Kolumne Immerhertha

Wie die Digitalisierung den Fußball verändert

Das grandiose Buch „Matchplan“ beschreibt die neue Macht der Zahlen und warum in ihnen eine Chance steckt.

Lassen Sie uns ein kleines Gedankenexperiment wagen! Ich nenne Ihnen Statistiken, die einem realen Fußballspiel entstammen. Sie überlegen, wer diese Partie wohl gewonnen haben mag. Ballbesitz: Team A hatte 52 Prozent, Team B nur 48. Torschüsse: Team A gab 18 ab, Team B nur 14. Gefährliche Angriffe: 55 zu 34. Flanken 22 zu zehn. Ecken: sieben zu fünf. Gewonnen hat, richtig, Team B.

Jene Statistik stammt vom 7:1 der deutschen Nationalelf im WM-Halbfinale gegen Brasilien 2014. Eine legendäre Niederlage war das für den WM-Gastgeber. Aber die Daten und das Spiel kommen nicht zusammen, sie stehen sich ratlos gegenüber. Wir müssen uns also die Frage stellen, was uns die immer üppigeren Zahlen, die von einem Fußballspiel heutzutage erhoben werden, wirklich über die Realität einer Partie erzählen. Nichts und alles lautet die Antwort. Es kommt auf die richtigen Daten an – und was man damit anstellt.

Außenseiter haben den Blick auf den Fußball verändert

Das ist eine der Thesen im neuen Buch „Matchplan“ des Fußball-Autoren Christoph Biermann. Der jahrelange Beobachter der Branche, Mitglied der Chefredaktion des Fußball-Magazins
„11 Freunde“, erzählt darin, wie die digitale Revolution das Spiel, die Bewertung der Spieler und die Berichterstattung der Medien verändert. Und er kommt zu dem Schluss, dass darin ein Möglichkeitsraum, aber auch ein Zwang für die Vereine steckt.

Er schreibt: „Noch ist nichts pfannenfertig, aber die Dinge liegen auf dem Tisch; wer sie nicht nimmt, ist selbst schuld. Ob wir wollen oder nicht: Die digitale Wende des Fußballs hat längst begonnen.“

Dieses Buch ist voll von interessanten Menschen. Meist sind es Außenseiter, die andere Wege gingen und damit den Blick auf den Fußball sowie den Fußball selbst veränderten.

Leistung und Ergebnis sind im Fußball nicht immer deckungsgleich

Einer davon ist der Wirtschaftsprüfer Colin Trainor. Der Nordire konnte im Winter 2014 nicht verstehen, warum Borussia Dortmund mit Trainer Jürgen Klopp auf dem vorletzten Platz stand. Fußball ist ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Man kann berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Ball von einem bestimmten Punkt auf dem Feld ins Tor geht. Man nennt das „Expected Goals“ (erwartete Tore). Von außerhalb des Strafraums zum Beispiel sind es immer weniger als zehn Prozent.

Trainor kam mit dieser Methode zu der Erkenntnis, dass der BVB laut Wahrscheinlichkeit in der Hinrunde eigentlich hätte acht Treffer mehr und neun Gegentore weniger haben müssen. Statt auf einem Abstiegsplatz hätte Dortmund mit den daraus abgeleiteten „Expected Points“ (erwartete Punkte) auf Rang vier stehen müssen. Klopp hatte also nicht das Siegen verlernt, er hatte Pech. Die statistischen Ausreißer glichen sich in der Rückrunde wieder aus. Der BVB kam noch in die Europa-League-Qualifikation, aber da hatte Klopp schon so gezweifelt, ob er noch der Richtige für den BVB sei, dass sein Abschied bereits beschlossene Sache war. Nun steht er mit dem FC Liverpool im Halbfinale der Champions League. Dortmund hingegen ist nie wirklich glücklich mit Klopps Nachfolgern geworden.

„Expected Goals liefern zwar nicht das wahre Ergebnis, aber sie schärfen den Blick, dass Leistung und Ergebnis im Fußball nicht immer deckungsgleich sind“, schreibt Biermann dazu.

Der Fußball wird durch die Digitalisierung umgewälzt

Doch nicht nur das Spiel kann durch den richtigen Einsatz von richtigen Daten präziser bewertet werden, sondern auch Spieler. Biermann erzählt von der Firma Goalimpact, die anhand von Zahlen eine ganze Karriereprognose vornimmt. Er berichtet vom dänischen Erstligist FC Midtjylland, der Transfers von Ergebnissen eines mathematischen Modells abhängig macht. Und er beschreibt, wie durch Persönlichkeitstests die Kaderplanung und das Miteinander in Vereinen gesteuert werden.

Wie alle Bereiche der Gesellschaft wird der Fußball durch die Digitalisierung umgewälzt. Biermann beschreibt das grandios in seinem Buch – und zwar nicht als Bedrohung, sondern als Chance: „Wer in diesem Wettlauf mithalten will, braucht einen Matchplan, und zwar nicht nur für das nächste Spiel.“

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