Es liegt in der Natur des Trainers Uwe Neuhaus, dass er vor jedem Spiel zunächst einmal die Stärken des Gegners herausstellt. Allein schon, um mit Achtung an die kommende Aufgabe heranzugehen, auch wenn man manchmal schon das Gefühl bekommt, als wolle Neuhaus den Kontrahenten stärker reden, als er eigentlich ist.
Vor der Partie am Freitag gegen den VfR Aalen (18.30 Uhr, Alte Försterei) änderte der Übungsleiter des Berliner Fußball-Zweitligisten allerdings seine Marschroute: „Ich könnte jetzt lange erklären, dass die Stärken der Aalener vergleichbar sind mit Karlsruhe, Aue oder Sandhausen. Das mache ich jedoch nicht. Ohne dass es respektlos klingen soll: Wir müssen die drei Punkte hierbehalten, und das werden wir auch – fertig, aus.“
Wenn es noch einer Bestätigung bedurft hätte, wie groß der Druck für die Köpenicker Kicker gegen den kleinsten Gegner unter allen 36 deutschen Profiklubs ist (Aalen hat nur rund 800 Mitglieder), dann hat der Coach sie geliefert. Nach drei Spielen ohne Erfolgserlebnis, nach nur einem Tor in fünf Spielen ist alles andere als ein Sieg gegen den Verein für Rasenspiele eine Enttäuschung für Union.
Sieg wichtig für Selbstvertrauen
Der Trainer weiß das, die Spieler auch. „Wir müssen die drei Punkte holen, das ist wichtig für unser Selbstvertrauen, unsere Fans und unsere Tabellensituation“, sagte Mittelfeldspieler Damir Kreilach. Und Michael Parensen, der aufgrund der Drei-Spiele-Sperre von Baris Özbek wohl den Platz neben Kreilach im defensiven Mittelfeld einnehmen dürfte, fügte hinzu: „Gegen Aalen brauchen wir über nichts anderes zu reden als über einen Sieg. Wir müssen mit absoluter Überzeugung auftreten, dass nur wir als Sieger vom Platz gehen können. Da zählt einfach nichts anderes.“
Keine Frage, soll der Zwei-Punkte-Rückstand zu den beiden Aufstiegsplätzen nicht größer werden, muss Union gewinnen. Das gilt für den Moment ebenso wie für das große Ziel, dass man in dieser Saison an der Alten Försterei hat, auch wenn es nicht öffentlich ausgesprochen wird. „Es ist noch ein großer Traum unerfüllt, und ich hoffe, dass wir diesen zusammen erreichen können“, sagte zum Beispiel Kapitän Torsten Mattuschka.
Sein Trainer sieht als Schlüssel für einen Aufstieg in die Bundesliga auch nicht die direkten Duelle gegen die unmittelbare Konkurrenz wie Köln, Kaiserslautern oder Fürth, sondern vor allem in Erfolgen gegen die nachfolgenden Mannschaften – also auch Aalen.
Druck auf das Spitzentrio soll erhalten bleiben
Dadurch sollen einerseits die Niederlagen gegen das Spitzentrio ein wenig an Gewicht verlieren. Andererseits bietet sich Union mit konstant positiven Ergebnissen gegen die Mannschaften in der unteren Tabellenhälfte die Möglichkeit, die Führenden stets unter Druck zu setzen.
Dabei ist ein kurioser Umstand festzuhalten. Nach dem Fürther 4:2 in Köpenick setzte es für den Bundesliga-Absteiger drei Niederlagen in den vier nachfolgenden Partien. Und der 1. FC Köln kassierte nach der 4:0-Gala gegen Union zweimal ein 0:1. „Fehlt nur noch Kaiserslautern“, frotzelte Neuhaus mit Blick auf das Lauterer 3:0 vom vergangenen Spieltag gegen seine Mannschaft.
Jene Ausrutscher gegen die so gern als Kleine bezeichnete Konkurrenz sind es, die das Vorderfeld auch nach 15 Spieltagen derart eng zusammengehalten hat. Damit ist auch die vor der Saison so oft geäußerte These bestätigt, dass es in dieser Spielzeit keine Übermannschaft a la Hertha BSC (2012/13) oder Eintracht Frankfurt (2011/12) gibt, die quasi automatisch einen Aufstiegsplatz belegt.
Schon seit 298 Minuten ohne eigenen Treffer
Der Sprung in den Topf der Großen führt also nur über die Kleinen. Doch wie soll es gehen, angesichts einer Offensive, die seit für einen Aufstiegsaspiranten elend langen 298 Minuten ohne Torerfolg ist? Neuhaus ließ unter der Woche mit zwei Bällen spielen, um den Stürmern das Gefühl zu geben, doch noch treffen zu können. „Sie sollten dadurch wieder die Lockerheit vor dem Tor bekommen“, sagte der Trainer. Und auch wenn er die Torflaute nicht als alleiniges Problem der Angreifer betrachtet, fordert er: „Die Entschlossenheit vor dem Tor muss wieder größer werden.“
Erst recht wenn es gegen einen Gegner geht, der sich wie so viele andere vor ihm zunächst vor dem eigenen Tor verschanzen wird, um die berühmte Null so lange wie möglich zu halten. Zumal die Aalener nach ihrem kleinen Jubiläum (50. Zweitliga-Spiel) gern etwas feiern wollen. Das macht die Partie gegen die Baden-Württemberger, gegen die Union in Liga zwei noch nicht gewinnen konnte (0:0 und 0:3 im Vorjahr), nicht leichter.
„Das ist uns bewusst“, sagte Michael Parensen. „Wir haben es ja schon hier erlebt, dass sich die Gegner hinten reinstellen. Aber das darf keine Ausrede sein. Wir wissen, was auf uns zukommen wird, und hatten lange genug Zeit, um uns darauf vorzubereiten. Deswegen gilt das auch nicht als Entschuldigung.“





