deswegen verpflichtet, sie als Kulturgut zu bewahren“, sagt Becker. Eine Woche braucht er etwa, bis die Bücher zurück in den Bestand können, eine Woche Handarbeit im wortwörtlichen Sinne. Er hat in den Siebzigern eine Ausbildung als Buchbinder gemacht und für eine kleine Firma gearbeitet, seit 1982 ist er bei der Staatsbibliothek. Zur Zeit betreut Becker zwei Lehrlinge in der Werkstatt, Nachwuchssorgen haben Buchbinder nicht.

Trotz düsterer Zukunftsaussichten bewerben sich noch immer Jugendliche mit Mittlerem Schulabschluss oder Abitur um die Ausbildung zum Buchbinder. Vielleicht reizt sie der anachronistische Charme der Werkstatt mit ihren Stempeln und Pinseln, Pressen, altersschwachen Folianten und unaufgeregten Typen wie Becker, die das schriftlich fixierte Wissen der Vergangenheit in die Zukunft hinüberretten.

100.000 neue Bücher pro Jahr

Was überhaupt in die Bestände der Staatsbibliothek eingeht, bestimmen dagegen Menschen wie Jochen Haug, der den Bereich Wissenschaftliche Dienste leitet. Der Gegensatz zu Buchbinder Becker könnte kaum größer sein, Haug spricht von Management, Informationskompetenz und Face-to-Face-Kommunikation, von fokussierten Zielgruppen und projektgebundenen Aufgaben. Er konterkariert so das tradierte Bild vom leisetreterischen Bibliothekar und sagt sogar, dass es den Bibliothekar, der viel lese, heute gar nicht mehr gebe.

Nach dem Studium der Anglistik und Geografie, Promotion und einem Bibliotheksreferendariat kam Haug zur Staatsbibliothek und bestimmt heute als Fachreferent für den Bereich Anglistik und Keltologie, welche Bücher angeschafft, wie sie klassifiziert und welche Schlagworte für die Datenbanken vergeben werden.

100.000 Bücher erwirbt die Staatsbibliothek jedes Jahr neu und verleibt sie ihrem 25 Millionen Medien umfassenden Bestand ein. Darüber hinaus muss Haug Öffentlichkeitsarbeit leisten, gelegentlich Lehraufträge wahrnehmen, Digitalisierungsprojekte betreuen und Schulungen organisieren. Becker und Haug sind nur zwei von 890 Mitarbeitern der Staatsbibliothek, die damit die größte Einrichtung unter dem Dach der Stiftung ist.

Befristete Stellen

Die kleinste liegt nur einen Steinwurf von der Staatsbibliothek entfernt: Das Staatliche Institut für Musikforschung beherbergt ein Archiv für musikwissenschaftliche Publikationen, eine Forschungsstelle für Musiktheorie sowie Akustik und außerdem ein Instrumentenmuseum. Dort sind Instrumente vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart ausgestellt, mehr als 3500 Exponate beherbergt das Museum. Viele davon sind nicht nur Klangerzeuger, sondern auch aufwändig gefertigte Kunstwerke.

Zu den 55 Mitarbeitern des Instituts zählen Restauratoren und Musikwissenschaftler, Archivare, Haustechniker, Sekretäre und Kassenkräfte. Anders als im Geheimen Staatsarchiv und der Staatsbibliothek bildet das Institut keine Referendare oder Lehrlinge aus, beschäftigt aber jedes Jahr drei Institutsassistenten, die inhaltliche Zuarbeit leisten und an Projekten mitwirken.

Heike Fricke war eine dieser Institutsassistenten, ähnlich wie die Referendare hat auch sie eine umfangreiche akademische Ausbildung hinter sich und arbeitet heute befristet als wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Für immer verschollen

Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Geschichte der Klarinette. Fricke kann gar nicht anders, als begeistert abzuschweifen, hinein ins 18. Jahrhundert zu einem Nürnberger Wildrufdreher, der Instrumente zum Anlocken von Tieren herstellte und dann die Klarinette erfand.

Zur Zeit arbeitet Fricke für ein Projekt, das die Kriegsverluste des Musikinstrumentenmuseums erstmals umfassend katalogisiert. Sie arbeitet sich durch Kisten voller Verträge, Urkunden, Fotos, Briefe und Inventarlisten, um Informationen über Musikinstrumente zusammenzutragen, die wohl für immer verschollen bleiben werden, weil sie am Ende des Krieges verbrannten, zerstört oder geplündert wurden.

„Ich leiste hier Detektivarbeit“, sagt Fricke, die derzeit noch etwa 200 Instrumenten auf der Spur ist. Was den Anschein mühseliger Sisyphusarbeit hat, soll in eine Publikation münden, die anderen Musikwissenschaftlern hilft, die Provenienz einzelner Instrumente zu erforschen – und sie im kulturellen Gedächtnis zu bewahren.

Kulturelles Gedächtnis ist auch das Ibero-Amerikanische Institut schräg gegenüber, das seit 84 Jahren Literatur zu Gesellschaft, Geschichte und Kultur Lateinamerikas sammelt. Peter Altekrüger ist der Direktor der Institutsbibliothek, zur Zeit bereitet er sich auf eine Reise nach Bolivien vor, die er selbst „Erwerbungsreise“ nennt.

Ein Sammeln gegen die Zeit

Wenn er nach einigen Wochen zurückkehrt, folgen ihm sechs Paletten voll Bücher, die dann zunächst neben vielen anderen Kartons und Kisten in den Fluren des Instituts stehen werden. Altekrüger läuft durch die Flure und zeigt auf die noch verpackten Neuzugänge, „ein Geschenk der mexikanischen Botschaft“ sagt er an einer Stelle, „Nachlass des Übersetzers Curt Meyer-Clason“ an einer anderen. Etwa ein Drittel des jährlichen Neuzuganges besteht aus Schenkungen und Nachlässen. Inzwischen fügt das Institut seinem Bestand jedes Jahr mehr neue Bände hinzu, als die kubanische Nationalbibliothek Bücher hat.

Etwa 75 Menschen arbeiten im Ibero-Amerikanischen Institut, die meisten von ihnen sind Bibliothekare. Altekrüger selbst hat in Rostock und Havanna Lateinamerikawissenschaften studiert und danach eine Fachhochschulausbildung für den höheren Bibliotheksdienst absolviert.

„Wir begreifen die vielen Schenkungen als Auftrag, das kulturelle Gedächtnis Südamerikas zu bewahren“, sagt er. In Südamerika gebe es keine zentralen Publikationsverzeichnisse, einige Bibliotheken seien zudem in beklagenswertem Zustand, die Nationalbibliothek Paraguays etwa sei eine ehemalige Turnhalle, durch deren Dach es regnet. Und so sammelt Altekrüger auch gegen die Zeit an, die unbarmherzig auslöscht, was er und seine Kollegen nicht retten können.