Man sagt, die Leute gehen zum Fußball, um etwas zu vergessen – nicht, um etwas zu erfahren. Das mag die Sache arg verkürzen, aber dieser Sport scheint eine gewisse absorbierende Wirkung zu besitzen. Der Fußball kann wegsaugen, was einen vorher mächtig belastet hat. So ist es zumindest bei Tolga Cigerci.

Unzählige Male musste der 23-Jährige in den vergangenen Wochen, seit ihn der Fußball wieder hat, darüber sprechen, wie sehr er gelitten hat. Unter dieser eigenartigen Zehenverletzung, die ihn neun Monate lang dem Spiel entriss. Unter dem Ermüdungsbruch im Mittelfuß, der kurz nach seiner Rückkehr auf den Rasen Anfang März folgte, sodass sich die verlorene Zeit auf insgesamt mehr als ein Jahr auftürmte.

Aber dass das alles vorbei ist, das drang trotzdem noch nicht richtig durch bei Herthas Mittelfeldspieler: „Es ist alles so schnell gegangen, dass ich gar nicht realisieren konnte: Krass, du stehst wieder auf dem Platz“, sagt Cigerci der Morgenpost.

Dreimal sogar in der Startelf. Das half beim Vergessen des belastenden Materials. „Es kommt mir plötzlich so vor, als hätte es die Zeit, in der ich weg war, niemals gegeben. Wie weggekürzt. Dabei wollte sie gar nicht enden, als ich verletzt war“, sagt er.

Geschmeidig in die Berliner Mannschaft eingefügt

Man könnte es sich jetzt einfach machen und behaupten, dass es auch auf dem Fußballfeld so wirke, als wäre Cigerci niemals weg gewesen. So geschmeidig fügte er sich gegen Wolfsburg, Frankfurt und zuletzt gegen den HSV in die Berliner Mannschaft ein. Das stimmt zwar. Aber auch das Gegenteil ist richtig.

Schaut man sich Hertha im Moment nämlich an, spürt man, wie sehr Tolga Cigerci im letzten Jahr fehlte. Weil Trainer Pal Dardai jetzt Spieler wie ihn hat, die den Ball lieber behalten, als ihn sofort wegzutreten, ist das nun kein Fußball zum Vergessen mehr. Deshalb ist die Partie auswärts gegen Schalke 04 an diesem Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) das Spiel des Dritten gegen den Vierten, und nicht des Dritten gegen den 14. Aber Cigerci sagt zum Tabellenplatz: „Man darf jetzt nicht zu viel träumen. Es ist nur eine Momentaufnahme.“

Mit Momentaufnahmen sowie deren trügerischer Kraft kennt er sich aus. Und Schalke spielt dabei eine Rolle. Bei der bisher letzten Begegnung mit Königsblau (2:2) Mitte März wurde Cigerci eingewechselt. Es war das zweite Mal nach seiner langen Zehenverletzung, und bei Hertha hofften sie, diesen ballsicheren Dauerläufer, den Dardais Vorgänger Jos Luhukay einst „unser Herz“ nannte, endlich wiederzuhaben.

Gegen Schalke zum vierten Mal in der Startelf

Nur Cigercis Körper vergaß die lange Ausfallzeit zuvor nicht und reichte die Rechnung ein: Nach dem Schalke-Spiel erlitt Cigerci einen Ermüdungsbruch. Vorbei war die Saison. „Vielleicht habe ich damals zu früh wieder angefangen“, sagt Cigerci heute.

Nun also wieder Schalke, und wieder hoffen sie bei Hertha, dass Cigerci wirklich alles hinter sich hat. Mit ihm, sagt Dardai, habe er deutlich mehr taktische und technische Möglichkeiten als zuvor. Cigerci wird wieder in der Startelf stehen und sagt: „Wir haben im Moment ein gutes Selbstvertrauen. Wir fahren nicht nach Gelsenkirchen und sagen: Oh, Mist. Nein, wir sagen: Wenn Köln dort gewinnen kann, warum nicht auch wir?“

Zuletzt hatte das Schalker Team von Trainer André Breitenreiter 0:3 daheim gegen Köln verloren, nachdem es zuvor vier Partien in Serie in der Bundesliga gewann.

Der 23-Jährige hofft auf die türkische Nationalmannschaft

Es ist ein ungewöhnliches, weil bisher ziemlich reibungsloses Comeback, das Cigerci da hingelegt hat. Er kam aus der Tiefe des Traumes von seiner Rückkehr, ohne dass man das so hätte erwarten können. Aber damit ist die Sache noch nicht aufgeklärt. Denn es gibt da noch diese gesangliche Motivationshilfe. Sie war bei Cigerci im Hinterkopf, als er sich in unzähligen Stunden der Reha zurückschuften musste. Und sie meldet sich nun wieder öfter: die türkische Nationalhymne.

Cigerci ist als Sohn türkischer Eltern im niedersächsischen Nordenham geboren, aber er fühlt sich als Türke. Er besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft, absolvierte einst fünf Länderspiele für die deutsche U19-Auswahl, doch er will in Zukunft für das Land seiner Eltern spielen. 2014 lud ihn der türkische Nationaltrainer Fatih Terim schon einmal zu einem Länderspiel gegen Schweden ein, doch Cigerci musste verletzungsbedingt passen.

Eine Vertragsverlängerung ist im Moment kein Thema

Nun sagt er: „Ich träume davon, für mein Land zu spielen. Allein das türkische Trikot zu tragen, der Stolz, die türkische Nationalhymne zu singen.“ Und wer weiß? Vielleicht ist die EM 2016 kein unerreichbares Ziel. Die Türken haben sich ja qualifiziert. Und vielleicht hält auch Terim Cigerci immer noch für qualifiziert.

Doch auch wenn die Türkei Sehnsuchtspotenzial für Cigerci hat, will er in der dortigen Liga nicht spielen. Im Sommer gab es ein Interesse von Besiktas Istanbul, aber Cigerci sagt: „Ich will in der Bundesliga ein guter Spieler werden.“ Bei Hertha wollen sie ihn ohnehin nicht abgeben, sondern frühzeitig den noch bis 2017 laufenden Vertrag verlängern. Das sei zwar im Moment kein Thema für ihn, sagt Cigerci. „Aber es ist schön, so etwas zu hören.“ Hertha habe ihn eben nicht vergessen.