Campus

Dem Biotech-Park Buch droht der Stromausfall

Der Standort für Medizintechnologie in Buch wächst. Aber die Infrastruktur hält nicht mit. Ohne neue Stromleitung gehen ab 2016 in Buch die Lichter aus. 10 Millionen Euro fehlen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Buch hat große Pläne. Berlins wichtigster Strandort für Bio- und Medizintechnologie und medizinische Forschung würde gerne auf Expansion setzen. „Aber wir haben es nicht geschafft, im neuen Doppelhaushalt auch nur einen müden Cent zu bekommen“, klagt Ulrich Scheller, einer der beiden Geschäftsführer des Biotech-Parks. Für einen Zukunftsort sei das beachtlich, sagt der Manager sarkastisch.

Zehn Millionen Euro, so kalkulieren die Bucher, seien notwendig, um die dringendsten Weiterentwicklungen auf dem Campus zu bezahlen. Das größte Problem ist der Strom. Die Leitung sei so schwach, dass sie keine Kapazitäten biete für weitere Bauvorhaben. Aber die sind in Planung. Das Max-Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin (MDC), eines der führenden Forschungsinstitute des Landes mit 1100 Beschäftigten, will ein neues Gebäude für seine Versuchstiere errichten.

2016 soll der Komplex am Rande des Campus fertig sein und dann natürlich Strom benötigen. „Wir sind im Wettlauf, bis dahin den Strom dafür zu beschaffen“, sagt Scheller. Auch weitere Ansiedlungen seien abhängig von einer stabilen Energieversorgung. Einige der 56 ansässigen Unternehmen mit derzeit fast 800 Mitarbeitern und zusammen 140 Millionen Euro Jahresumsatz seien zum Teil „gut unterwegs“. Mehrere wollten sich „in absehbarer Zeit erweitern“.

Idee für Blockheizkraftwerk

Scheller und sein Co-Geschäftsführer Andreas Mätzold haben erwogen, selbst ein Blockheizkraftwerk zu bauen und den Campus autark zu versorgen. Den Gedanken haben sie aber verworfen, weil sie sich als Energieversorger registrieren lassen müssten, um den Anliegern Strom und Wärme zu verkaufen. Jetzt verhandeln sie mit der zum Vattenfall-Konzern gehörenden Stromnetz Berlin GmbH, damit der Berliner Netzbetreiber die Versorgung für den Campus verstärkt. „Wir gehen ein hohes Risiko, weil die Übertragungsstation 40 Jahre alt ist“, sagt Mätzold. Die Technik könne dann abschmieren. Bereits heute müsse der halbe Campus abgeschaltet werden, wenn es eine Wartung der Elektrik gebe. Die Unternehmen müssten einen halben Tag ihren Betrieb einstellen.

Vattenfall wäre bereit, eine Sonderleitung vom Umspannwerk Buch bis zum Campus zu legen. Die Campus-Betreibergesellschaft BBB bekam auch schon mal eine Rechnung präsentiert: 2,979 Millionen Euro müsste die BBB bezahlen. „Dass die Unternehmen beteiligt werden, ist Standard“, sagte Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann. Die Kosten für den Anschluss würden voll auf die Nutzer umgelegt. Ein zweites Angebot einzuholen sei unmöglich. „Es kostet, was es kostet“, so der Vattenfall-Sprecher.

Die Campus-Manager waren konsterniert. „Das Angebot übertrifft alles , was wir hier erwartet hatten“, sagt Mätzold. Er stelle sich die Frage, bis wohin eigentlich die Versorgungspflicht eines Netzbetreibers reiche. „Wenn ein Ortsnetz an die Kapazitätsgrenzen stößt, sollte doch eigentlich dieses Netz aufgerüstet werden. „Anstelle dessen werden den Kunden Sonderlösungen angeboten, die er dann offensichtlich auch voll zu bezahlen hat“, wundert sich der BBB-Geschäftsführer.

Für seine Gesellschaft ist es kaum möglich, die fast drei Millionen Euro für eine neuen Stromanschluss aufzubringen. Denn anders als etwa die ebenfalls landeseigene Wista, die den Technologiepark in Adlershof im Südwesten der Stadt betreibt, ist die BBB nicht Eigentümerin der Campus-Flächen und kann die Grundstücke deshalb auch nicht beleihen. „Wir haben 32 Hektar Boden als tote Masse“, sagte Manager Scheller.

Man könne zwar einen geförderten Kredit für die Stromversorgung aufnehmen. Aber die Auflagen sehen vor, dass ein solches Darlehen nur für Gründerzentren einzusetzen ist. Auch die Option, die Baukosten für die Leitung auf das MDC und die anderen Institute und Unternehmen umzulegen, halten die Manager nicht für eine gute Idee. Schließlich befinde sich Buch im Wettbewerb mit Standorten auch außerhalb Berlins.

Denkbar wäre auch, Subventionen aus der maßgeblich vom Bund finanzierten Gemeinschaftsaufgabe Regionalen Wirtschaftsförderung (GRW) zu beantragen. Aber hierfür wäre es nötig, den genauen Strombedarf zu prognostizieren. Das wiederum sei nicht machbar, weil man gerade bei Biotechnologie-Unternehmen schlecht vorhersagen können, wie sie sich entwickelten. Eine gescheiterte Medikamenten-Studie oder eine geplatzte Finanzierungsrunde könne Expansionspläne stoppen. Das passierte kürzlich dem Vorzeige-Biotech-Unternehmen Glycotope, das sein geplantes Bauvorhaben absagen musste. Umgekehrt könne es schnell nötig sein, nach einem Durchbruch in der Forschung oder einer Übernahme durch einen finanzkräftigen Konzern zu erweitern. Für die Entwicklung des Campus sei es deshalb notwendig, mit der Infrastruktur in Vorleistung zu gehen.

Pilot- und Modellvorhaben

Weil Fördergeld des Landes zunächst nicht vorgesehen ist, versuchen die BBB-Manager doch noch mit Vattenfall zu einer Lösung zu kommen. Der Energieversorger denkt nun doch darüber nach, auf Vorschläge einzugehen und an einer lokalen Lösung zu arbeiten, die das Bucher Heizkraftwerk einbezieht. Es könnte ein Pilot- oder Modellvorhaben entstehen. Aber auch dafür müsste der Campus wohl einen finanziellen Beitrag leisten mit Geld, das er nicht hat.

Seit Mitte der 90er-Jahre werden auf dem Campus des Biotechparks Buch mit Innovations- und Gründerzentrum (IGZ) Unternehmen der Spitzenforschung gegründet. Auf rund 26.000 Quadratmetern finden Gründer und Unternehmen branchenspezifische Labor- und Büroflächen. Gegenwärtig sind auf dem Campus rund 47 Biotechnologie-Unternehmen mit 750 Angestellten tätig. Das Spektrum der Geschäftsfelder reicht von medizintechnischen Produkten, molekularen Diagnostika und Therapien, über pharmakologische Produkte und Technologien bis hin zur Herstellung und Prüfung von Arzneimitteln.

Auf dem Campus Buch gibt es seit über 75 Jahren medizinisch-biologische Forschung. 1930 wurde hier das Institut für Hirnforschung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mit angeschlossener neurologischer Klinik in Betrieb genommen, das damals größte und modernste seiner Art weltweit. Nach 1945 wurde das Gelände der Akademie der Wissenschaften übergeben und zu einem Zentrum der Krebsforschung ausgebaut.