BUNDESLIGA

Fabian Lustenberger: „Köln hat es nicht in der eigenen Hand“

Herthas Mittelfeldstratege kennt den Abstiegskampf und weiß, dass der 1. FC Köln abhängig vom Rest der Liga ist.

Fabian Lustenberger (r.) im Zweikampf gegen Bayerns Robert Lewandowski.

Fabian Lustenberger (r.) im Zweikampf gegen Bayerns Robert Lewandowski.

Foto: nordphoto / Straubmeier / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Fabian Lustenberger weiß, wie sich das anfühlt. Im Tabellenkeller der Bundesliga zu stehen und Spieltag um Spieltag gegen den Abstieg zu kämpfen. In der Saison 2009/10 stand er mit Hertha selbst dort unten und wehrte sich gegen den Gang in die Zweite Liga – am Ende vergeblich. Vor dem Spiel gegen den abstiegsbedrohten 1. FC Köln am Sonnabend (15.30, Olympiastadion) spricht der 29-Jährige deshalb über Hoffnungen im Abstiegskampf, Lerneffekte und warum Geld im Umgang mit Drucksituationen wenig weiterhilft.

Fabian Lustenberger, wie beruhigend ist es, zu dieser Zeit des Jahres so viel Vorsprung auf die Abstiegsplätze zu haben?

Fabian Lustenberger: Für mich persönlich ist es beruhigender, als mit 26 oder 27 Punkten um jeden Punkt kämpfen zu müssen. Die Situation, in der wir uns befinden, ist vielleicht nicht so attraktiv für die Zuschauer, aber für uns Spieler deutlich angenehmer.

Der kommende Gegner Köln steckt mitten im Abstiegskampf. Vor acht Jahren befanden Sie sich mit Hertha in einer ähnlichen Situation.

Eigentlich war es exakt die gleiche Ausgangslage. Wir hatten genau wie Köln zur Winterpause nur sechs Punkte und waren im Grunde abgestiegen. In der Rückrunde haben wir dann eine Aufholjagd gestartet, es am Ende aber leider doch nicht geschafft.

Können Sie mit den Kölnern fühlen?

Ich kann mir in etwa vorstellen, wie es den Spielern dort jetzt geht, wie man immer wieder hofft, ran kommt und dann doch wieder eins auf den Deckel kriegt. Aber mitfühlen im Sinne von Mitleid, da tu ich mich schwer mit. Sie haben sich selbst in die Situation gebracht, so wie wir uns damals auch selbst in eine solche Situation gebracht haben.

Wie die Kölner hatten Sie 2009 mit Hertha eine sehr erfolgreiche Vorsaison gespielt. Zwölf Monate später sind Sie abgestiegen. Wie kam dieser Leistungseinbruch zustande?

Wir hatten in Marko Pantelic, Andrei Woronin und Josip Simunic drei wichtige Spieler verloren. Das waren richtige Säulen. Pantelic und Woronin haben jeder zehn bis fünfzehn Tore garantiert und Simunic war ein Verteidiger von internationaler Klasse, der von seiner ganzen Persönlichkeit her ein absoluter Führungsspieler war. Diesen Substanzverlust konnten wir nicht kompensieren.

Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Ich war zu Beginn der Saison lange verletzt und kam erst im Oktober zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nach einem Sieg am ersten Spieltag sieben Spiele infolge verloren, der Trainer (Lucien Favre) war weg, ein Neuer (Friedhelm Funkel) da. Alles befand sich im Umbruch, aber die Ergebnisse wurden zuerst nicht besser.

Was passiert in einem solchen Moment innerhalb der Mannschaft? Wie verändert sich die Dynamik?

Wenn du in so einen Negativstrudel gerätst und im Vorfeld deine wichtigsten Führungsspieler verloren hast, ist das so ziemlich das Schlimmste, was eintreten kann. Ich selbst war damals noch zu jung, um den Blick fürs Ganze zu haben. Ich habe vor allem auf mich geachtet und mich gefreut, dass ich spiele und versucht, meine Leistung zu bringen. Heute, mit der nötigen Erfahrung, würde ich das anders machen.

Gab es Momente, an denen Sie dachten, das kann doch alles nicht wahr sein?

Ja, im Spiel gegen Leverkusen haben wir lange 1:0 geführt und plötzlich lagen wir 1:2 zurück durch einen abgefälschten Schuss, der sonst nie reingeht. Toni Kroos hat’s glaube ich gemacht. Da dachte ich, wenn jetzt sogar schon so ein Ball reingeht, hat sich alles gegen uns verschworen. Wir haben am Ende zwar noch den Ausgleich geschafft, aber der Punkt war da schon zu wenig. Solche Momente gab es noch mehrfach, gerade in den Heimspielen. In der ganzen Saison gelang es uns nur ein Heimspiel zu gewinnen, so konnten wir uns nicht in der Liga halten.

Nimmt man als Spieler den Abstiegskampf mit nach Hause?

Da müssen Sie meine Frau fragen. Ich glaube eher nicht. Ich habe versucht, dass weitestgehend auszublenden, es war halt so, wie es war. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass einige Spieler das mit nach Hause nehmen.

Sie haben die sechs Punkte zur Winterpause bereits angesprochen. Wie haben Sie und die Mannschaft sich damals noch motiviert und welche Parallelen sehen Sie zum 1. FC?

Bei uns gab es noch einen Unterschied. Zur Winterpause haben wir in Gekas, Hubnik und Kobiashvili drei neue Spieler hinzubekommen. Das war ein Zeichen, dass der Verein noch mal alles versucht, das hat uns Aufschwung gegeben. Dann haben wir das erste Spiel in Hannover gleich 3:0 gewonnen und plötzlich war die Stimmung wieder positiv. Wir haben uns noch T-Shirts gemacht, Aufholjäger stand da drauf. Aber insgesamt fehlte uns der Lauf, wo wir mal zwei, drei oder vier Spiele am Stück gewinnen konnten.

Köln kam mit Stefan Ruthenbeck besser in Tritt. Welche Rolle spielte Friedhelm Funkel bei Hertha?

Sein größter Verdienst war sicher, dass er ruhig geblieben ist. Wir sollten einfach weiter arbeiten, sagte er immer. Das war richtig, weil irgendein Aktionismus meiner Meinung nach überhaupt nichts gebracht hätte. So waren wir auch verhältnismäßig ruhig, obwohl wir mit jedem Spiel wussten, dass es immer schwerer werden würde.

Das trifft auch auf den 1. FC Köln zu. Nach dem 0:6 in Hoffenheim wird der Klub von den meisten Experten abgeschrieben. Wie viele Rückschläge kann man als Mannschaft verkraften?

Wir konnten damals anscheinend einige verkraften. Das 5:1 in Wolfsburg war nach dem 1:2 gegen Nürnberg, als einige Fans den Platz gestürmt und uns als Absteiger beschimpft hatten. Du hast trotzdem immer noch die Hoffnung, so lange es rechnerisch möglich ist. Gewinnen, um die Chance aufrecht zu erhalten, treibt dich an. Deswegen weiß ich nicht, ob das 0:6 der Kölner in Hoffenheim tatsächlich der K.o. war. Das kann dir auch passieren, wenn du an dritter Stelle stehst. Nach sechs Punkten in der Hinrunde so wie wir erst zwei Spieltage vor Schluss tatsächlich abzusteigen, zeigt auch, dass wir immer daran geglaubt haben, drin zu bleiben.

Was trauen Sie Köln noch zu?

Ich trau ihnen auf jeden Fall zu, noch Punkte zu holen. Aber sie haben es nicht in der eigenen Hand, das ist nun mal so. Wenn sie gegen uns jetzt einen raus hauen, heißt es sofort, die sind wieder da. Mit diesem Auf und Ab muss man als Verein und als Spieler umgehen können.

Bekommt man im Abstiegskampf auch mal Existenzängste?

Ich kann da nur für mich sprechen und bei mir war das nicht so. Meine Situation war relativ klar. Es hatte schon während des Frühjahrs Gespräche mit dem Verein gegeben, der wollte, dass ich bleibe. Ich wollte auch bleiben und so wusste ich, dass es für mich auch trotz des Abstiegs bei Hertha weitergeht.

Sie waren zu diesem Zeitpunkt Schweizer Nationalspieler. Warum sind Sie trotzdem in die Zweite Liga gegangen?

Ich war schon vier Jahre in Berlin, ich habe immer gespielt und der Verein machte mir deutlich, dass ich ein wichtiger Spieler für die Zukunft sei. Für mich hat einfach alles gepasst und ich wollte beim Neustart mithelfen. Im Nachhinein war das vielleicht mal nötig, leider haben wir diesen Neustart dann zweimal gebraucht.

Per Mertesacker hat vor einiger Zeit über Druck im Fußballgeschäft gesprochen. Konnten Sie sich dort wiederfinden, vor allem was die Zeit im Abstiegskampf betrifft?

Ich hab das Interview bisher nicht ganz gelesen, aber die Ausschnitte, die ich kenne, die stimmen einfach. Ich glaube viele aktive Fußballer können bestätigen, dass es genau so ist, wie er es gesagt hat. Es waren in erster Linie ehemalige Fußballer, die dagegen geschossen haben.

Mertesacker sprach von Symptomen wie Brechreiz und Übelkeit vor den Spielen. Kennen Sie das auch?

Ja, das kennt man. Mir geht es vor den Spielen auch mal schlechter und mal besser. Manchmal denk ich, 90 Minuten schaffst du heute auf keinen Fall. Und dann im Spiel geht’s. Das war ja auch die Kernaussage bei Mertesacker. Dass er es trotz des Drucks und all der Symptome im Spiel schafft, leistungsfähig zu sein. So ist es bei mir auch. Wenn du ins Spiel geht’s, hast ordentliche Zweikämpfe, hörst die Zuschauer, dann ist alles vergessen und die Drucksituation rückt in den Hintergrund.

Welche Symptome verspüren Sie vor den Spielen?

Das ist immer situations- und gefühlsabhängig. Manchmal denk ich im Bus, man bist du müde, am liebsten würdest du jetzt eine Runde schlafen, was du natürlich nicht machst. Manchmal fühlst du dich dagegen topfit und merkst dann nach zehn Minuten „wow, heute geht gar nichts“. Im Spiel kann sich das dann komplett ändern. Deswegen bin ich auch heute nicht mehr so nervös, wenn ich mich vor dem Spiel nicht so gut fühle.

Gehören Sie zu den Spielern, die gleich am Anfang eine gelungene Aktion brauchen und dann läuft der Rest von alleine?

Ja, das tut mir gut. Definitiv.

Was entgegnen Sie Menschen, die der Meinung sind, Profifußballer sollten sich nicht so haben? Schließlich verdienen die meisten sehr viel Geld.

Wir Fußballer verdienen gutes Geld. Ja, wir können uns Sachen leisten, die sich viele Leute nicht leisten können, aber grundsätzlich sind wir alle Menschen und jeder Mensch reagiert anders in extremen Drucksituationen. Deshalb kann ich eine solche Aussage nicht wirklich nachvollziehen.

Hätte euch das, was Köln passiert ist, auch passieren können? Vom Europapokal in die Zweite Liga.

So denke ich nicht. Ich denke eher in eine andere Richtung. Was hätte passieren können, wenn wir mal drei Spiele am Stück gewonnen und einen Lauf bekommen hätten. Dann wären wir jetzt weiter oben. Ich glaube, wir haben eine sehr gute Mannschaft, die vielleicht die Qualität hätte, besser dastehen zu können, aber wir haben es nicht hinbekommen, die Konstanz reinzukriegen, die wir letzte Saison hatten. Klar hätte ich gerne mehr Punkte, aber ich bin auch froh, dass wir nicht weniger Punkte haben und mit der neuen Erfahrung Europa League sorgenfrei durch die Saison gekommen sind.

Wie bewerten sie vor dem Hintergrund der Kölner Probleme die Saison von Hertha?

Wir spielen von außen betrachtet wohl eher eine langweilige Saison. Wir haben es geschafft, nie ganz unten rein zu rutschen. Immer wenn es hieß, wir müssen punkten, haben wir dreifach gepunktet. Dafür haben wir aber auch Chancen liegen lassen, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, an den internationalen Rängen zu kratzen. Wir haben ein paar Punkte zu wenig, das ist so. Aber es ist auch so, dass wir nicht jedes Jahr Fünfter oder Siebter werden können. Es gibt Mannschaften, die mehr Budget und daher noch mehr Qualität im Kader haben. Wir haben es zwei Jahre geschafft, jetzt nicht. Im Sommer müssen wir die Kräfte neu bündeln und dann versuchen, neu anzugreifen.

Mehr zum Thema:

Herthas Plan: mehr Tore, bessere Unterhaltung

Auf diesen Jarstein können sie bauen

Wie die Digitalisierung den Fußball verändert