Bundesliga

„Jede Mannschaft braucht einen Drecksack“

Hertha-Torjäger Vedad Ibisevic verteidigt seine Art zu spielen. Gegen Bayer Leverkusen hat der Bosnier sich viel vorgenommen

Vedad Ibisevic bejubelt eines seiner bisher vierSaisontore für Hertha

Vedad Ibisevic bejubelt eines seiner bisher vierSaisontore für Hertha

Foto: dpa Picture-Alliance / Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Berlin.  Hertha BSC hat bei der Vorstellung von Vedad Ibisevic, 31, ausdrücklich darauf hingewiesen, einen Torjäger mit Ecken und Kanten verpflichtet zu haben. Beide Seiten hat Ibisevic in Berlin bereits bewiesen: Mit vier Treffern bei sieben Einsätzen sowie einer Roten Karten, für die der Bosnier vier Spiele gesperrt wurde. Am Sonnabend gegen Bayer Leverkusen wird Ibisevic wieder in der Startelf von Hertha stehen. Zuvor sprach er mit der Berliner Morgenpost.

Berliner Morgenpost: Herr Ibisevic, sind Sie ein Hitzkopf?

Vedad Ibisevic: Das kann man vielleicht so sagen. Aber das Problem ist: Man redet immer über mich nur als Hitzkopf, nimmt aber nicht die gesamte Situation wahr.

In Gelsenkirchen haben Sie glatt Rot gesehen. Am vergangenen Sonnabend beim FC Bayern musste Trainer Pal Dardai Sie auswechseln, weil Sie wieder am Rande eines Platzverweises wandelten...

Ibisevic : Wäre ein anderer Spieler beteiligt gewesen, hätte es in München nicht mal eine Gelbe Karte gegeben. Ich muss damit leben, dass ich von den Schiedsrichtern mit einem scharfen Auge gesehen werde und die Gegenspieler mich provozieren.

Fühlen Sie sich zu Unrecht abgestempelt?

Ibisevic : Ich mag diese Stereotypen nicht. Wenn man über 200 Bundesligaspiele gemacht hat und drei Rote Karten bekommt, ist man gleich abgestelmpelt? Das ist nicht fair. In 200 Spielen kann man auch mal ein hartes Foul begehen. So sehe ich die Fakten.

Privat wirken Sie introvertiert, auf dem Platz hingegen wie ein Temperamentsbündel. Woher kommen diese zwei Gesichter?

Ibisevic : Das bin ich. Ich erlebe den Fußball unglaublich emotional, und wenn ich auf dem Platz stehe, tue ich alles, um zu gewinnen. Ansonsten führe ich ein ganz normales Leben, das weit von dem entfernt ist, wonach es auf dem Platz aussieht.

Vor Ihrer Verpflichtung hat Pal Dardai bemängelt, Herthas Mannschaft sei zu brav. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Ibisevic : Brav zu sein, ist überhaupt nicht schlimm. Aber auf dem Platz muss man manchmal etwas schlauer sein. Man muss bereit sein, Dinge für die Mannschaft zu tun, um mehr herauszuholen.

Stichwort: Schlitzohrigkeit.

Ibisevic : Genau. Aber man muss aufpassen, dass man die Linie nicht überschreitet. Ich denke aber, es schadet keiner Mannschaft, clever zu sein.

Haben Sie Ihren Mitspielern schon etwas von dieser Cleverness beibringen können?

Ibisevic : Man kann das jungen Spielern nicht zu 100 Prozent erklären. Aber sie können das jeden Tag im Training beobachten.

Es gibt kaum noch Profis, denen das Etikett „Drecksack“ anhaftet. Sie sind 31, haben noch eine andere Spielergeneration kennengelernt. Sind die Profis heutzutage stromlinienförmiger?

Ibisevic :Man merkt eine Veränderung. Aber es wird auch nicht viel zugelassen, von den Regeln, von den Schiedsrichtern. Ich glaube, heute ist es eher uncool, ein Drecksack zu sein. Ich bin aber der Meinung, dass eine Mannschaft solche Typen braucht.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass junge Spieler so brav sind?

Ibisevic : Vielleicht liegt es daran, dass die Jungs keine großen Widerstände überwinden mussten. Jungen Spielern wird schon sehr früh sehr viel abgenommen.

Sie hingegen mussten viele Unwegsamkeiten meistern, sind als Kind mit Ihrer Familie vor dem Bosnienkrieg geflohen. Hat Sie das härter gemacht?

Ibisevic : Auf jeden Fall! Mein Leben war nicht immer angenehm, das härtet zwangsläufig ab.

Sie waren erst acht Jahre alt, als Sie Ihren Heimatort Vlasenica verlassen haben. Über Tuzla flüchteten Sie zunächst zu Ihrem Onkel in die Schweiz, später zu Verwandten in die USA. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Ibisevic : Ich habe alles mitbekommen, aber damals natürlich nicht so verstanden, wie ich es heute verstehe. Egal, wo wir waren, ich habe einfach überall versucht, schnell Freunde zu finden – und natürlich einen Ball. (Lacht.) Dann war alles okay für mich. Für meine Eltern war es sicher eine größere Umstellung.

Wie wichtig war der Fußball für Ihre Integration?

Ibisevic : Sehr wichtig! In einem Verein zu sein, irgendwo mitzuspielen – das macht es einfacher, Anschluss zu finden. Selbst in St. Louis. Da waren zwar überall nur Baseballplätze, aber dann haben wir eben in einem kleinen Park Zwei-gegen-Zwei gekickt. Hauptsache, der Traum hat weitergelebt.

Sie meinen den Traum vom Profifußball. Wann genau haben Sie sich dieses Ziel in den Kopf gesetzt?

Ibisevic : Das war sehr früh – noch in Bosnien. Wir kamen zwar aus dem Krieg und hatten kaum etwas zum Anziehen, aber da war dieser völlig verrückte Trainer. Der hatte eine große Karriere als Spieler verpasst und wollte seinen Traum jetzt auf uns Kinder projizieren. Er hat uns von der Bundesliga erzählt. Das hat er so emotional auf uns übertragen, dass ich unbedingt Profi werden wollte.

Dafür haben Sie alles getan. Als Sie in St. Louis am College spielten, absolvierten Sie ein Probetraining bei Paris St. Germain, obwohl Sie wussten, dass Sie dadurch Ihr Stipendium verlieren würden.

Ibisevic : Fußball hat am College viel Spaß gemacht, aber die Uni weniger. (Lacht.) Und: Ich hatte keine Chance, in die MLS (die amerikanische Profiliga, Anm. d. Red.) zu kommen – ich sollte vier Jahre am College bleiben. Das war mir zu lang, also habe ich mir meinen eigenen Weg gesucht.

Volles Risiko.

Ibisevic : Ja, all in. Es gab zwar einen Plan B – in den USA an einem kleineren College zu spielen –, aber der war nicht wichtig. Ich war mir sicher, dass ich es schaffe.

Später war Ihre Karriere von Höhen und Tiefen geprägt. In Hoffenheim waren Sie mit 24 das Gesicht eines rasanten Aufstiegs, schossen sensationelle 18 Tore in einer Hinrunde. Dann riss Ihr Kreuzband. Danach haben Sie dieses Level nie wieder erreicht.

Ibisevic : Es ist immer mein Ziel gewesen, dort wieder auf dieses Niveau zu kommen. , und das habe ich nie aufgegeben. Dass ich es nicht geschafft habe, ist aber auch keine Riesenenttäuschung, mit der ich mein ganzes Leben zu kämpfen habe. Es ist schade. Auf der anderen Seite muss man alles positiv sehen. Andere mussten ihre Karriere schon beenden, etwa wegen Verletzungen. Ich habe eine ordentliche Karriere gemacht, habe einiges vorzuweisen – nicht nur Tore.

Haben Sie nie an sich gezweifelt?

Ibisevic : Nein. Es ist meine Stärke, dass ich ein großes Selbstvertrauen habe. Ich weiß aber auch, dass bei meiner Spielweise einiges zusammenpassen muss, damit ich meine Tore mache.

Bei Hertha scheint derzeit viel zusammenzupassen. Berlin ist ihre sechste Profi-Station, Sie haben unter vielen namhaften Trainern gespielt. Wer hat Sie am meisten geprägt?

Ibisevic : Ich habe bei jedem Trainer etwas gelernt, egal, ob er gut oder schlecht war.

Was macht Pal Dardai anders als Huub Stevens oder Ralf Rangnick?

Ibisevic : Jeder hat seine Art. Das, was Pal macht, funktioniert gut – und das ist die Hauptsache. Die Mannschaft muss erfolgreich spielen. Wie man das hinbekommt, ist am Ende des Tages völlig egal.

Spielt es für Sie eine Rolle, ob Ihr Trainer selbst ein erfolgreicher Profi war?

Ibisevic : Da denkt jeder unterschiedlich. Ich persönlich mag Trainer, die selber professionell gespielt habe, egal, ob erfolgreich oder nicht.

Herr Ibisevic, am Sonnabend kommt Bayer Leverkusen ins Olympiastadion. Gelingt Hertha endlich der langersehnte Sieg gegen einen „großen“ Gegner?

Ibisevic : Ehrlich gesagt ist das für uns kein großes Thema in der Mannschaft. Natürlich wollen wir jedes Spiel gewinnen. Und gegen die „Großen“ Wolfsburg und Schalke waren wir ja schon nah dran.

Leverkusen ist bislang hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Bayer wirkt nicht gerade stabil.

Ibisevic :Im Moment hapert es offenbar an ein paar Kleinigkeiten, aber eine Mannschaft dieser Qualität verliert ihre Fähigkeiten nicht. Wir müssen hochkonzentriert sein.

Sie persönlich haben 13 Mal gegen Leverkusen gespielt, aber noch nie gewonnen. Wurmt Sie das?

Ibisevic : Ist das so? Das sagt alles über Leverkusen. (Lacht.) Spaß beiseite: Das ändert nichts an dem Willen, dass wir am Sonnabend gewinnen wollen. Jetzt habe ich sogar noch einen Anreiz mehr.