Saison-Finale

Hertha hat keine Fußball-Euphorie in Berlin entfachen können

Der Hauptstadtklub erreicht das Saisonziel. Und trotzdem bleibt der Weg für Hertha steinig, meint Uwe Bremer.

Hertha-Coach Pal Dardai

Hertha-Coach Pal Dardai

Foto: Torsten Silz / dpa

Wer an diesem Sonntag nach einem zehnmonatigen Urlaub, sagen wir auf dem Mars, zur Erde zurückkehrt, würde sicher staunen: Hertha beendet die Saison auf Rang sieben. Ein großer Erfolg: Der Fast-Absteiger vom Mai 2015 qualifiziert sich im Mai 2016 für den Europapokal, also zumindest für dessen Qualifikationsrunde. Somit ist das Projekt „Etablierung in der Bundesliga“, das sich Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz auf die Fahne geschrieben haben, auf allerbestem Wege.

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Neuverpflichtete Spieler wie Vladimir Darida, Mitchell Weiser, Niklas Stark und Vedad Ibisevic haben eingeschlagen. Pal Dardai hat ein überzeugendes erstes Jahr als Cheftrainer hingelegt und die Mannschaft entwickelt. Dazu hat sich Hertha im DFB-Pokal zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert bis ins Halbfinale gespielt.

Das Team wird lernen

Klingt alles prima, doch so einfach ist es auch wieder nicht. Vielmehr hat Hertha eine ungeschriebene Branchenregel umgeschrieben. Eigentlich lautet diese: Jeder Verein kann mal eine gute Saison spielen. Hertha hat schon eine gute Halbserie gereicht. Und spielt nun trotz mäßiger Rückrunde in der kommenden Saison wieder mal international.

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Das Trainerteam wird lernen. Nicht nur aus jener schwarzen Serie von zwei Remis und fünf Niederlagen von März bis Mai. Da hat die Mannschaft um Kapitän Fabian Lustenberger von dem Kredit verspielt, den sie sich zuvor aufgebaut hatte. Vor allem in der Hinrunde hat Hertha diesmal aber richtig Spaß gemacht. Das Spiel hatte Struktur, die Mannschaft wartete geduldig auf eine Chance – dann war meist Verlass auf die Torjäger Salomon Kalou und Vedad Ibisevic.

Zurückhaltende Fans

Dennoch hat Hertha keine Fußball-Euphorie in der Stadt entfachen können. Die Fans in Berlin sind nach den Achterbahnfahrten der vergangenen Jahre sehr zurückhaltend. Hertha stellt in dieser Saison mit dem Olympiastadion erneut die Arena mit der geringsten Auslastung aller Bundesligisten. Das Thema eines reinen Fußballstadions, das Präsident und Manager auf die Tagesordnung gehoben haben, wird den Verein noch auf Jahre begleiten.

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Die kommende Spielzeit wird spannend, auch wegen der Europa League. Negativbeispiele für Klubs, für die die internationalen Auftritte zur Gefahr wurden, gibt es einige: Freiburg, Nürnberg, Frankfurt, Augsburg – die Überraschungsmannschaft der einen Saison war oft das Sorgenkind der nächsten. Zu groß ist für viele Klubs die Doppelbelastung von Ligaalltag und Euro-Auftritten.

Das Vorbild für die Berliner kann nur Mönchengladbach heißen. Die Borussia ist der einzige Verein in der jüngeren Bundesligavergangenheit, der aus dem Tabellenkeller kommend den Anschluss an die Topklubs gefunden hat.

Kein gutes Zeichen für die Qualität des deutschen Fußballs

An der Spitze zogen auch in dieser Saison die Bayern aus München und ein erstaunlich starkes Borussia Dortmund ihre Kreise. So beeindruckend die Form des Rekordmeisters unter Trainer Pep Guardiola und die Entwicklung des BVB unter Trainer Thomas Tuchel war: Für die Qualität des Fußballs in Deutschland ist es kein gutes Zeichen, wenn das Mittelfeld der Liga bereits auf Rang drei beginnt. Für Hertha war es natürlich erfreulich, über Monate hinweg Tabellendritter zu sein, aber auf Dauer kann so ein großes Leistungsgefälle innerhalb der Liga auch für gähnende Langeweile sorgen. Doch die Überlegenheit insbesondere des Rekordmeisters scheint aus finanzieller Sicht eben auf Jahre hinaus zementiert.

Echte Veränderung verspricht einzig Aufsteiger RB Leipzig, der sich sofort nach oben orientieren wird. Und auch wenn es nicht originell klingt: Das Ziel für Hertha 2016/17 wird weiter Etablierung heißen. Gemeint ist, auf Abstand zur Abstiegszone zu bleiben. Wer nun einwendet, dass ein Hauptstadtklub bitte schön in der Champions League zu spielen habe: Das mit dem Blick Richtung Europa hatten sich in dieser Saison auch Frankfurt, Stuttgart und Hannover vorgenommen.

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