Hertha BSC

Und ab geht es in die nächste Etage

Wie sich Hertha Schritt für Schritt eine Erfolgssaison baut und trotzdem erst bei 70 Prozent seines Leistungsvermögens ist.

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Berlin.  Pal Dardai wurde per Video eingespielt. Der Trainer von Hertha BSC war nicht vor Ort bei der Gala, auf der am Sonnabend Berlins Sportler des Jahres gekürt wurden. Dardai bedankte sich höflich für die Auszeichnung zum Trainer des Jahres. Und versprach der feiernden Runde: „Wir bleiben fleißig.“

Keine 16 Stunden später hielt der Ungar Wort, saß am Sonntag im Amateurstadion und begutachtete die Form von gleich sechs seiner Profis, darunter Änis Ben-Hatira und Ronny, die mit Herthas U23 in der Regionalliga gegen Optik Rathenow mit 4:1 gewannen.

Rang vier ist mehr als eine Momentaufnahme

Es ist ein erstaunlicher Advent, den Hertha verlebt. Mit dem 2:1 gegen Champions-League-Starter Leverkusen gelang den Berliner erstmals in dieser Saison ein Sieg gegen einen Topklub. Der vierte Rang in der Bundesliga nach 15 Spieltagen ist mehr als nur eine Momentaufnahme.

Der Hertha-Jahrgang 2015/16 legt eine rasante Entwicklung hin. „Gefühlt waren wir im Sommer abgestiegen“, erinnert sich Manager Michael Preetz an die Stimmung rings um das Team im Juni, Juli. Auch intern hat sich das nicht viel anders angefühlt. „Im ­Sommer waren alle negativ, nur ich nicht“, erzählt Dardai.

Die Beobachter staunen, wie aus der verunsicherten Mannschaft des Vorjahres, die nur aufgrund des besseren Torverhältnisses der Relegation entgangen war, eine selbstbewusste Einheit geworden ist. Gegen Leverkusen zeigt das Team um Kapitän Fabian Lustenberger bisher unbekannte Qualitäten.

Mutige Vorwärtsverteidigung

„Das war der nächste Schritt“, sagte Trainer Dardai. „Wir haben erst ­daran gearbeitet, mehr Ballbesitz zu bekommen. Dann ging es um die Spiel­philosophie. Und gegen Leverkusen hat die Mannschaft zum ersten Mal nach vorn verteidigt.“ So entstand das 1:0 durch Vladimir Darida nach sieben Minuten, nachdem Hertha Bayer den Ball 30 Meter vor dem ­Leverkusener Tor mit mutiger Vorwärtsverteidigung abgeluchst hatte.

Ein anderer Fortschritt war nach der Pause im mit nur 41.819 Zuschauern gefüllten Oval des Olympiastadions zu begutachten: Mittlerweile findet Hertha sogar Antworten auf schwierige Konstellationen während eines Spieles.

Auch wenn Manager Preetz einräumte: „Wir haben die Pause benötigt, um uns zu sortieren.“ Etwas unverhofft hatte sich Hertha trotz Überzahl 25 Minuten von den dezimierten Gästen dominieren lassen ­(Sebastian Boenisch hatte die Rote Karte gesehen/ 17.).

Gegner in Sprintduelle verwickelt

Herthas Antwort: Im zweiten Durchgang hielten die Berliner den Gegner konsequent am Laufen. Vor allem auf den Außenpositionen verwickelten die schnellen Genki Haraguchi und Mitchell Weiser ihre Gegenspieler in Dutzende von Sprintduellen. Das nervte und entmutigte die Gäste. Die zudem das taktische Problem hatten, dass selbst bei Ballgewinnen von Bayer irgendwo kurz vor der eigenen Eck­fahne der Weg zum Hertha-Tor sehr, sehr weit war.

Trotz der immensen Offensivpotenzials von Leverkusen mit Karim Bellarabi, Hakan Calhanoglu und Javier Hernandez ließ Hertha in der Schlussphase keine gefährlichen Aktionen mehr zu. Die defensive Stabilität – Hertha stellt die viertbeste Abwehr der Liga – ist die Grundlage, auf der der Aufschwung gebaut ist.

Die Entwicklung, und in welchen Schritten sie vorangehen soll, hatte Trainer Dardai seiner Mannschaft schon im Sommer während der Vor­bereitung vorhergesagt. Dardai erzählte der Morgenpost: „Es ist, als ob man ein Haus baut. Da beginnt man auch nicht mit der zweiten Etage. Es braucht ein sicheres Fundament. Und wenn man zehn Etagen bauen will, , muss es um so stabiler sein.“

Wie immer im Leben ist der erste Schritt der wichtigste. Weshalb Manager Preetz bei der Frage, wie er sich das Selbstbewusstsein erklärt, mit dem Hertha heute auftritt, sofort den ­Auftakt nennt.

Wer körperlich fit ist, ist auch im Kopf fit

„Das gewonnene Erstrunden-Pokalspiel in Bielefeld und das 1:0 am ersten Spieltag in Augsburg waren ein guter Start. In den Worten des Trainers „musste alles Negative erstmal raus“. Mit der im Sommer aufwändig erarbeiteten körperlichen ­Fitness, „bist du auch im Kopf fit“, ­sagte Dardai. „Dann fühlst du dich auch mental ­viel sicherer“, so der 39-Jährige.

Nein, bei Hertha neigen sie nicht zum Größenwahn. Dass Teams wie die Bayern, Dortmund, Wolfsburg, Schalke oder Mönchengladbach den Blau-Weißen etwas voraus haben, wissen sie. Aber auf alle fünf Saison-Niederlagen hat Hertha mit einem Sieg geantwortet, zuletzt am Wochenende gegen Leverkusen. Keine Chance dem ungeliebten Bekannten aus der Vorsaison, dem Negativstrudel. „Die ­Mannschaft ist unglaublich stabil“, lobte Preetz.

Dardai bleibt bei seinem Bild vom Hausbau: „Wir sind von null auf 70 Prozent.“ Aber Hertha brauche jetzt keine Diskussion um mögliche Europapokal-Plätze. Die Aufgabe bleibe dieselbe wie seit Saisonbeginn: 40 Punkte für den Klassenerhalt zu ­sammeln.