Am Spiel hat sich nichts geändert. Als ein Schiedsrichter am Dienstag im Medienraum von Hertha BSC vor die Profis trat und das Regelwerk erläuterte wie vor jedem Start in eine neue Saison, da erkannten alle ihren Sport wieder.
Die Regeln sind weitestgehend gleich geblieben, und so ist es auch mit anderen Gesetzmäßigkeiten des Fußballs. Eine davon lautet, dass die Ernennung des Mannschaftskapitäns mit großer Wahrscheinlichkeit zum Politikum wird.
Über keine Rolle auf dem Rasen wird mehr debattiert, keine wird stärker mit Erwartungen überfrachtet als die des Spielführers. Nach dem Start der Vorbereitung Ende Juni hat es gerade mal drei Tage gedauert, bis Trainer Pal Dardai nach seinem Kapitän gefragt wurde: Bleibt es Fabian Lustenberger?
Fabian Lustenberger ist der Favorit
Damals hat Dardai echauffiert reagiert, weil er wusste, welche Sprengkraft im Thema steckt. Festgelegt hat er sich nicht. Er wolle sich erst die Vorbereitung ansehen und danach mit seinem Trainerteam entscheiden.
Das ist nun erledigt. An diesem Mittwoch, fünf Tage vor dem ersten Pflichtspiel der neuen Saison gegen Arminia Bielefeld im Pokal (Montag, 18.30 Uhr), will der Ungar der Mannschaft aller Voraussicht nach verkünden, wen er zu seinem Anführer auserkoren hat. Dabei ist es gar nicht mal unwahrscheinlich, dass alles beim Alten und Lustenberger im Amt bleibt.
Aber selbst wenn es so kommt, ist die Angelegenheit noch nicht ausgestanden. Lustenberger würde trotzdem etwas beschädigt aus der Sache herausgehen, weil er nach der Kritik von Ex-Trainer Jos Luhukay, der ihm in den letzten Momenten seiner Zeit bei Hertha vorwarf, nur jedermanns Liebling zu sein, nun auch bei Dardai zumindest in Frage stand.
Dardai hätte gern einen Anführer alter Schule
Und dann ist es so, dass Dardai eigentlich einen anderen Führungsstil präferiert, als ihn Lustenberger pflegt. Der Trainer hätte gern einen Anführer alter Schule – einen, der seinen Führungsanspruch vor sich herträgt und bisweilen auf den Tisch haut, einer, wie er selbst als Spieler war.
Lustenberger aber ist eher der neueren Schule des Anführerwesens zuzuordnen – kommunikativ, integrativ und kein Mann für Parolen.
Über Hierarchien in einem Team, das ist auch so eine Gesetzmäßigkeit des Fußballs, wird immer nur gesprochen, wenn es schlecht läuft. Da nach den bisherigen Eindrücken der Testspiele zu vermuten ist, dass es bei Hertha in der neuen Saison schlechte Phasen geben wird, ist es auch wahrscheinlich, dass die Kapitänsdebatte wiederkehren wird.
Berlin als schwieriges Pflaster für Kapitäne
„Kapitän bei Hertha zu sein, ist schwieriger als bei vielen anderen Klubs in der Bundesliga“, sagt André Mijatovic. Der heute 35-Jährige war von 2010 bis 2012 Spielführer bei den Berlinern, bis er zum FC Ingolstadt wechselte und nach seinem Karriereende in diesem Sommer nun als Co-Trainer der U17 bei den Schanzern arbeitet.
Er sagt: „Man steht in Berlin immer extrem unter Beobachtung. Die Medien erwarten, dass man klare Kante zeigt und klare Ansagen macht.“
Es kam schon vor, dass Kapitäne bei Hertha vom Boulevard zum „Kapitänchen“ geschrumpft wurden, weil man der Meinung war, dass sie eben nicht genügend vorweg gingen. Ein „Kapitänchen“ aber will Dardai nicht. Auch der 39-Jährige hätte gern einen Mann der klaren Ansagen für die Rolle, einen Lautsprecher.
Auch John Brooks ist eine Überlegung
Das Problem ist nur, dass er außer Torwart Thomas Kraft, dessen Position gegen ihn spricht, niemanden mit diesem Profil in seinem Kader findet. Von den Alternativen zu Lustenberger sind weder Sebastian Langkamp, noch Per Skjelbred, Peter Pekarik oder Valentin Stocker solche Typen.
Bei John Brooks, über den Dardai auch nachgedacht hat, ist es ähnlich. Dazu fehlt ihm die Erfahrung.
Mijatovic findet ohnehin, dass es Anführer alter Schule nicht mehr braucht: „Ich war früher ein Freund der klaren Hierarchie, aber ich habe dazugelernt“, sagt er. „Junge Spieler haben heute einen höheren Stellenwert. Man muss anders mit ihnen umgehen, und das führt zu einem weniger autoritären Führungsstil.“ Der Trend gehe klar zur flachen Hierarchie.
Veränderter Führungsstil
Auch wenn Dardai gern einen Anführer wie früher hätte, wird bei Hertha die Hierarchie eine flache bleiben, egal wer letztlich Kapitän sein wird.
Der Kader wurde bisher kaum verändert. Mit Vladimir Darida kam ein Mann, der zwar sportlich eine zentrale Rolle einnehmen soll, aber außerhalb des Platzes als zurückhaltend gilt. Mitchell Weiser, der zweite Neue, ist zu unerfahren.
In der sportlichen Leitung hoffen sie deshalb, dass eine Entwicklung einsetzt, die schon andernorts zum Erfolg geführt hat: Nicht einer, sondern mehrere Profis sollen Verantwortung übernehmen. Anführer gesucht im Plural also. Mit einer solchen Führungsstrategie ist die deutsche Nationalelf vor einem Jahr Weltmeister geworden, nachdem jahrelang über fehlende Anführertypen im Team gefaselt wurde.





