Bundesliga

Sandro Wagner will doch nur spielen

Sandro Wagner wurde bei Hertha aussortiert, in Darmstadt hat er seinen Stammplatz gefunden - und zwei andere Hertha-Kumpels getroffen.

Sandro Wagner (v.) jubelt mit Luca Caldirola nach Darmstadts 1:0-Sieg in Frankfurt

Sandro Wagner (v.) jubelt mit Luca Caldirola nach Darmstadts 1:0-Sieg in Frankfurt

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Im Archiv muss man lange zurückgehen, um den letzten Bundesliga-Auftritt von Hertha BSC in Darmstadt zu finden. Der ­datiert vom August 1978. Genau genommen erlebten damals 25.000 Zuschauer das einzige Erstliga-Duell dieser Kontrahenten im Stadion am Böllenfalltor. 0:0 trennten sich Peter Cestonaro und Jürgen Kalb von den Berlinern Holger Brück und Ole Rasmussen. Sandro Wagner war damals nicht mal geboren. Aber er weiß: Der SV Darmstadt, Jahrgang 2015, knüpft an die Werte jener Zeit an.

„Wir spielen einfachen, ehrlichen Fußball“, ­beschreibt Wagner den Überraschungsaufsteiger im Gespräch mit der Morgenpost. Am Sonnabend empfängt Wagner mit den neuen Kollegen seine ehemaligen Kollegen, SV Darmstadt gegen Hertha lautet die Ansetzung des 16. Bundesliga-Spieltages.

Hertha-Betriebssportgruppe Darmstadt

Hemdsärmelig, voller Einsatz, mit Leidenschaft und kämpfen von der ersten bis zur letzten Minute – alles Tugenden, die vor 40 Jahren im Fußball geholfen haben. Und gleichzeitig Eigenschaften, die Darmstadt nach dem Aufstieg im vergangenen Sommer gezielt gesucht hat. Auch auf Wagner treffen diese Bezeichnungen zu. Aber ebenso auf Peter Niemeyer und (mit Abstrichen) auf Fabian Holland. Am vergangenen Sonntag standen alle drei Ex-Herthaner in der Startelf beim 1:0 des SV Darmstadt im Hessen-Derby bei Eintracht Frankfurt.

Wagner hat ein Faible für Derbys. Er hat für Hertha im September 2012 ein Tor im Zweit­liga-Duell beim 1. FC Union (Endstand 2:1) erzielt. Gegen Frankfurt lieferte er vom Anpfiff weg einen erbitterten Kampf um den Sieg. „Ich mag solche intensiven Spiele“, sagt er.

Er hat noch Kontakt zu Kumpels in Berlin

Wagner und Niemeyer haben eine Qualität, die einem Aufsteiger immer hilft: Sie sind unerschrocken. Sie kommen beide mehr über den Einsatz als über besondere technische oder spielerische Qualitäten. Der Grat ist manchmal ein schmaler: Niemeyer, Hertha-Kapitän in der Aufstiegssaison 2012/13, fehlt ausgerechnet am Sonnabend gesperrt nach der fünften Gelben Karte, die er in der Hektik des Hessen-Derbys fahrlässig kassierte.

Wagner hat nach wie vor Kontakt zu vier, fünf Kumpels in Berlin. „Bei Hertha haben sie alle ganz schön Angst“, sagt er. Was als Witz gemeint ist. Darmstadt wäre als Klassenneuling heilfroh, wenn am ­Saisonende der ­Ligaverbleib steht. Hertha reist als Liga-Vierter an.

Torschusstraining auf das leere Tore

In Berlin hat der Status als Typ für Niemeyer und Wagner nicht mehr gereicht in diesem Sommer. „Es war eine Entscheidung von mir als Trainer“, sagt Hertha-Coach Pal Dardai. „Ich habe hier die Gelegenheit erhalten, eine eigene Philosophie und einen Kader zu entwickeln. Da haben Sandro und ­Peter nicht mehr gepasst.“

Training bei der U23 oder einsames Schusstraining aufs leere Tor – die Hertha-Verantwortlichen zeigten dem Duo im August auf robuste Weise, dass es in der Ära Dardai keine Rolle mehr spielen würde. Am Ende legte Hertha Geld obendrauf, damit sie trotz laufender Verträge gingen. Wagner gibt sich heute lässig: „Ich weiß, wie das Geschäft läuft. Ich habe im Sommer nichts über den Profifußball gelernt, was ich nicht ­vorher schon wusste.“

Niemeyers Familie lebt in Berlin

Niemeyer (32) ist nach wie vor regelmäßig in Berlin, seine Familie lebt hier. Er wird nach Ende seiner Karriere in einer neuen, noch zu bestimmenden Funktion zu Hertha zurückkehren. Er lud die Mitarbeiter der Hertha-Geschäftsstelle nach seinem Abschied zum Essen ein. „Der Verein ist mir ans Herz gewachsen. Und Berlin ist einfach eine tolle Stadt“, sagt Niemeyer.

Bei Wagner war der Abschied ein endgültiger. Für ihn geht es in Darmstadt darum zu beweisen, dass er ein guter Bundesligaspieler ist. Mittlerweile 28 Jahre alt, begeht er gegen Hertha ein Jubiläum, sein 100. Bundesliga-Spiel. Für sein ­Alter ist das nicht viel. Auch die Bilanz von bisher zehn Toren ist nicht überragend. Die Frage, ob Darmstadt seine letzte Chance sei, stellt sich für ihn aber nicht: „Ich muss ­niemandem mehr etwas beweisen“, sagt Wagner. „Wer mich spielen sieht, weiß nach nur wenigen Minuten, dass ich locker auf Bundesliga-Niveau ­mithalten kann.“

Neun mal in Folge in der Startelf

Bei Hertha haben sie sich über Wagner am Ende ein wenig lustig gemacht, dass dessen Selbst­bewusstsein nicht immer im Verhältnis zu den gezeigten Leistungen stehe. Wagner ficht sowas nicht an. Der Unterschied für ihn in Darmstadt sei, dass der dortige Trainer Dirk Schuster ihm regelmäßig vertraue: „Er sagt immer wieder, dass ich wichtig für die Mannschaft bin.“ Er hat dort den Lokalmatadoren Dominik Stroh-Engel verdrängt.

Wagner stand zuletzt neunmal in der Startelf (drei Tore). Aber er sagt: „In Darmstadt kannst du einen Stürmer nicht an Toren messen. Ich muss brutal viel arbeiten.“ Das Erfolgsgeheimnis von starken 18 Punkten, die die ­„Lilien“ geholt haben: „Wir stehen sehr tief, so dass Gegner mit schnellen Stürmern oder schnellen Außen kaum zur Entfaltung kommen.“

Wagner lobt Dardai, obwohl der ihn weggeschickt hat

Dass Hertha seit dem Wagner’schen Abgang im Sommer erfolgreich ist, überrascht ihn nicht. Obwohl Pal Dardai ihn aussortiert hat, lobt Wagner dessen Arbeit. „Der Trainer hat es verstanden, aus guten Einzelspielern eine Einheit zu formen.“ In Berlin gehört Wagner nicht mehr dazu. In Darmstadt hat er eine neue Einheit gefunden.