Vorsichtig linst Christopher Trimmel um die Ecke, um sich zu vergewissern, dass sich auch niemand in der Spielerkabine des 1. FC Union befindet. Die Luft ist rein, also betritt der Österreicher leicht grinsend und begleitet von Henry Mancinis listig daherkommenden Filmmusik aus „Der rosarote Panther“ den Raum, vor sich tragend ein großes Paket. Noch kurz erwartungsfroh die Hände gerieben, dann riskiert Trimmel einen Blick hinein. Zusammen mit Kenny Prince Redondo, der ihn beim Öffnen „erwischt“ hat, präsentiert der 31 Jahre alte Profi ein neues Fan-Trikot. „Auf geht’s, on Tour Unioner“, sagt er in feinem burgenländischen Dialekt, es folgt die Siegerfaust.

Trimmel geht voran, nicht nur in dem kleinen Werbefilmchen des Berliner Fußball-Zweitligisten. Auch auf dem Rasen will er keinen Zweifel aufkommen lassen, dass die Entscheidung der „Kapitänfindungskommission“, ihm die Spielführerbinde zu geben und nicht erneut Felix Kroos, die richtige gewesen ist.

Am Montagabend in Köln (20.30 Uhr, Sky) führt Trimmel die Berliner zum ersten Auswärtsspiel der Saison in die 50.000-Mann-Arena zum ersten Wahrsager des Spieljahres. Kann Union tatsächlich bei dem von allen als Aufstiegskandidat Nummer eins gehandelten Bundesliga-Absteiger bestehen?

Der Österreicher bittet um Geduld

Seit er im Sommer 2014 von Rapid Wien nach Berlin gewechselt ist, tut Trimmel das, was er in den vergangenen gut vier Jahren schon immer getan hat,: Er bremst jede Form von Euphorie und bittet stattdessen um Geduld. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Es fehlt noch was, wir müssen noch viel arbeiten“, erklärt er seinen Zuhörern.

Stets freundlich, aber immer mit Nachdruck: „Wir haben ein neues Trainerteam, viele neue Spieler, da brauchen wir einfach noch ein bisschen Zeit.“ Trimmel ist lang genug dabei, um zu wissen, dass es genau dies ist, was man im schnelllebigen Profigeschäft oft nicht hat.

Zumal die Auftaktpartie gegen Aue (1:0) trotz des ersten Heimsieges für Union zum Zweitliga-Start ein erhebliches Problem offenbart hatte. „Wenn man nicht aufs Tor schießt, kann man auch keine Tore machen. Wir arbeiten dran“, sagte Trimmel. In Köln werde dies aber „schwer genug“, auch wenn klar ist, dass „der Druck natürlich woanders liegt“ – beim Team von FC-Coach Markus Anfang.

Trimmel schreitet auch im Wasser zur Tat

Trimmel weiß um seine Verantwortung in dieser Spielzeit, schon zu einem Zeitpunkt, als die Entscheidung, dass er Kroos im Amt beerben würde, noch gar nicht gefallen war. Es war Mitte Juli, im Trainingslager in Klosterpforte, als ein Ball nach der Torschussübung im nahen Teich des Trainingsplatzes gelandet war. Und während sich die Mannschaftskameraden noch überlegten, wie sie das Spielgerät aus dem hohen Schilf bergen sollten, mit einem Paddel oder mit Hilfe des gerade herangeschafften Bootes, hatte sich Trimmel längst seines Trainingshemdes entledigt, war ins Wasser geglitten und auf dem Weg durch das kühle Nass zum Irrläufer.

Wo angepackt werden muss, packt Trimmel an. Ohne große Worte, das war nie sein Ding. Mitnichten würde er sich als Lautsprecher beschreiben, seine Meinung hat er dennoch immer kundgetan, wenn es die Situation erforderte, im Spiel oder auch außerhalb des Platzes. Auch jetzt, da die Fehler der vergangenen, höchst mäßigen Rückrunde nicht wiederholt werden sollen. „Die älteren Spieler müssen die Verantwortung übernehmen und Leistung bringen, damit sich die jüngeren Spieler daran orientieren können“, forderte Trimmel und stellt sich dabei pflichtbewusst an die erste Stelle: „Ich hoffe, dass es da eine Entwicklung gibt und das wollen wir in Köln beweisen.“

Es ist diese Einstellung, die aus dem runderneuerten Kader schnell eine verschworene, eine erfolgreiche Gemeinschaft werden lassen kann. Die Kölner, für die im ersten Heimspiel nach dem Abstieg vor 50.000 Zuschauern nichts anders zählt als ein Sieg, nach Möglichkeit ein klarer, sollen dies zu spüren bekommen.

Trainer Fischer warnt vor aggressiven Kölnern

Trimmel zur Seite stehen könnte dabei in der Innenverteidigung wieder Michael Parensen – es wäre das 200. Zweitligaspiel für den Publikumsliebling im Trikot der Köpenicker. Trainer Urs Fischer machte zwar deutlich, dass Zugang Florian Hübner „immer besser in Rhythmus kommt“, also seine muskulären Probleme auskuriert hat. Zumindest für den Kader dürfte es also reichen. Ob für mehr, ließ Fischer offen. „Köln wird von Beginn an versuchen, das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Die Spieler werden aggressiv in die Zweikämpfe gehen“, sagte Fischer.

Trimmel kommt dies entgegen. Der gebürtige Oberpullendorfer ist ein Mann des körperbetonten Spiels, der gern die Linie rauf und runter geht und als Rechtsverteidiger ohnehin weder sich noch den Gegner schont. Ein Antreiber eben, der das Musketier-Motto „Einer für alle“ vorlebt, auch weil sein Vertrag am Saisonende ausläuft.

„Wir brauchen jeden Einzelnen und nicht nur die, die beginnen. Auch die, die auf der Bank sitzen oder nicht im Kader sind. Wichtig ist, dass wir insgesamt funktionieren. Wer Kapitän ist, ist eigentlich egal“, erklärte Trimmel. Sätze, die er auch gesagt hätte, würde er nicht das kleine Stück Stoff am Oberarm tragen.