Die Idee hat mich auf Anhieb fasziniert. In Schweden, so las ich, wurde unlängst ein „Museum des Scheiterns“ installiert, eine Galerie des Versagens. Ein Konzept, dem nicht nur ein gewisser Charme innewohnt, sondern aus meiner Sicht auch eine dringende Notwendigkeit. Jahrzehnte, ach was, Jahrhunderte schon haben wir in Museen vor allem die Meisterwerke unserer Spezies gewürdigt, dabei führen sie uns doch eigentlich nur die eigene Mittelmäßigkeit vor Augen.

Anders das Museum des Scheiterns. Hier erfährt selbst ein Durchschnitts-Heini wie ich, dass er mit seinen Bruchlandungen nicht allein ist, was zumindest ein wenig Trost spendet. Festgehalten werden muss aber auch: Das Museum ist längst noch nicht ausgereift. Wichtige Kapitel fehlen.

Kleiner Trost: Selbst die Bayern scheitern regelmäßig

Bislang beschränken sich die Kuratoren ausschließlich auf geflopptes Produktdesign. Zu sehen gibt es etwa ein innovatives Fahrrad aus Plastik, das zwar garantiert rostfrei bleibt, dafür aber bei Sonneneinstrahlung ins Schlingern gerät. Daneben: die Zahnpasta eines Rüstungsherstellers, die sich genauso als Rohrkrepierer erwies wie die Tiefkühl-Lasagne eines Zahnpastaherstellers. Unzulänglichkeiten zum Anfassen, kurios und unterhaltsam, keine Frage. Doch mindestens genauso ausstellungswürdig wäre das Scheitern von Sportlern, schließlich wird in keinem Metier so regelmäßig und facettenreich gescheitert wie im Sport.

Hervorgetan hat sich in dieser Hinsicht besonders der Fußball, wo das Scheitern regelrecht zelebriert wird. Mal auf großer Bühne, wie am Dienstag in der Champions League beim Duell Bayern München gegen Real Madrid, einem fast schon epischen Schlagabtausch, der an den Boxkampf zweier Schwergewichts-Titanen erinnerte, in dem eine kleine Unachtsamkeit den schnellen K. o. bedeuten kann.

Scheitern als Kunstform

Andernorts wird quälend langsam gescheitert, so wie beim Traditionsklub 1. FC Kaiserslautern. Durch eine Mischung aus Großmannssucht und Missmanagement degenerierte der einstige Stolz der Pfalz binnen 20 Jahren vom Deutschen Meister zum Drittligisten. Ein Beispiel, das beweist, wie schnell das Scheitern zum Teufelskreis werden kann.

Apropos Dritte Liga: Dort könnte im schlimmsten Fall auch der 1. FC Union landen, bei dem sich das Scheitern in dieser Saison an nur einer Personalie festmachen lässt. Für die Trennung von Trainer Jens Keller mögen die Köpenicker zwar gute Gründe gehabt haben, noch besser wäre allerdings die Verpflichtung eines adäquaten Nachfolgers gewesen. So aber erlebte der Aufstiegsanwärter einen furiosen Abstieg – Ausgang offen.

Und dann ist da ja noch Hertha BSC, ein Klub, der das Scheitern fast schon zur Kunstform erhoben hat. Abstiegsangst plagt die Berliner zwar seit Jahren nicht mehr, dafür aber ein ausgeprägtes Faible für das Auslassen von Chancen. Das Muster ist inzwischen etabliert: Immer wenn sich Hertha in eine hervorragende Ausgangslage manövriert hat, folgt zuverlässig eine Enttäuschung.

Beckett wäre stolz auf die Berliner

So war es im Pokal-Halbfinale vor zwei Jahren gegen Dortmund (0:3). So war es in der Europa-League-Qualifikation 2016 gegen Außenseiter Bröndby IF (1:0, 1:3). So war es in den vergangenen beiden Rückrunden, jeweils nach herausragenden Hinserien. So war es in der laufenden Europacup-Saison, die Hertha als Gruppenletzter beendete. Und so war es jüngst in diversen Heimspielen, denen teils furiose Auswärtsauftritte vorausgegangen waren. Eine so komplexe Form des Scheiterns, dass man von gehobenem Niveau sprechen muss. Nichts für Anfänger, aber zumindest in der Tradition von Samuel Beckett: „Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.“

Wenn Sie mich fragen, bleibt Hertha seinem Makel in den letzten beiden Saisonspielen treu. Ein Auswärtssieg am Sonnabend in Hannover, danach ein ernüchternder Abschluss zu Hause gegen Leipzig. Würde ins Bild passen. Und falls ich mit meiner Prognose danebenliege, weiß ich wenigstens, in welches Museum ich gehöre.

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