Er lässt sich nicht zweimal bitten. Sobald vor der Bergkulisse von Schladming Einsatz gefordert ist, geht Fabian Lustenberger voran. Der Schweizer übernimmt bei Hertha die Führungsarbeit – das war schon bei den ersten Laufrunden am Sonntag so und hat sich bei den Sprintübungen im Laufe der Woche nicht geändert. Lustenberger macht Druck. Vielleicht, weil er nach einer „der härtesten Vorbereitungen“ seiner Karriere so fit ist wie lange nicht mehr. Vielleicht aber auch, weil er bei Hertha selbst unter Druck geraten ist.
Medientermin im Mannschaftshotel. Nach dem Mittagessen mit dem Team spricht Lustenberger über den Status quo. Darüber, dass er „keine Beschwerden“ habe und sich momentan „einfach gut“ fühle.
In 16 Tagen geht es gegen Arminia Bielefeld
Es läuft bei Lustenberger – weil er laufen kann. Keine Selbstverständlichkeit bei einem, der phasenweise mehr Patient war als Profi. Die vielen Rückschläge, die Ermüdungsbrüche, die Muskelfaser- und Sehnenanrisse – in Schladming sind sie weiter weg als das heimische Berlin.
Lustenberger, 27, der in seiner Karriere schon so viel Zeit durch Verletzungen verloren hat, weiß, dass die Uhr für Hertha runtertickt. Bis zum ersten Pflichtspiel im DFB-Pokal gegen Zweitligist Arminia Bielefeld sind es nur noch 16 Tage. „Wir wollen als Team eine ruhigere Saison haben als im vergangenen Jahr“, sagt er, „und dafür ist es wichtig, dass wir gut starten.“ So wie nach dem Aufstieg 2013 – sieben Punkte aus den ersten drei Partien. Siege für das Selbstvertrauen, die Hertha zu einer sorgenfreien Saison verhalfen.
Warten auf John Brooks
Welche Rolle er im Hertha-Team künftig einnehmen wird, ist allerdings offen. Auf seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld, wo er für Trainer Pal Dardai bislang unverzichtbar war, hat Lustenberger mit Vladimir Darida einen neuen Konkurrenten bekommen. Der Tscheche ist im zentralen Mittelfeld gesetzt. Erschwerend hinzu kommt, dass Dardai nur noch mit einem statt wie bisher mit zwei Sechsern spielen möchte.
In der Innenverteidigung herrscht hingegen akuter Bedarf. Weil US-Nationalspieler John Brooks noch bis zu diesem Wochenende beim Gold Cup in Chicago weilt, hat Hertha in Sebastian Langkamp aktuell nur einen gelernten Innenverteidiger.
Madlung hat bereits den Medizincheck absolviert
Als Vertreter ist Lustenberger zwar die erste Option; eine Wunschlösung ist er aber nicht. Das liegt vor allem an fehlenden Zentimetern. Im Test gegen den SV Grödig sprang der 1,80-Meter-Mann am Dienstag unter einer Flanke hindurch und verschuldete so das zweite Gegentor.
Klar ist: Wenn der hochgewachsene Brooks mit seinen 1,93 Metern nach Berlin zurückkehrt, wird es in der Abwehr eng für Lustenberger. Sollte Manager Michael Preetz seinem Trainer den Wunsch erfüllen und einen gestandenen Innenverteidiger verpflichten, würde sich die Konkurrenzsituation nochmals zuspitzen. Laut „Kicker“ hat Alexander Madlung, 33, vor zehn Tagen bereits den Medizincheck in Berlin absolviert. Aber Herthas sportliche Leitung überlegt noch, ob die vakante Planstelle in der Abwehr an Madlung gehen soll - oder an Lustenberger.
Ein Spieler für mehrere Positionen
„Fabian ist ein intelligenter Fußballspieler“, sagt Dardai, „ich plane mit ihm für beide Positionen.“ Ob Lustenberger auf einer von beiden die erste Wahl sein wird, steht auf einem anderen Blatt.
Die zweite offene Frage ist, ob Lustenberger weiterhin Kapitän ist. Dardai hat angekündigt, den Spielführer erst kurz vor dem Saisonstart zu bestimmen. Das ist einerseits nicht ungewöhnlich, andererseits auch kein klares Bekenntnis zu Lustenberger. Als Alternativen werden Langkamp, Per Skjelbred und Peter Pekarik gehandelt.
Mehr Diplpmat als Alphatier
„Damit habe ich gerechnet“, sagt der Kapitän der vergangenen beiden Spielzeiten und schiebt schnell nach, dass er an ein „Was-wäre-wenn“ keine Gedanken verschwende. Sein Dreisatz: „Wenn ich fit bin, habe ich gute Chancen, Stammspieler zu sein. Wenn ich Stammspieler bin, sind die Chancen groß, Kapitän zu bleiben.“
Und falls nicht? Kritiker wie sein Ex-Trainer Jos Luhukay werfen Lustenberger fehlende Führungsqualitäten vor – weil er mehr Diplomat ist als Alphatier und auf markige Sprüche verzichtet.
„Nur meine Frau nennt mich Fabian“
Lustenberger wirkt nett, bedacht und umgänglich. Dass er nach acht Jahren in Berlin noch immer der „Lusti“ ist, stört ihn nicht. Anders als Bastian Schweinsteiger, der von seinem „Schweini“-Image irgendwann die Nase voll hatte, mag er seinen Spitznamen. „Fabian nennt mich nur meine Frau“, sagt er, „und zwar dann, wenn sie sauer ist.“
Auf die letzten Tage seines Urlaubs hat der Defensiv-Allrounder in diesem Sommer verzichtet. Als Nationalspieler hätte er länger ausspannen dürfen als die meisten seiner Berliner Kollegen, meldete sich aber vorzeitig zurück. Nach Urlauben mit seiner Frau und seinen zwei Kindern habe er sich ausgeruht genug gefühlt. „Je früher man einsteigt, desto weniger verpasst man“, sagt Lustenberger. Schweizer Gründlichkeit.
Dardai legt sich noch nicht fest
Auf dem Trainingsplatz ist Herthas dienstältester Profi momentan präsenter denn je. Nach gelungenen Aktionen macht er eine Faust oder schickt ein kurzes „Yes!“ über den Rasen. Klappt etwas nicht, kehrt er seinen Ärger genauso nach außen. Demonstrativ gibt er den Antreiber. Der Kapitän kämpft um sein Amt. Pal Dardai ist das nicht entgangen. Was dagegen spräche, dass Lustenberger Kapitän bleibt? „Gar nichts“, sagt der Ungar. Außer einem fehlenden Stammplatz.




