Hab neulich gedacht: Ich verstehe euch nicht mehr. Hertha-Fans, keine Ahnung, was mit euch los ist. Aber das hat vielleicht mit meinem eigenen Fansein zutun, das, nun ja, nicht ganz linear verlief.

Als einige Hertha-Anhänger beim Stand von 1:1 zur Halbzeitpause gegen Hannover die eigene Elf auspfiffen, fragte ich mich: Sind die genauso Fans ihrer Mannschaft wie ich von meiner? Oder funktionieren die anders?

Aber fangen wir vorn an: Dass mit mir und dem Hamburger SV war keine Liebe auf den ersten Blick. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht einmal, das er existiert, als ich zum ersten Mal Wärme beim Gedanken an ein Fußballteam empfand. Mein Vater, ein ehemaliger Zehnkämpfer ohne große eigene Fanhistorie, schaute im TV, wie Bayern München gegen Borussia Dortmund verlor. Ich muss acht gewesen sein und fragte, für welches Team er sei. „Dortmund“, sagte mein Vater, meinte aber: „immer für den Gegner der Bayern“. Der BVB gewann, mein Vater freute sich, und ich war von diesem Tage an Dortmund-Fan. Jenes TV-Erlebnis wurde zum Gründungsmythos meines Fandaseins.

Vereinsliebe und romantische Liebe

Mit der Vereinsliebe ist es bisweilen wie mit der romantischen Liebe: Auch da verzerren sich beim Blick in den Rückspiegel aufs erste Kennenlernen oft die Verhältnisse, sodass aus einem Partygeplauder ein schicksalhaftes Zusammentreffen zweier füreinander Bestimmter wird. Der BVB und ich waren nicht füreinander bestimmt. Das war Zufall. Hätte der SV Sandhausen Bayern bezwungen, ich wäre Sandhäuser geworden.

Vereinsliebe und romantische Liebe ähneln sich auch in der Radikalität der von ihr erzeugten Gefühle: Euphorie und Enttäuschung kann man nirgendwo so intensiv empfinden wie dort. Als ich das erste Mal live ein Bundesligaspiel erlebte – im modrigen, alten Rostocker Ostseestadion, mein Dortmund-Trikot versteckt unterm Pullover, weil mein Vater und ich nur Karten für den Hansa-Fanblock hatten – lernte ich das auf die harte Tour:

Dortmund führte als Meister beim Aufsteiger 2:0, um noch 2:3 zu verlieren. Vor mir prügelte sich ein Opa mit einem Besoffenen, neben mir nahmen Fremde meinen Vater vor Freude in die Arme. Schön und scheiße zugleich, dieses Fansein, dachte ich. Ich wusste damals nicht, dass die Enttäuschung von heute die Euphorie von morgen verstärkt. Und manchmal läuft es umgekehrt.

Enttäuschte Erwartungen wie in der Liebe

Warum also HSV? Dortmund und ich haben uns nach leidenschaftlichen Jahren irgendwie verloren. Naja, fast, wir brauchten eine Pause. Wie das in der Liebe manchmal kommt, findet man dann nie wieder zueinander zurück, sondern eine neue: Bei mir als Norddeutschen war es irgendwann der HSV. Wie Einer, der nach einer gescheiterten Ehe die alte Schulfreundin wiedertrifft, die jahrelang neben ihm saß, aber nie reizte. Wir fanden uns einfach – ohne Gründungsmythos. Vielleicht bedeutet gerade das, dass wir für einander bestimmt sind.

Der HSV hat zuletzt mehr Enttäuschung als Euphorie erzeugt. Das ist ein Grund dafür, warum ich nie pfeifen würde, wenn Hamburg gegen Hannover mit 1:1 in die Pause geht. Bei Hertha haben sie gepfiffen: Aus Enttäuschung, weil Hannover als Letzter nicht vom Rasen gefegt wurde. Dabei war Hertha vor einem Jahr nicht weit davon entfernt, selbst Letzter zu sein. Aber diese Saison verläuft bisher so im Rausch, dass sich das 1:1 anfühlen muss wie das Anknipsen des Lichtschalters, während man auf einer Party im Dunkeln knutscht. Die Euphorie von gestern hat die Empörung von heute bedingt. Enttäuschte Erwartungen wie in der Liebe.

Mit dem HSV ist es andersherum: Weil die letzten Jahre Frust bedeuteten, bin ich schon euphorisch, wenn er 14. wird, und nicht wieder in der Relegation meine Nerven strapaziert. Ich erwarte da nichts mehr. Dass Dortmund seit Jahren um die Meisterschaft und in der Champions League mitspielt, versuche ich zu ignorieren, wie wenn die Ex-Frau den reichen Zahnarzt heiratet und in eine Villa einzieht. Der HSV und ich, wir haben uns arrangiert. Und wir ­pfeifen nicht aufeinander.