Aus der Kabine von Hertha BSC dröhnte Hip-Hop. Über den ganzen Parkplatz des Vereinsgeländes konnte man die Musik nach dem Training am Mittwochvormittag hören. Einem kanadischen Touristen, der auf dem Fahrrad die Gegend ums Olympiastadion erkundete und zuvor noch nie von Hertha gehört hatte, kam es vor, als müsse es diesem Fußballklub aus Germany gerade ziemlich gut gehen.

Wer Pal Dardai am Mittwoch zuhörte, der konnte das nicht unbedingt erahnen. Wieder einmal musste der Berliner Coach mitansehen, wie seine Spieler im Training allzu oft das Tor verfehlten. „Aber das hat ja schon Tradition bei uns“, sagte der Ungar sarkastisch. Dass es Dardai dennoch gut geht, liegt daran, dass seine Mannschaft trotz einer durchwachsenen Saison immer noch die Chance auf die Teilnahme an der Europa-League-Qualifikation besitzt. Dafür aber braucht es einen Sieg in Hannover am Sonnabend (15.30 Uhr), um dann im letzten Spiel gegen RB Leipzig ein Finale um Platz sieben und damit wahrscheinlich um Europa zu bekommen. Die Formkurve spricht dafür: Sieben Punkte aus den vergangenen drei Partien sammelte Hertha. Auf Platz sieben sind es nur drei Zähler Rückstand.

96 ist die konteranfälligste Mannschaft der Liga

„Unser Ziel ist es, die Saison stark zu beenden. In den vier Jahren, die ich jetzt hier bin, ist uns das nie gelungen“, sagte Stürmer Salomon Kalou, ohne zu wissen, dass das Warten auf einen perfekten Endspurt bei Hertha noch viel, viel länger dauert. Sechs Punkte an den letzten beiden Bundesliga-Spieltagen gab es für die Blau-Weißen zuletzt vor 19 Jahren. Das war in der Saison 1998/99. Hertha wurde damals sensationell Dritter. „Echt, so lange ist das her?“, fragte Nationalspieler Marvin Plattenhardt, als er mit der 19 Jahre langen Durststrecke konfrontiert wurde. „Dann wird es Zeit. Wir haben uns in den letzten Wochen sehr gesteigert, und ich traue uns zu, dass wir noch sechs Punkte holen.“

Wenn man die eigenen Defizite auch kurz vor Saisonschluss nicht mehr abstellen kann (mangelnde Durchschlagskraft), bleibt einem noch die Möglichkeit, auf die Defizite des Gegners zu setzen. Hannover zum Beispiel ist nicht nur eines der defensivschwächsten Teams der Liga. Schon 50 Gegentore kassierte 96, nur zwei Mannschaften waren schlechter. Hannover ist auch besonders anfällig bei Kontern. Kein Team in der Liga musste bisher mehr Gegentore nach Gegenstößen hinnehmen als die Niedersachsen (zwölf). Das liegt vor allem daran, dass das Team von Trainer André Breitenreiter in der Vorwärtsbewegung überdurchschnittlich viele Ballverluste produziert. Keine Mannschaft in der Bundesliga verzeichnet eine höhere Fehlpassquote als Hannover (24 Prozent). Dardai ließ deshalb auch am Mittwoch wieder verstärkt das Umschaltspiel nach eigenen Ballgewinnen in einer Drei-gegen-zwei-Situation trainieren. Wenn auch nicht mit den gewünschten, vielen Torerfolgen. „Die Umschaltbewegungen wird besser bei uns“, fand aber Linksverteidiger Plattenhardt. „Gegen Hannover kann das ein Mittel sein.“

Dardai geht davon aus, dass Breitenreiters Elf, die als Tabellen-13. (36 Punkte) noch einen Zähler zum sicheren Klassenerhalt benötigt, vor allem körperlich dagegenhalten wird. „Das Spiel wird ein echter Fight werden“, sagte der 42-Jährige. Gelingt Hertha mit einem Sieg der Start in einen perfekten Saisonendspurt, dürfte bald auch wieder ziemlich lauter Hip-Hop aus der Kabine zu vernehmen sein. Man hätte es sich dann verdient.

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