Ein Schild klebt auf der Tür zu Herthas Medienraum. „Aus der eigenen Geschichte lernen“, steht dort. Es gehört eigentlich zum „Lernzen-trum@Hertha BSC“, einem Fanprojekt, das in der vergangenen Woche Schüler eingeladen hatte, damit sie auf dem Olympiagelände etwas über die Vergangenheit des Klubs seit Ende des Zweiten Weltkrieges erfahren. Aber das Schild ist immer noch da, als Pal Dardai am Donnerstag durch die Tür tritt, um über das Auswärtsspiel seiner Mannschaft gegen Schalke 04 am Sonnabend (15.30 Uhr) zu sprechen.

Aus der eigenen Geschichte hat Herthas Cheftrainer gelernt, dass diese Partie gegen Gelsenkirchen niemals eine gewöhnliche sein kann. Da gibt es diese beherzte Abneigung der Berliner Anhängerschaft seit dem Bundesligaskandal 1971.

Zehn Jahre haben die Berliner in Gelsenkirchen nicht getroffen

Dardai weiß das natürlich nach fast 20 Jahren im Klub. Und da ist auch noch der Umstand, dass Partien gegen S04 die Profikarriere des Ungarn eingerahmt haben: Sein erstes und allerletztes Bundesligaspiel bestritt er gegen Schalke. Er verlor mit Hertha jeweils 0:1.

Und das spiegelt wider, wie das normalerweise läuft, wenn die Blau-Weißen auf Königsblau treffen: Gefühlt seit dem Zweiten Weltkrieg, faktisch seit 13 Partien, hat Hertha nicht mehr gegen Schalke gewonnen – so lange wie gegen keinen anderen Bundesligaklub. In Gelsenkirchen ist den Berlinern sogar seit zehn Jahren nicht einmal ein einziger Treffer gelungen. Zuletzt gab es dort sieben Niederlagen in Serie.

Das klingt natürlich alles nicht sonderlich vielversprechend, aber Dardai strahlte trotzdem. „Gegen Schalke ist es immer ein Topspiel“, sagte der 39-Jährige, „in diesem Jahr auch wegen der Tabelle“. Denn selbst ohne die Historie ist es diesmal ja ein echtes: Der Dritte empfängt den Vierten.

Einen Großen schlagen wollte Dardai auch beim letzten Mal

Natürlich hat das nach acht Spieltagen alles noch keinen Gegenwert, und Dardai verwies darauf, dass man doch bitte nicht die Realität aus den Augen verlieren solle. Aber es ist auch so, dass die Herthaner solche Spitzenspiele in der jüngeren Geschichte nur vor dem Fernseher erleben durften. „Im letzten Jahr waren unsere Topspiele die gegen die kleinen Mannschaften“, sagte Dardai. Topspiele im Abstiegskampf.

Nun, nach der Erschaffung einer echten Spielkultur und zuletzt drei Partien in Folge ohne Niederlage steht man plötzlich am anderen Ende des Spek-trums. Und Dardai hat Lust auf mehr: „Wenn man ehrlich ist, dann haben wir es im letzten Jahr nicht geschafft, gegen große Mannschaften zu gewinnen. Dieses Mal wollen wir das tun.“

Damals zeigte Hertha unter dem Luhukay-Nachfolger einen Aufwärtstrend, siegte gegen Augsburg und erkämpfte einen Punkt gegen Stuttgart im Abstiegsduell. Dardai glaubte im März, sein Team habe einiges gelernt. Dann kam Schalke und entriss Hertha in der 90. Minute durch das 2:2 von Joel Matip noch den Heimsieg. Einen Großen schlug Hertha in der Folge ebenfalls nicht, dann gar keinen mehr sieben Spieltage lang und blieb am Ende bekanntlich nur knapp in der Liga.

Schlüsselspieler Per Skjelbred droht auszufallen

Jetzt also wieder Schalke, und wieder ist von einem Aufwärtstrend zu sprechen. Die Frage ist, ob die Berliner diesmal aus der eigenen Geschichte gelernt haben. Ob Dardais Team wirklich schon so weit ist, wie er denkt: „Wir werden sehen, ob wir Lerneffekte haben oder nicht. Ich glaube, wir haben einen riesigen Schritt nach vorn gemacht“, sagte Dardai. „Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, gegen ein solches Topteam zu gewinnen.“

An seiner Mannschaft wird Dardai aber etwas ändern: Zwar wird Hertha wieder mit der Doppelspitze Vedad Ibisevic und Salomon Kalou beginnen. Doch den angeschlagenen Niklas Stark im Abwehrzentrum ersetzt wahrscheinlich Rückkehrer Sebastian Langkamp. Und ob Per Skjelbred spielen kann, den Dardai einen „Schlüsselspieler“ nennt, der aber mit Problemen am Sprunggelenk von der Länderspielpause heimkehrte, entscheidet sich kurzfristig.

Zur Pressekonferenz kam Dardai am Donnerstag übrigens mit Verspätung und versprach den Journalisten danach Kuchen als Entschädigung. Die Videoanalyse des Gegners mit den Spielern kam dazwischen. Pal Dardai hofft, dass sie dabei etwas gelernt haben.