Jobs bei der Bahn

Einsteigen, bitte – gute Perspektiven für Eisenbahner

Die Deutsche Bahn bietet ein duales Studium und Ausbildungen in mehr als 50 Berufen an. Hier zählen gute Zeugnisse nur bedingt. Personalmanager wählen auch nach persönlichen Stärken der Bewerber aus.

Foto: Christian Kielmann

„Superjob, da kann man bestimmt auch mal eine halbe Stunde zu spät erscheinen!“ Dieser Spruch fällt sofort, wenn es um das Thema „Karriere bei der Bahn“ geht. Die Mitarbeiter der Deutschen Bahn quittieren solche Scherze mit geradezu Zen-ähnlicher Geduld. Jennifer Beenke zum Beispiel. Die 25-Jährige wird zur Kauffrau Verkehrsservice ausgebildet, ist also mal Schaffnerin im Zug, ebenso aber auch Ansprechpartnerin im Bahnhof Frankfurt (O.) für die Kunden. Fährt ein Zug von einem anderen Gleis oder verspätet sich, blafft manch ein Fahrgast ein wütendes „Typisch Bahn!“. Jennifer Beenke bleibt bewundernswert ruhig, beantwortet Fragen und informiert. „Ich versetze mich in die Kunden, wie es mir an ihrer Stelle ginge“, sagt sie. „Und wenn ich einem aufgebrachten Kunden weiterhelfen konnte und er ruhiger wird, dann ist es umso toller.“

Dinge anders sehen

Auch Kevin Schmidt kennt die Sprüche zum nicht gerade allerbesten Image seines Arbeitgebers, wenn er sagt, wo er arbeitet. „Seit ich in dem Unternehmen arbeite, sehe ich es etwas anders als früher“, sagt der Student im Studiengang industrielle Elektrotechnik. „Ich weiß jetzt, was alles dahintersteckt.“ Der 24-Jährige machte zunächst eine Lehre als Elektroniker für Betriebstechnik – obwohl er wusste, dass er ein Duales Studium anschließen wollte. „Für mich war es der richtige Schritt. Das Elektrotechnik-Studium gilt als sehr schwierig, und tatsächlich helfen mir jetzt meine Kenntnisse und die Erfahrung aus der Lehre“, stellt Schmidt fest, der im vierten Semester an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin studiert und den Praxisteil bei der DB Projektbau absolviert. Ein Bahnunternehmen als Arbeitgeber – auf diese Idee kam Schmidt erst, als er sich über Studiengänge im Internet informierte.

So geht es vielen Menschen: Schaffner, Lokführer, Mitarbeiter im Bordrestaurant oder im Reisezentrum – das sind die Jobs, die einem auf Anhieb beim Thema Bahn einfallen. Tatsächlich gehört die Deutsche Bahn zu den größten Arbeitgebern und mit mehr als 10.000 Nachwuchskräften im Jahr 2013 zu den größten Ausbildern in Deutschland. In rund 50 Berufen bildet das Unternehmen aus, darunter gewerblich-technische, kaufmännische und IT-Berufe. Mediengestalter, Koch, Baugeräteführer sind nur drei Beispiele. „Wir waren ein unentdeckter Riese“, sagt Jens Latendorf, Recruiter für Auszubildende bei der Deutschen Bahn. Mit einer Ende 2012 gestarteten Werbekampagne sollte sich das ändern.

Denn Fachkräfte werden gesucht und nicht immer gefunden – da geht es der Bahnbranche ähnlich wie vielen anderen Arbeitgebern. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kommt nach seiner Online-Befragung „Ausbildung 2013“ unter rund 15.000 Unternehmen zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2012 rund 70.000 Ausbildungsplätze bundesweit nicht besetzt werden konnten. Rund die Hälfte der Betriebe fanden für mehr als einen Ausbildungsplatz keinen Lehrling. Ein Grund liegt darin, dass immer weniger Schulabgänger einer immer größeren Zahl an Lehrstellen in wirtschaftlich starken Zeiten gegenüber stehen. Wie viele Personalchefs bemängeln, lässt die Eignung für eine Lehrstelle mit Blick auf soziale Umgangsformen und Reife bei manchem Schulabgänger zu wünschen übrig.

Die Unternehmen müssen sich also etwas einfallen lassen, um dieser Entwicklung zu begegnen. Dem DIHK zufolge senken die Betriebe die Anforderungen an die Bewerber und geben damit auch lernschwächeren Jugendlichen eine Chance. So reichen diejenigen, die an einer Ausbildung interessiert sind, bei der Deutschen Bahn keine klassische Bewerbung mehr ein. Jeder Bewerber wird seit Sommer des vergangenen Jahres zu einem Online-Test eingeladen, dessen Aufgaben jeweils auf den Beruf zugeschnitten sind, für den man sich bewirbt. „Wir suchen nicht die Besten, sondern die, die mit ihren Stärken und ihrem Talent in einen Beruf passen“, sagt Latendorf. „Dafür sind Zeugnisnoten nicht ausschlaggebend.“

Die Deutsche Bahn bietet zudem das Berufsvorbereitungsprogramm „Chance plus“: Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss, die keinen Ausbildungsplatz finden, werden im Unternehmen für den Jobeinstieg oder auf eine Berufsausbildung vorbereitet. Dabei wechseln sich schulische und Praxisphasen ab, bei denen die jungen Leute Schwerpunkte wie „Service im Zug“ oder „Metallbearbeitung“ wählen können. Nach Abschluss erhalten sie ein Zertifikat der IHK oder der Handwerkskammer. 75 Prozent schaffen laut Deutsche Bahn danach den Einstieg in einen Beruf. Auch bei der Deutschen Bahn. Überdies bietet der Konzern alleinerziehenden Müttern oder Vätern eine Ausbildung in Teilzeit. Sie können die reguläre Arbeitszeit auf 75 Prozent reduzieren, die Lehrzeit der jungen Eltern bleibt unverändert.

Diese Öffnung für potenzielle Mitarbeiter jenseits der Top-Riegen mit geschliffenem Lebenslauf und Bestnoten ist dringend nötig. Ansonsten würden die Personalprobleme in der Branche größer – die im vergangenen Sommer am Mainzer Hauptbahnhof schlagzeilenträchtig offenbar wurden. „Es ist wichtig, dass der Personalbedarf noch besser langfristig geplant wird“, sagt Uwe Reitz, Pressesprecher der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG.

Gute Perspektiven

Grundsätzlich sei die Branche stabil und biete sehr gute Perspektiven. Allein, die Gehälter sind im Vergleich zu Konzernen anderer Branchen wie etwa dem Automobilsegment nicht gerade berauschend. „Daher müssen die Unternehmen überlegen, wie sie noch attraktivere Rahmenbedingungen schaffen für Mitarbeiter“, erklärt Reitz und meint damit noch mehr Sozialleistungen wie etwa Kontingente für Freifahrten mit oder ohne eigene Zuzahlung, die die Bahner bereits erhalten.

Mitarbeiter werden jedoch nicht nur beim Konzern Deutsche Bahn AG und seinen Tochterfirmen gesucht, sondern auch in kleineren, privaten Bahnunternehmen – arbeiten bei der „Bahn“ heißt nämlich bei weitem nicht nur „Deutsche Bahn AG“. Bei der Ausbildung allerdings könnten die privaten Betriebe aktiver sein, kritisiert Reitz. Zwei private Bahnfirmen immerhin sind nicht untätig: Die Veolia Verkehr GmbH zum Beispiel bildet in den Berufen Eisenbahner im Betriebsdienst Fachrichtung Lokführer und Transport, Mechatroniker, Kaufleute für Verkehrsservice, Bürokaufleute und Kaufleute für Bürokommunikation aus. Veolia hat 5200 Mitarbeiter und bedient verschiedene Strecken. Berliner kennen zum Beispiel den InterConnex von Leipzig über Berlin nach Rostock oder den Harz-Berlin-Express. Die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (ODEG), im Jahr 2002 gegründet, hat rund 500 Mitarbeiter. Die Züge fahren auf 16 Strecken im Regionalverkehr im Auftrag einiger ostdeutscher Bundesländer, darunter Berlin und Brandenburg. Auch die ODEG bildet in verschiedenen Berufen aus.

Gesuchte Fachkräfte

Besonders gesucht sind jedoch – und zwar in allen Bahnunternehmen – Lokführer, offiziell Triebfahrzeugführer genannt. Der Personalengpass ist hier so dramatisch, dass jeder willkommen ist, der eine abgeschlossene Ausbildung und Verständnis für Technik vorweisen kann. Diese Kandidaten werden zum Lokführer weitergebildet. Die ODEG arbeitet hierbei mit der DB Training in Schwerin zusammen, die einen Simulator bietet – eine teure Maschine, die sich kleinere Unternehmen nicht leisten können oder wollen. Mit fröhlichem Herumkurven ist es bei dem Job allerdings nicht getan. Ein Triebfahrzeugführer bereitet die Züge für den Einsatz vor, führt Rangierfahrten durch und kennt sich mit den technischen Grundlagen der Züge und an der Strecke aus.

Und weil neue Kräfte so dringend gebraucht werden, öffnen sich die Unternehmen auch hier: Bei der ODEG sind ältere Arbeitnehmer willkommen, Menschen über 50 Jahre können als Lokführer noch einmal neu durchstarten. So wie Wilfried Zutz. Der 58-Jährige arbeitete als Aluschweißer, begann aber mit Mitte 50 noch einmal die Ausbildung bei der ODEG – und sitzt nun am Steuer der Züge. „Ich habe kaum damit gerechnet, dass ich in meinem Alter noch einen neuen Job beginnen kann“, sagt Zutz. Auch Frauen sind bei der ODEG gefragt. Ina Klemer, 25, etwa war Servicemitarbeiterin, ließ sich dann zur Lokführerin ausbilden – und nach einer Zeit in dem Job wurde sie Betriebsdisponentin und steuert nun den Betriebsablauf.

Unbefristet angestellt

Nach bestandener Prüfung werden die Lokführer bei der ODEG unbefristet angestellt. Auch die Deutsche Bahn bietet Azubis und Dualen Studenten die Garantie, nach dem Abschluss der Lehre bzw. des Studiums unbefristet übernommen zu werden. Eine solche Sicherheit ist für junge Menschen ein wichtiges Kriterium bei der Suche nach einer Lehrstelle, stellt Recruiter Latendorf fest. Alexandra Losch bestätigt dies. Die 22-Jährige lernt nach ihrem Fachabi am OSZ KIM Elektronikerin für Betriebstechnik bei der S-Bahn und ist eine der wenigen Frauen unter Männern. Gerade hat sie ihre Abschlussprüfung hinter sich gebracht. Sie überlegt, nach zwei Jahren im Job ein Elektrotechnik-Studium aufzunehmen. „Ingenieure haben gute Chancen“, stellt sie, ebenso wie Kevin Schmidt, fest. Wer den Bachelor geschafft hat, kann über das DB Masterprogramm noch den nächsthöheren Abschluss anstreben. Die Deutsche Bahn nämlich fördert ein berufsbegleitendes Studium, mit finanzieller Unterstützung oder Freistellungen vom Job für das Lernen.

Die Möglichkeiten sind also vielfältig. Allerdings nicht bei der Auslegung des Begriffs „Pünktlichkeit“. Hie und da mal eine halbe Stunde zu spät am Arbeitsplatz einzutrudeln, wäre auch für Mitarbeiter im Bereich Bahn keine gute Idee.