Aufstrebende Branche

Biotechnologie ist attraktiv für Berufseinsteiger

In der Biotechnologie werden neue Medikamente entwickelt und die Herstellung von Alltagsprodukten erforscht. Berlin bietet viele Möglichkeiten

Foto: Christian Kielmann

Rot für medizinische Anwendungen, grün für die Veränderung von Pflanzen, weiß für die Optimierung industrieller Prozesse: Je nach Schwerpunkt werden die Bereiche der Biotechnologie Farben zugeordnet. Doch die Übergänge sind fließend.

Und das aus der Humboldt-Universität ausgegründete Unternehmen Algenol Biofuels könnte sowohl der blauen Biotechnologie zuzuordnen sein, die mit marinen Lebewesen forscht, als auch der grauen, die Umweltschutz anstrebt.

Algenol, das von US-Amerikanern gekauft wurde, gewinnt mit Hilfe biotechnologisch veränderter Algen den Kraftstoff Ethanol. Und da die Algen zur Ethanolproduktion Kohlendioxid verstoffwechseln, das beispielsweise aus Verbrennungsprozessen von Kraftwerken stammen könnte, wäre die spätere Verwendung des so gewonnenen Kraftstoffs klimaneutral. „Entscheidend für uns ist aber nicht die Zuordnung, sondern dass wir im nächsten Jahr von der jetzigen Phase des Pilotkraftwerks zum Demonstrationskraftwerk weitergehen“, sagt Sprecher Dirk Radzinski.

Einen Schritt weiter

Im darauffolgenden Jahr könnte dann schon eine kommerzielle Anlage betrieben werden, die am Hauptsitz Florida stehen wird. Dort soll aufgrund der verlässlichen Sonneneinstrahlung letztlich die Produktion stattfinden. Während Algenol in den USA 120 Mitarbeiter beschäftigt, arbeiten im Berliner Technologiepark Adlershof weitere 50 an der Weiterentwicklung der Technologie.

Das Berliner Team des 2006 gegründeten Start-ups besteht vor allem aus Biologen, Biochemikern und Biotechnologen, darunter 19 promovierte Wissenschaftler. Zu ihnen gehört auch Simon Freiherr von Berlepsch. Der 31-Jährige absolvierte in Göttingen ein Studium der klassischen Biologie, konzentrierte sich auf Pflanzenphysiologie und schloss sein Studium mit einer Diplomarbeit über die Stressreaktion in der Pflanze ab.

„Anschließend habe ich mich mit einem Stipendium des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtung (IMPRS) in Köln dem Thema ‚Biokraftstoff‘ gewidmet“, schildert der gebürtige Bremer. Nach der Promotion machte ihn dieser Forschungsschwerpunkt zum idealen Kandidaten für Algenol.

Initiativbewerbung

Obwohl gerade frisch von der Hochschule, heuerte das Unternehmen den jungen Wissenschaftler auf dessen Initiativbewerbung hin für Führungsaufgaben an: Zusammen mit einem Biologen sowie zwei Biotechnologen organisiert Berlepsch seither die Ausarbeitung und Durchführung von Versuchen, sorgt für die anschließende Datenbearbeitung und präsentiert Ergebnisse im deutschen Team und – per Videokonferenz – Kollegen in Florida.

„Es motiviert mich sehr, an einem Produkt mitzuarbeiten, das später der Welt helfen wird“, freut sich Berlepsch. Für seine berufliche Zukunft kann der junge Forscher sich auch vorstellen, bei Algenol Aufgaben außerhalb Deutschlands zu übernehmen.

Start-ups wie Algenol sind ein Magnet für junge, hoch qualifizierte Leute wie Simon Freiherr von Berlepsch: In den zumeist kleinen, aber finanziell gut ausgestatteten Unternehmen steht häufig alles zur Verfügung, was das Forscherherz begehrt und eine zielstrebige Entwicklung auf ein Produkt hin ermöglicht.

Magnet Adlershof

Und der Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof ist ein Magnet für solche Unternehmen. Im Bereich Biotechnologie und Umwelt sind laut Parkmanagement Wista derzeit 71 Betriebe mit rund 400 Beschäftigten angesiedelt. „Die Unternehmen, die bereits auf dem Markt sind, haben 20 bis 30 Mitarbeiter“, sagt Heidrun Terytze, Leiterin des Technologiezentrums Biotechnologie und Umwelt.

Und je nach Unternehmensentwicklung werde weiter eingestellt. Gefragt seien neben Absolventen auch Laboranten und studentische Hilfskräfte. „Um ihre berufliche Richtung zu finden, sollten Studierende frühzeitig als studentische Laboranten in ein Unternehmen einsteigen und dort auch die Abschlussarbeit schreiben“, empfiehlt die Diplom-Biologin.

Die Biotechnologie als Arbeitsmarkt verändert sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und sich wandelnden Trends der Märkte, für die sie Produkte und Dienstleistungen schafft. Beispielsweise in der Medizin, wo personalisierte Behandlung an Bedeutung gewinnt.

Neue Methoden

Hier liefert Biotechnologie neue Methoden zur Analyse, die Diagnosen erleichtern, aber auch zur gezielten Einleitung von Therapien beitragen. „Und ein regelrechter Megatrend ist mittlerweile das Zusammenspiel von Biotechnologie und IT“, ergänzt Kai Uwe Bindseil, Clustermanager Health Capital und Geschäftsbereichsleiter Gesundheitswirtschaft der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie.

Bioinformatik, also die Computer gestützte Speicherung, Organisation und Analyse biologischer Daten, brauche hoch qualifizierte Leute, die das Know-how aus beiden Bereichen mitbrächten.

Für Bewerber bietet die Hauptstadtregion eine bundesweit einmalige Dichte an Unternehmen, Instituten und Forschungseinrichtungen, die sich mit Biotechnologie beschäftigen.

Keime schnell nachweisen

Ein Großteil der Betriebe ist in sechs Biotechnologieparks sowie zwei Parks mit Biotech-Schwerpunkt konzentriert. Das 1998 mit zehn Mitarbeitern gestartete Unternehmen Biotecon Diagnostics, das Diagnostika für die Lebensmittelindustrie entwickelt und produziert, hat sich neben 14 weiteren Unternehmen im Biotech-Campus-Potsdam angesiedelt.

„Unser Fokus liegt auf der Entwicklung innovativer Schnellnachweissysteme für Krankheitserreger, Verderbniskeime und gentechnisch veränderte Organismen“, sagt Geschäftsführerin Kornelia Berghof-Jäger.

Neben Bausätzen für analytische Prüfvorrichtungen, sogenannten Detektionskits, würden auf dem Weltmarkt auch Bausätze für die Probenaufarbeitung vertrieben, die beispielsweise von Untersuchungsämtern im Rahmen der Lebensmittelüberwachung sowie von Prüflaboren, vor allem aber von Unternehmen der Lebensmittelindustrie selbst eingesetzt werden.

Zuständig für die Sicherheit

Zu den derzeit rund 75 Mitarbeitern von Biotecon Diagnostics gehört Sandra Düring. Die gebürtige Brandenburgerin absolvierte nach dem Abitur beim Lette-Verein Berlin eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin (MTA) für den Laborbereich. Anschließend sattelte sie eine Fortbildung zur Qualitätssicherheitsbeauftragten (QMB) auf, später auch eine Fortbildung zur Sicherheitsbeauftragten.

Heute arbeitet die 36-Jährige bei Biotecon Diagnostics als technische Assistentin im Bereich Qualitätskontrolle und Qualitätsmanagement, darüber hinaus übernimmt sie Aufgaben der Laborkoordination und fungiert als Sicherheitsbeauftragte. „Mein Aufgabengebiet ist breit und reicht von der Wareneingangskontrolle für Chemikalien und biologische Materialien über die Erarbeitung und Durchführung der chargenbezogenen Qualitätskontrollen sämtlicher Produkte bis hin zu klassischen Laborarbeiten wie dem Pipettieren, beispielsweise für die Vervielfältigung der Erbsubstanz DNA“, so Sandra Düring.

Dabei arbeite sie eng mit anderen technischen Assistenten sowie wissenschaftlichen Mitarbeitern zusammen. Neben Teamwork sei die größte Herausforderung ihres Jobs Flexibilität, um sich laufend auf Neu- und Weiterentwicklungen der Produkte sowie auf immer neue Geräte und Techniken einzustellen.

Die Firma wächst

Biotecon Diagnostics wächst stark, die Mitarbeiterzahl wird in absehbarer Zeit auf 80 und mehr steigen. Gesucht würden vor allem Biologen und Biotechnologen sowie Lebensmitteltechnologen. „Da wir auf dem weltweiten Markt weiter expandieren, suchen wir zudem Verstärkung im Bereich Export“, verrät Kornelia Berghof-Jäger.

Weitere Mitarbeiter seien im Bereich internationaler Vertrieb gefragt, in dem sich auf Grund der erklärungsbedürftigen Produkte Naturwissenschaftler aus den Bereichen Biologie und Biotechnologie bewährt hätten. Der Vertriebsbereich benötige Servicetechniker für Geräte, für das Controlling würden Wirtschaftsingenieure oder Betriebswirte gesucht.

Eine ähnlich dynamische Entwicklung könnte es bald bei der in Berlin-Mitte angesiedelten Epigenomics AG geben. Denn das Diagnostik-Unternehmen hat die Zulassung ihres Produktes zur Darmkrebs-Früherkennung für den amerikanischen Markt beantragt und erwartet die Entscheidung durch die Federal Drug Administration im Frühsommer.

Lohnende Doppelbelastung

Der mittels einfacher Blutprobe durchzuführende Vorsorgetest ist in Europa bereits zugelassen. Daran, dass das Biotechnologie-Unternehmen heute sehr gut dasteht, hat auch Reimo Tetzner mitgewirkt. Der Diplom-Ingenieur der Biotechnologie stieg 2001 bei Epigenomics ein und nutzte dort die Chance, im industriellen Umfeld zu promovieren.

„Die Jahre der Doppelbelastung haben sich gelohnt“, sagt Tetzner, der der Firma durch seine Untersuchungen wertvolles Know-how lieferte.

Damals optimierte er vor allem die Technologie zum Nachweis einer chemischen Abänderung an Grundbausteinen der Erbsubstanz von Zellen, der sogenannten DNA-Methylierung – was eine von vielen Voraussetzungen schuf, die Visionen der Gründer zu einem wirtschaftlichen Erfolg werden zu lassen.

Neue Biomarker

„Letztlich ist es uns gelungen, neuartige Biomarker nicht nur im Forschungsumfeld zu etablieren, sondern auch dafür zu sorgen, dass diese Tests in Diagnostik-Laboren routinemäßig eingesetzt werden. Dieses Ziel zu erreichen hat uns alle immer motiviert, denn nur dann kann es Menschen wirklich nutzen“, sagt der 41-Jährige. Entstanden ist neben dem Bluttest zur Darmkrebs-Früherkennung auch ein Bestätigungstest, der die Diagnose von Lungenkrebs vereinfacht.

„Nach der langen Zeit der Forschung und Entwicklung wäre eine Zulassung in den USA für mich ein ganz besonderer Höhepunkt in der Karriere“, verrät Ingenieur Reimo Tetzner. Es gebe nicht viele Unternehmen ihrer Größenordnung, die diesen langen Weg gegangen sind.