Hertha BSC

Fabian Lustenberger – Der Pendler bei Hertha BSC

Im Sommer bangte Fabian Lustenberger bei Hertha um Stammplatz und Kapitänsamt. Nun ist er gesetzt – dank einer besonderen Fähigkeit.

Seit 2007 spielt Fabian Lustenberger bei Hertha BSC. 2013 machte ihn der damalige Cheftrainer Jos Luhukay zum Kapitän

Seit 2007 spielt Fabian Lustenberger bei Hertha BSC. 2013 machte ihn der damalige Cheftrainer Jos Luhukay zum Kapitän

Foto: imago sportfotodienst / imago/Ulmer

Es ist ein unausgesprochenes „Verzieht euch!“. Jedes Mal wieder. Wenn Fabian Lustenberger den Weg von der Kabine hin zum Trainingsplatz von Hertha BSC geht, muss er an den Reportern vorbei. Manche Profis grüßen dann freundlich, oder zumindest höflich. Manche nicken. Immerhin. Lustenberger dagegen senkt den Kopf, oder schaut demonstrativ und wortlos an allen vorbei.

Der Schweizer hat so seine Erfahrungen mit der Berliner Presse gemacht, seit er 2007 zu Hertha kam, und jetzt hat er keinen Bock mehr auf sie. Im Team gilt er als Spaßvogel und jedermanns Liebling. Ist das so, dann pendelt er auf dem Vereinsgelände stets zwischen Frohsinn und Ablehnung gegenüber den Medien.

Aber jene Pendlerqualitäten beweist der 27-Jährige auch auf dem Fußballfeld. Den Übergang von der einen zur anderen Position meistert Herthas Mannschaftskapitän ohne Reibungsverluste. Und das macht ihn für Cheftrainer Pal Dardai im Moment so wertvoll, wie es im vergangenen Sommer nicht sehr viele für möglich gehalten hätten.

Langkamp fehlt gelbgesperrt

Weil Innenverteidiger Sebastian Langkamp im Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen am Sonnabend im Olympiastadion (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) gelbgesperrt fehlen wird, rückt Lustenberger aus dem zentralen Mittelfeld ins Abwehrzentrum neben John Anthony Brooks.

Hier hatte er die Saison begonnen, bevor ihn Dardai vor drei Spielen ins defensive Mittelfeld beorderte, weil er Lustenberger dort mehr benötigte. Gegen den FC Bayern zuletzt und gegen Dortmund am dritten Spieltag gab Lustenberger sogar eine moderne Version des Liberos in einer Fünferabwehrkette.

Zwischen der Rolle im Mittelfeld, für die er einst beim FC Luzern in der Schweiz ausgebildet wurde, und der im Abwehrzentrum, auf die ihn 2012 der damalige Hertha-Trainer Jos Luhukay umschulte, pendelt Lustenberger sicher hin und her. Dafür braucht es eine besondere Fähigkeit. Dardai beschreibt sie so: „Er kann Fußball sehr gut lesen“, sagt der Ungar.

Der Schweizer ist der große Antizipierer bei den Berlinern

Spielintelligenz, Situationen erkennen, bevor sie eintreffen. Lustenberger ist der große Antizipierer der Berliner. Das macht ihn auf beiden Positionen einsetzbar. Er selbst sagt: „Ich denke, es ist eine Kopfsache. Mental muss man umschalten und sich auf die Position einstellen, dann funktioniert das.“

Doch eine solche Qualität fällt nicht immer leicht auf. Noch im vergangenen Sommer musste Lustenberger um seinen Stammplatz und gleichsam auch um die Kapitänsbinde bangen, die ihm Luhukay 2013 anvertraut hatte.

Dardai, der mit Lustenberger noch zusammen aufgelaufen war, sah ihn als Mittelfeldspieler. Mit Vladimir Darida hatte der Ungar nun aber einen neuen Strippenzieher bekommen. Im Abwehrzentrum hatten Brooks und Langkamp überzeugt.

Und dann hätte Dardai lieber einen breitbeinigeren Typen mit einem anderen Führungsstil als Kapitän gehabt. Er zögerte die Entscheidung für einen Kapitän hinaus. In der Mannschaft heißt es: Lustenberger war die Verunsicherung anzumerken. Er blieb Kapitän, aber ein beschädigter. Damals ging sein Blick noch konsequenter an den Reportern vorbei.

Lustenberger ist einer der besten Zweikämpfer der Liga

Umso erstaunlicher ist, wie Lustenberger sich seinen Platz in der ersten Elf und als anerkannter Anführer in dieser Saison zurückerkämpft hat. In jedem der bisherigen 16 Pflichtspiele (14 in der Bundesliga, zwei im Pokal) stand er von Beginn an auf dem Platz.

Obwohl er auch im vollen und dadurch zweikampfintensiven Mittelfeld agiert und nicht der kräftigste Profi ist, gehört er zu den besten Zweikämpfern der Liga mit 67 Prozent gewonnenen Duellen. Nur Dortmunds Mats Hummels (75 Prozent) und Augsburgs Ragnar Klavan (68) sind bei vergleichbarer Spielzeit erfolgreicher.

Manchmal reicht es Lustenberger aber auch, sich geschickt vom Gegner umrennen zu lassen und die Arme gen Himmel zu reißen. Dardai hat von seiner Mannschaft vor dem Spiel gegen Leverkusen ein bisschen mehr Cleverness verlangt. Lustenberger hat sie. Gab es auch im Sommer Zweifel, sagt Dardai heute über Lustenberger: „Er ist sehr wichtig und macht seine Sache gut – nicht nur als Spieler, sondern auch als Kapitän.“

Gegen Leverkusen soll der erste Sieg gegen ein Topteam her

Lustenbergers Entwicklung in den vergangenen Monaten vom skeptisch beäugten Sorgenkind zum überraschend souveränen Etablierten passt zu der seines Vereins: Im Sommer noch gefühlter Abstiegskandidat empfängt Hertha nun als Fünfter den Sechsten Bayer Leverkusen und glaubt, dass erstmals in dieser Spielzeit auch ein Sieg gegen ein Topteam drin ist. „Wir hatten eine Trainingsatmosphäre, bei der man denkt: Wenn nicht jetzt, dann nie“, berichtet Dardai.

Unter der Woche wurde Lustenbergers Mitspieler Per Skjelbred gefragt, auf welcher Position er denn den Kapitän lieber sehe: Der Norweger antwortete mit einem Bild für Anpassungsfähigkeit aus seiner Heimat: „Er spielt mal im Mittelfeld, mal in der Abwehr. Er ist wie eine Kartoffel. Die kann man überall hinstecken, und es wird etwas Gutes daraus.“