Bundesliga

Alexander Baumjohann ist Herthas Spielbeschleuniger

Gegen seinen Ex-Klub Schalke 04 könnte Baumjohann erstmals wieder in Herthas Startelf stehen. Warum der Zeitpunkt denkbar günstig wäre.

Alexander Baumjohann (l.) hat wegen zweier Kreuzbrandrisse bislang nur 15 Bundesligaspiele für Hertha bestritten. Nun will er angreifen, so wie hier gegen Hamburgs Gotoku Sakai

Alexander Baumjohann (l.) hat wegen zweier Kreuzbrandrisse bislang nur 15 Bundesligaspiele für Hertha bestritten. Nun will er angreifen, so wie hier gegen Hamburgs Gotoku Sakai

Foto: imago/Bernd König

Berlin.  Pal Dardai ließ den Regen stoisch über sich ergehen. Sonst mischt sich der Ex-Profi im Training ja gerne unter seine Spieler, sucht den Infight, kickt mit. Nicht so am Mittwochvormittag. Äußerlich wirkte Herthas Cheftrainer, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, das Gesicht unter einer dicken Kapuze vergraben, so teilnahmslos wie selten.

In Dardais Kopf dürfte es allerdings kräftig gerattert haben. Die Herausforderung am Sonnabend ist schließlich keine kleine. In Gelsenkirchen wartet der Tabellendritte Schalke 04 (15.30 Uhr), die Mannschaft, die unter ihrem neuen Trainer André Breitenreiter schon fünf Siege eingefahren hat und mit einer vorwitzig aufspielenden Combo hochveranlagter Jungspunde aufwartet.

Verstecken muss sich Hertha nach seinem ebenfalls imposanten Saisonstart zwar nicht, doch die Rollen sind klar verteilt. Hier der königsblaue Champions-League-Anwärter, dort der blau-weiße Fast-Absteiger der Vorsaison. Die Frage lautet: Wie lässt sich der Favorit ausmanövrieren?

Sebastian Langkamp steht vor seinem Comeback

Das, was Dardai am Mittwoch im Berliner Regen beobachtete, dürfte ihm gut gefallen haben. Einerseits, weil mit dem Japaner Genki Haraguchi und dem Schweizer Fabian Lustenberger zwei Spieler quietschfidel von ihren Nationalmannschaften zurückgekehrt waren. Zum anderen, weil Innenverteidiger Sebastian Langkamp nach seinem auskurierten Bänderanriss wieder einsatzbereit ist. „Es sieht sehr, sehr gut aus bei ihm“, betonte Dardai.

Sehr gut sah auch das aus, was der 1. FC Köln zuletzt gegen Schalke fabrizierte. 3:0 hieß es am Ende, weil die Rheinländer in der Defensive bestens organisiert waren und zudem mit gefährlichen Kontern glänzten. Besseren Anschauungsunterricht hätte sich Hertha kaum wünschen können.

Mit Langkamp und Lustenberger steht im Abwehrzentrum nun wieder Herthas A-Team zur Verfügung, mit Haraguchi einer der flinkesten Angreifer. Eine noch wichtiger Rolle könnte aber einem Spieler zukommen, der das Bindeglied zwischen Verteidigung und Offensive bildet: Alexander Baumjohann.

Entdeckung der Langsamkeit

Dardai bezeichnet den 28-Jährigen gerne als „Ausnahmespieler“. Ballsicherheit, eine exzellente Technik und Übersicht – Baumjohann ist ein klassischer Spielmacher. Auch, weil er über ein hervorragendes Timing verfügt, das besonders dann aufblitzt, wenn Hertha auf Schnellangriff schaltet. Wo in der Vorsaison die Konter noch schlampig vertändelt wurden, fallen nun Tore. So wie beim 2:0 gegen Köln – oder beim jüngsten 3:0 gegen den Hamburger SV. Beide Male gab Baumjohann den Spielbeschleuniger, beide Male profitierte der neue Vollstrecker der Berliner, Vedad Ibisevic.

Hertha profitiert von Baumjohann, und Baumjohann profitiert von der neuen Hertha, die sich nicht mehr strikt aufs Verteidigen verlegt, sondern das Spiel aktiv gestalten möchte. „Das kommt mir zugute“, sagte der gebürtige Westfale unlängst. „Das macht mehr Spaß als wenn die Bälle im Mittelfeld immer über dich hinwegfliegen.“

Lange Zeit hatte Baumjohann ja nicht einmal das erleben dürfen. Auf den Kreuzbandriss Nummer eins im August 2013 folgte fast genau ein Jahr später der zweite, also fand die Saison 2014/15 ohne ihn statt. Weil ein weiteres Trauma um jeden Preis vermieden werden soll, wurde die Belastung so dosiert wie nur möglich gesteigert. Für Baumjohann hieß das: Entdeckung der Langsamkeit. „Es bringt nichts, wenn man zu früh zu viel will“, sagte er, „aber es ist extrem schwierig für mich, Geduld zu bewahren.“

Besondere Beziehung zu Gegner Schalke

Sechs Mal durfte er inzwischen wieder ins Rampenlicht der Bundesliga-Scheinwerfer treten, mal für zehn, mal für zwanzig Minuten, einmal gar für gut 30. Genossen hat er jede einzelne davon. Dass er als Joker kommt sei momentan zwar „die cleverste Lösung“, aber trotzdem drängt sich die Frage auf, wann Baumjohann erstmals wieder in der Startelf steht.

In der Länderspielpause hat er nochmals an seiner Physis arbeiten können. Warum also nicht auf Schalke? „Für 90 Minuten fehlt nach meinem Geschmack noch etwas“, wiegelt Dardai ab. „Wir sollten ihn nicht kaputt und seinen Kopf nicht verrückt machen.“

Um eine Idee davon zu bekommen, wie sehr Baumjohann auf die Partie gegen Schalke brennt, genügt ein Blick auf seinen Twitter-Account. „Ich freue mich unendlich darauf, am Samstag endlich wieder in der Arena zu spielen und viele Freunde zu treffen!!“, steht dort. Darunter: ein Herz, ein Fußball und betende Hände.

Seit neun Jahren nicht gegen Gelsenkirchen gewonnen

Die emotionale Bindung zu Schalke ist nach wie vor groß. Dort hat Baumjohann schon in der Jugend gespielt, dort nahm seine Profikarriere 2004 ihren Anfang, dorthin kehrte er 2010 nach Stationen bei Borussia Mönchengladbach und bei Bayern München wieder zurück.

Ob Startelf-Comeback oder nicht – ein besonderes Spiel wird Alexander Baumjohann in Gelsenkirchen so oder so erleben. Und an Etappenzielen mangelt es ihm keineswegs. Er könnte Hertha zum ersten Sieg gegen Schalke seit neun Jahren verhelfen. Oder sein erstes Tor im Berliner Trikot überhaupt schießen. Wäre doch eine schöne Geschichte. So eine, die nur der Fußball schreibt.