Der Medizinball klatschte gegen die Betonwand auf dem hintersten Fleckchen des Schenckendorff-Platzes. John Brooks machte das beim Training lehrbuchmäßig: schön aus der Hüfte. Das sorgt für Körperspannung, und die braucht Herthas Innenverteidiger, wenn man Pal Dardai glauben kann.
Der Cheftrainer der Berliner hat seit zwei Wochen ein Problem. Weil er das vorher nicht kannte, ist es jetzt besonders lästig: Hatte seine Mannschaft mehr als Dreiviertel der Saison davon profitiert, eine stabile Defensive zu besitzen – sie kassierte durchschnittlich nur ein Gegentor pro Spiel –, ist ihr jener Faustpfand zuletzt verloren gegangen. In den Partien gegen Mönchengladbach (0:5) und Hannover (2:2) musste Hertha sieben Treffer einstecken – zu viele, wenn man europäische Gelüste hat wie der Tabellendritte.
Brooks als Betonwand
„Wir müssen als Mannschaft wieder besser verteidigen und aggressiver sein“, sagt Brooks. Der US-Nationalspieler hatte beide Spiele wegen einer Verletzung unterhalb des linken Knies verpasst. Das kann eine Erklärung für den Verlust der Stabilität sein. Dass der 23-Jährige seit Montag wieder trainiert und sagt, er werde fit sein für Hoffenheim am Sonnabend, könnte helfen, das Problem zu beheben.
Dardai sieht in Brooks die Betonwand seiner Defensive, an der des Gegners Angriffe abprallen wie Medizinbälle. „Aber er ist ein langer Kerl, der Spannung braucht, die er durch Training bekommt“, sagt der Ungar.
Die Abwehr wieder hinzukriegen, ist elementar für Dardai. Hertha steht vor der vielleicht wichtigsten Woche dieser Saison: Sie kann darüber entscheiden, ob es eine außerordentlich gute Spielzeit bleibt, oder eine fantastische, über die noch gesprochen wird, wenn Brooks irgendwann Rentner ist. In Hoffenheim beginnt die Schlussrunde im Kampf um die Champions-League-Plätze, der sich gerade verschärft hat, seit Leverkusen bis auf einen Punkt an die Blau-Weißen herangerückt ist.
Hertha fehlt die Kompaktheit
Fünf Partien in der Liga stehen noch aus. Am Mittwoch darauf kommt Borussia Dortmund zum für Hertha emotional noch viel bedeutenderen Pokal-Halbfinale ins Olympiastadion. Erstmals, seit das Endspiel 1985 in Berlin ausgetragen wird, kann Herthas Profi-Team dabei sei. Die Hoffenheim-Partie liegt zeitlich vor Dortmund und bedingt, mit welchem Selbstvertrauen die Berliner ins Pokalspiel gehen: „Die Partie in Hoffenheim ist unheimlich wichtig. Erstens, weil es in der Liga für uns noch um viel geht. Zweitens, weil wir uns da eine breite Brust holen wollen, um Dortmund Paroli zu bieten“, sagt Sebastian Langkamp.
Der 28-Jährige war wie Brooks verletzt. Als er am Wochenende gegen Hannover in der Innenverteidigung neben dem im Moment gesetzten Niklas Stark beginnen durfte, konnte auch er noch nicht wieder für die gewohnte Stabilität sorgen. „Die gute Abwehr war der Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison“, sagt Langkamp, „aber uns hat zuletzt die Kompaktheit gefehlt“. Das sei kein reines Abwehr-, sondern ein kollektives Problem aller Mannschaftsteile.
Schnelligkeit versus Erfahrung
Dardai wird sich zwischen Brooks und Langkamp im Abwehrzentrum entscheiden: Schnelligkeit versus Erfahrung. Wenn Brooks die gewünschte Spannung im Training zeigt, dürfte er vorn liegen, weil Hoffenheim und vor allem Dortmund über viel Geschwindigkeit verfügen und Dardais Elf etwas zu wenig davon besitzt.
Wie sich ein 0:5 anfühlt, weiß John Brooks trotz seiner Abwesenheit in Gladbach: Weil er gegen Hoffenheim kurz vor Weihnachten 2014 schon mal an einer solchen Klatsche teilnehmen musste. Wenig später übernahm Dardai bei Hertha – die Abwehr stabilisierte sich. Nur, wenn sein Team jetzt dorthin zurückfindet, kann es eine Saison für die Geschichtsbücher werden.




