Kritischer Kapitän

Vedad Ibisevic – „Wir hätten mehr erreichen können“

Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic über eine komplizierte Saison, verpasste Chancen und sein 100. Pflichtspiel in Blau-Weiß.

 Vedad Ibisevic

Vedad Ibisevic

Foto: Annegret Hilse / dpa

Berlin.  Wochenlang hat Vedad Ibisevic (33) Interviewanfragen abgelehnt. Es war nun mal nicht seine Spielzeit, was soll man da große Reden schwingen? Vor dem Saisonfinale am Sonnabend im Olympiastadion gegen Leipzig meldet sich Herthas Kapitän aber doch noch mal zu Wort. Für den Bosnier wird es das 100. Pflichtspiel in Blau-Weiß. Ein Gespräch über wichtige Tore, den Umgang mit Enttäuschungen und den Faktor Professionalität.

Herr Ibisevic, für Hertha geht es um nichts mehr, für Leipzig um sehr viel. Droht zum Saisonfinale wieder eine Klatsche wie im Vorjahr?

Vedad Ibisevic: Nein, weil wir keine Lust haben, so etwas noch einmal zu erleben. Wir haben im Hinspiel gezeigt, dass wir die Leipziger schlagen können. Davie Selke hat sie damals aber mit seinen beiden Toren ganz schön gereizt, deshalb wird es sicher eine knallharte Partie.

Sie selbst stehen vor Ihrem 100. Pflichtspiel für Hertha. Auf welches Ihrer 34 Tore sind Sie besonders stolz?

(Überlegt) Auf mein allererstes gegen Köln, das war ein sehr wichtiger Treffer. Im vergangenen Jahr auf die Führung gegen die Bayern. Und auf das Tor gegen Bröndby im Jahn-Sportpark – ein richtig schöner Seitfallzieher.

Was war in den drei Jahren die größte Enttäuschung für Sie?

Das 0:3 im Pokal-Halbfinale gegen Dortmund 2016. Damals hatten wir uns sehr viel vorgenommen, zumal im Olympiastadion gefühlt Final-Atmosphäre herrschte. Einerseits war der Gegner deutlich besser, aber unsere Leistung war einfach enttäuschend.

Ein Manko, das bis heute besteht. Immer, wenn es richtig viel zu gewinnen gibt, wirkt das Team blockiert. Ihre Erklärung?

Das sind Dinge, die vielleicht irgendwo in den Köpfen stecken, die aber nicht immer erklärbar sind. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel immer von Auswärtsschwäche gesprochen, von der jetzt kein Mensch mehr redet. Stattdessen sind plötzlich die Heimspiele ein Thema. Ja, in der Öffentlichkeit mag dieses Gefühl existieren, dass wir in bestimmten Situationen immer wieder scheitern. Aber handfeste Gründe dafür sehe ich nicht. Insgesamt sind wir stabiler geworden.

Ein anderes Phänomen hält sich ähnlich hartnäckig: Wenn die Mannschaft mit dem Rücken zur Wand steht, überzeugt sie.

Das ist genauso wenig zu erklären! Grundsätzlich ist es aber ein sehr gutes Zeichen, dass wir unter Druck liefern können. Das ist eine Qualität.

In der Europa League kam das Aus in der Gruppenphase, im DFB-Pokal in Runde zwei – in der Liga landen Sie auf Platz zehn oder elf. Welche Schulnote geben Sie Hertha für diese Spielzeit?

Eine drei. Es war eine komplizierte Saison, allein schon wegen der Mehrfach-Belastung. Rückblickend muss man sagen: Wir hätten mehr erreichen können. Wir haben vielleicht zu spät gemerkt, wie gut die Chancen auf einen Europacup-Platz waren. Andere Teams waren uns da einen Schritt voraus.

Abgesehen von den Resultaten hatte Hertha auch spielerische Ziele. Mehr Torchancen sollten es sein, doch davon war wenig zu sehen.

Das stimmt, daran müssen wir arbeiten. Wir brauchen eine klare Struktur und einen klaren Plan, wie wir mehr Chancen bekommen.

Mit fünf Toren und vier Vorlagen erleben Sie Ihre schwächste Hertha-Saison. Ihre Note für sich selbst?

Auch eine drei. Mache ich zwei, drei Tore mehr, ist es eine ordentliche Saison. Ich saß häufiger auf der Bank als zuvor und habe wenige Spiele am Stück gemacht, aber natürlich bin ich selbstkritisch. Ein paar Joker-Tore haben gefehlt. Die Chancen waren da. Es hätte besser sein können.

Davie Selke hat häufig den Vorzug bekommen. Wie fühlt es sich an, nicht mehr gesetzt zu sein?

Das war neu, ich musste erst lernen, damit umzugehen. Du weißt nie, ob du spielst – und wenn ja, ob fünf Minuten oder eher zwanzig. Ich habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ich bin ein Siegertyp, und manchmal reicht es schon, frische Energie auf den Platz zu bringen und die anderen Jungs mitzureißen.

Für Ihr vorbildliches Verhalten gab es viel Lob. Wie schwer fällt es, sich auch perspektivisch mit der Joker-Rolle anzufreunden?

Ich werde damit umgehen müssen. Ich bekomme immer noch meine Möglichkeiten, sei es von der Bank oder von Anfang an. Aber einfach ist es nicht.

Nicht alle gehen so professionell mit ihrem Reservisten-Status um wie Sie. Jordan Torunarigha hat sich öffentlich beschwert.

Ich habe ihm meine Meinung dazu gesagt. Er gibt sich nicht zufrieden, das ist gut, aber mit 20 zu denken, dass es ohne ihn nicht geht, ist falsch. Man muss auch seine Mitspieler respektieren, sonst kommt man nicht weit.

Herr Ibisevic, warum hat sich die Taktik mit zwei Spitzen nicht durchgesetzt?

Das muss eher der Trainer beantworten. Wir müssen die beste Balance finden, egal in welchem System. Ich glaube aber, dass das Zusammenspiel zwischen Davie und mir im Lauf der Saison immer besser geworden ist.

Mit Davie Selke gibt es einen neuen Leistungsträger, ein alter aber geht. Mitchell Weiser verlässt Berlin. Werden Sie ihn vermissen?

Er will den nächsten Schritt machen, es gab nicht die Möglichkeit, ihn zu halten. Ein Mitch in Topform ist qualitativ ein Verlust, aber jeder ist ersetzbar.

Zuletzt hat Weiser oft lustlos gewirkt.

Das ist seine andere Seite. Für seine Zukunft sollte er das ändern, und in Leverkusen wird er das sicherlich auch tun. Wenn er das schafft, ist er ein überragender Spieler.

Starker Aufstieg, schwacher Abgang – was kann Hertha aus dem Fall Weiser lernen?

Ich meine das ganz allgemein: Vor allem die jungen Spieler sollten etwas lernen. Sie müssen es hinkriegen, immer die beste Leistung abzurufen. Wenn man das nicht schafft, bekommt man irgendwann Schwierigkeiten. Natürlich verfolgt jeder seine eigenen Interessen, aber es geht nicht nur um den Einzelnen. So funktioniert das Geschäft nicht.

Ihr Vertrag läuft bis 2019. Die nächste Saison wird vermeintlich Ihre letzte bei Hertha. Mit welchem Motto gehen Sie in die Spielzeit 2018/19?

Gesund bleiben und genießen. Das ist das Wichtigste.

Was kann danach kommen? Sie sind inzwischen 33 und haben oft betont, sich vorstellen zu können, in Berlin zu bleiben …

Erst mal muss ich schauen, wie mein Körper das nächste Jahr verkraftet (lacht). Stand jetzt möchte ich auf jeden Fall weiter kicken.

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