Wenn er gewollt hätte, wäre Mitchell Weiser (23) vermutlich Erster geworden. Der U21-Europameister von Hertha BSC verfügt über etwas, das in Branchenkreisen ungemein geschätzten wird – einen hohen Topspeed, Höchstgeschwindigkeit also. Kaum einer im Berliner Kader ist schneller. Für Weiser aber schien die Spitzenposition am Mittwochvormittag kein lohnenswertes Ziel zu sein. Also ließ er es im Training bei der abschließenden 100-Meter-Läufen ruhiger angehen und trabte seiner Gruppe hinterher.
Der U21-Europameister wirkt zu oft zu lustlos
So wie seinen Mitspielern läuft Weiser auch seiner Form nach. Die ganze Saison schon. Vergangenes Wochenende gewann er in Mönchengladbach nur 30 Prozent seiner Zweikämpfe – ein für seine Verhältnisse extrem schwacher Wert. Es läuft einfach nicht. Nicht bei Weiser. Und auch nicht bei Hertha. Dass der Berliner Bundesligist in dieser Spielzeit im Mittelfeld der Tabelle festklebt, hängt auch mit den enttäuschenden Leistungen des Außenbahnspielers zusammen.
Weil Weiser normalerweise der sein kann, der den Unterschied ausmacht. Wie im Finale der U21-EM im vergangenen Juni, als er Deutschland mit seinem Tor im Finale gegen Spanien den Titel sicherte. Zuvor hatte er bereits eine grandiose Serie gespielt und war einer von Herthas Besten gewesen. Auf der rechten Seite trieb er das Spiel mit an, kreierte mit seinem Ideenreichtum und seinen Dribblings gute Torchancen, genauso wie mit guten Hereingaben. All das fehlt in diesem Frühjahr jedoch, was die Berliner doppelt schmerzt, weil sie im Kader nicht genug Spieler haben, die Weisers derzeitige Schwäche mit eigener Stärke kompensieren könnten.
Woran es Weiser aktuell fehlt, ist nicht mit Genauigkeit zu sagen. Zu Beginn der Rückrunde verhinderten Verletzungsprobleme, dass er besser in Tritt kam. Anschließend musste er einige Spiele von außen aus mit ansehen, zeitweise kam er gar nicht zum Einsatz. Trainer Pal Dardai bemängelte in dieser Phase fehlende körperliche Frische, meinte aber wohl auch fehlendes Engagement, fehlende Körpersprache und fehlenden Ehrgeiz. Die Verbannung auf die Bank war mehr als Denkzettel zu interpretieren, denn als sportliches Statement.
In der Vergangenheit war es Dardai mit solchen Maßnahmen immer wieder gelungen, Weiser zu packen. Leistungsschübe waren die Folge. In Berlin entwickelte sich der hoch veranlagte Fußballer zu einem der besten Rechtsverteidiger der Bundesliga. Weiser war zufrieden. So sehr, dass er seinen Vertrag vor zwei Jahren vorzeitig bis 2020 verlängerte. Hertha, so glaubte er, sei für ihn der richtige Klub, um die nächste Stufe der Karriereleiter zu erklimmen. Inwiefern der Glaube daran bei Weiser noch gegeben ist, lässt sich nur erahnen. Einen Gesprächstermin für diese Geschichte lehnte er ab.
Weiser ist nicht einfach zu händeln
Dass der mitunter eigenwillige Weiser nicht immer einfach zu händeln ist, haben sie in Berlin in den drei gemeinsamen Jahren mitbekommen, aber gravierende Probleme gab es nie. Aktuell scheinen die Dinge etwas an Weiser abzuprallen, der positive Effekt des zeitweiligen Reservistendaseins blieb aus. Der Spieler gehört seit vier Begegnungen wieder zum Stammpersonal, ist aber nicht der erwartete Leistungsträger. Dardai reagiert inzwischen genervt auf Nachfragen zu Weiser. „Lassen wir das Thema. Wir brauchen jetzt nicht über Mitch reden. Er soll erstmal seine Form finden“, sagt der Ungar.
Natürlich weiß Dardai um Weisers Potenzial, gerade mit Hinblick auf das Heimspiel am Sonnabend (15.30 Uhr) gegen Köln. Die abwehrschwachen Gäste sind vor allem über ihre linke Seite verwundbar, sprich auf Weisers Terrain. Vergangene Saison wäre das ein Selbstläufer geworden. Bleibt aus Dardais Sicht nur, auf den Faktor Motivation zu hoffen. Die FC-Fans pfeifen Weiser, den ehemaligen Jugendspieler des Vereins leidenschaftlich gern aus, weil der es als Jüngling einst wagte, von Köln zum FC Bayern zu wechseln. Dort konnte er sich zwar nicht durchsetzen, der Wunsch, auf diesem Niveau Fußball zu spielen, blieb aber.
Treffen mit Leverkusens Manager heizen Gerüchte an
Auch in jüngerer Vergangenheit hatte Weiser immer wieder betont, dass er in Zukunft regelmäßig international spielen möchte. Diese Möglichkeit wird im Trikot von Hertha BSC in der kommenden Saison sehr wahrscheinlich nicht gegeben sein. Zuletzt hatte es Spekulationen um einen vorzeitigen Abschied gegeben. RB Leipzig tauchte als möglicher Interessent auf, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen auch. Bei den Rheinländern arbeitet Vater Patrick als Nachwuchstrainer. Mitte März hatten sich die Weiser-Männer mit Leverkusens Manager Jonas Boldt in einem Berliner Café getroffen, was den Gerüchten um einen Wechsel zusätzlich Nährboden verlieh.
Es gibt Hertha-Anhänger, die bemängeln während der Trainingseinheiten, Weiser hätte sich gedanklich schon aus Berlin verabschiedet. Ob das tatsächlich so ist, kann außer dem Spieler niemand sagen. Ihm etwas zu unterstellen wäre nicht fair, doch ein wenig hat den Anschein, als suche Weiser momentan sich selbst und seinen Weg. Seine Leistungen in den letzten fünf Spielen bis zur Sommerpause könnten einen Hinweis darauf geben, ob Hertha BSC in seiner Karriereplanung noch eine Rolle spielt.


