Bundesliga

Hertha braucht Köpfchen gegen Darmstadt

In Darmstadt trifft Hertha BSC auf die unbequemste Mannschaft der Liga. Das erfordert besondere Qualitäten bei den Berlinern.

Sebastian Langkamp (r., hier im Luftduell mit Robert Lewandowski vom FC Bayern) kehrt nach abgesessener Gelbsperre in Herthas Startelf gegen Darmstadt zurück. Der Innenverteidiger gilt als bester Kopfballspieler der Berliner.

Sebastian Langkamp (r., hier im Luftduell mit Robert Lewandowski vom FC Bayern) kehrt nach abgesessener Gelbsperre in Herthas Startelf gegen Darmstadt zurück. Der Innenverteidiger gilt als bester Kopfballspieler der Berliner.

Foto: MICHAEL DALDER / REUTERS

Wenn man so möchte, ist es ja ein gefühltes Pokalspiel, immerhin erfüllt Darmstadt 98 alle Kriterien, die ein Underdog erfüllen muss. Kampfbetonter Defensivfußball, ein kleines Stadion und enthusiastische Fans – das alles gehört in Südhessen zum Standardrepertoir. Fußballromantikern geht bei dieser Mischung das Herz auf.

Bei Hertha werden sie darauf bedacht sein, dass selbiges am Sonnabend (15.30 Uhr) nicht in die Hose rutscht. In echten Pokalspielen tun sich die Berliner schließlich traditionell schwer.

„Das wird eine ganz harte Nuss“, sagt Hertha-Coach Pal Dardai, „ich habe großen Respekt vor diesem Spiel.“ Der kommt nicht von ungefähr. Darmstadt hat es geschafft, den Begriff „Fußballmärchen“ bis aufs äußerste zu dehnen und selbst frühere Sensationsaufsteiger wie Braunschweig oder Paderborn zu toppen. Mit wenig Geld und viel Engagement preschten die „Lilien“ in die Bundesliga, vorbei an von reichen Investoren gepamperten Retorenklubs wie RB Leipzig und Traditionsvereinen wie Karlsruhe oder Kaiserslautern.

In Liga eins steht der selbsternannte „größte Außenseiter der Bundesliga-Geschichte“ inzwischen mit 18 Punkten auf Rang zwölf.

Langkamp nach Gelbsperre wieder im Abwehrzentrum

Darmstadt ist anders als die anderen. Das Stadion am Böllenfalltor (Baujahr 1921) passt genauso wenig zum modernen Fußball wie der Spielstil der „Lilien“. Kein Bundesligateam verzeichnet weniger Ballbesitz (knapp 37 Prozent), nur Mitaufsteiger Ingolstadt (11) erzielt noch weniger Tore als Darmstadt(15).

Darauf, die jüngsten Erfolge als Zufallsprodukte abzutun, würde trotzdem niemand kommen – schon gar nicht Dardai. „Sie haben ein Konzept, das zur Mannschaft passt“, sagt der Ungar, „das ist eine andere Art von Fußball.“

Die Darmstädter Eigenarten, sie werden Hertha viel abverlangen, vor allem körperlich. Andere bezeichnen die gallige Zweikampfführung des Aufsteigers als grenzwertig; für Dardai ist sie schlicht „vorbildlich“. So etwas, sagt der Trainer, sei man erstens nicht gewohnt und könne es zweitens auch nicht im Training simulieren, zu groß wäre die Verletzungsgefahr.

Berliner Schwäche bei ruhenden Bällen

Noch mehr als der Körper wird aber wohl der Kopf der Berliner gefragt sein. Schon sieben Mal bugsierten die Darmstädter den Ball mit ihren Schädeln ins gegnerische Netz – Ligabestwert. Auch bei den Treffern nach Standards zählt die Mannschaft von Trainer Dirk Schuster zur Ligaspitze, drei Treffer resultierten aus Eckbällen. Eine Stärke, die gefährlich gut zu einer ausgewiesenen Berliner Schwäche passt.

Nach ruhenden Bällen kassierte Hertha bereits fünf Gegentore. „Standardsituationen gehören auch zum Fußball“, warnt Dardai, „und Darmstadt ist da sehr gefährlich“.

Umso mehr freut sich der Coach, dass er wieder auf seinen zweitlängsten Spieler zurückgreifen kann. Innenverteidiger Sebastian Langkamp wird nach abgesessener Gelbsperre in die Startelf zurückkehren. „Wir brauchen ihn“, sagt Dardai mit einem Lächeln, „auf ihn wartet eine schöne Aufgabe.“

Mit seinem „alten Kumpel“, dem Ex-Herthaner Sandro Wagner, könne der 1,90-Meter-Hüne „schön kämpfen.Den zweiten Platz im Abwehrzentrum wird 1,93-Meter-Mann John Brooks bekleiden. Der hatte beim jüngsten 2:1 gegen Leverkusen per Kopf das Siegtor erzielt und bekam prompt ein Sonderlob. Fabian Lustenberger wird folglich ins defensive Mittelfeld rücken.

Mittelfeldspieler Tolga Cigerci meldet sich rechtzeitig fit

Die Voraussetzungen fürs Toreverhindern scheinen damit bestmöglich erfüllt. Bleibt die Frage, wie Hertha selbst Tore schießen will. Die Darmstädter ziehen sich mitunter so weit zurück, dass sie sich das fragwürdige Gütesiegel „Notwehrfußball“ verdient haben.

Bei den kassierten Gegentoren (19) belegt das Schuster-Team Platz fünf, selbst die Offensivmaschinen aus München (drei Treffer) und Dortmund (2) hatten ihre liebe Mühe, eine Lücke zu finden. Dardai kann immerhin auf Herthas volles Kreativpotenzial zurückgreifen. Mittelfeldspieler Tolga Cigerci, der in der ersten Wochenhälfte wegen eines Infekts pausieren musste, meldete sich am Donnerstag fit.

Dass Darmstadt die Außenseiterrolle dankend annimmt, versteht sich von selbst. Allerdings hat das Selbstvertrauen beim Überraschungsteam inzwischen bemerkenswerte Züge angenommen. Die Euphorie vom 1:0-Sieg im Hessen-Derby klingt noch nach. „Frankfurt hat uns stolz gemacht“, sagt Trainer Schuster, „daran wollen wir anknüpfen, den Sieg möglichst vergolden und das Lächeln beibehalten.“

Das Darmstädter Selbstverständnis ist klar: Sie haben die Fußballwelt schon so oft überrascht, warum sollen ihnen nicht weitere Sensationen gelingen? Stimmt. Muss aber ja nicht unbedingt gegen Hertha sein.