Bundesliga

Hertha und Schalke pflegen eine halbe Feindschaft

Hertha BSC und Schalke 04 verbindet eine alte Rivalität, von der aber nur die Berliner wissen. Sie begann vor mehr als 40 Jahren. Auch zuletzt gab es reichlich sportliche Gründe für das Unbehagen.

Foto: picture alliance / Pressefoto ULMER/Bjoern Hake

Der Fußball lebt nun einmal von Erinnerungen – selbst wenn es schlechte sind. Und so spricht Michael Preetz lieber nicht von „Schalke 04“, sondern nennt den Revierklub, der am Sonnabend im Olympiastadion gastieren wird (15.30 Uhr), höchstens „Gelsenkirchen“. Da ist Herthas Manager ganz Vereinsmensch, auch wenn er bei der Angelegenheit, die zur Abneigung jenes Fußballstandorts im Ruhrgebiet geführt hat, selbst erst vier Jahre alt war und im nur 50 Kilometer entfernten Düsseldorf heranwuchs.

Für Preetz jedenfalls ist das am Sonnabend kein gewöhnliches Spiel. Der 47-Jährige erwartet „eine intensive Partie, bei der man die Rivalität auf dem Rasen sehen wird“. Alles natürlich im Rahmen des Fair Play, sagt er. Nur könnte es sein, dass es eine einseitige Sache wird. Bei Schalke haben sie nämlich bis heute gar nichts von jener Rivalität mitbekommen. Durch Gelsenkirchen sollte man besser nicht mit dem Auto spazieren fahren, wenn man ein Dortmunder Kennzeichen besitzt. Aber Hertha? Achselzucken.

Meineid im Bestechungsskandal

Bei den Berlinern ist man da weniger gelassen. Das liegt daran, dass die Erinnerungen an das Jahr 1971 nicht verblasst sind. Damals im Dezember, als der Bundesligaskandal seine Kreise zog, fühlte man sich von Schalke betrogen. Vor dem Erstrundenrückspiel im DFB-Pokal gegen S04 sollte Herthas ungarischer Stürmer Zoltan Varga wegen seiner Beteiligung am Bestechungsskandal mit einer Vorsperre belegt werden. Sein Prozess hatte nämlich noch nicht begonnen.

Varga wehrte sich dagegen, erwirkte eine einstweilige Verfügung und war zwei Tage später an zwei der drei Treffer beim 3:0-Sieg gegen Schalke beteiligt. Noch am selben Abend legte S04 Einspruch ein. Ein paar Wochen später wandelte das DFB-Sportgericht Herthas Sieg in eine 0:2-Niederlage um. Schalke kam weiter und gewann am Ende auch den Pokal.

Der Stachel sitzt deshalb so tief, weil in der Mannschaft der Schalker Spieler standen, denen später selbst die Beteiligung an einer Manipulation nachgewiesen werden konnte. Weil die Schalker dies allerdings bestritten, während Herthas Varga geständig war, ist für die Königsblauen bis heute in Berlin auch die Bezeichnung „FC Meineid“ gebräuchlich. Keinesfalls Achselzucken.

50 Spiele seit dem Skandal und meist gewann Schalke

Die Abneigung von damals hat bis in die Gegenwart Gültigkeit – und man muss hier erwähnen, dass sie sportlich auch ständig neuen Nachschub bekommen hat. 50 Spiele hat es seit der Pokalpartie 1971 in der Bundesliga gegen Schalke gegeben. Meistens siegte der ungeliebte Gegner (26 Niederlagen erlitt Hertha, 14 Mal wurde gewonnen).

Zuletzt aber verfinsterten sich die Mienen in der Berliner Anhängerschaft immer, wenn es gegen Schalke ging: Seit achteinhalb Jahren konnte Hertha nicht mehr gegen S04 gewinnen. Von den vergangenen zwölf Partie wurden elf verloren (ein Remis). Und deshalb sagt Pal Dardai auch vor dem neuerlichen Aufeinandertreffen: „Wir sind sicher nicht der Favorit. Statistisch gesehen gewinnen wir nicht.“

Dardai war beim bisher letzten Sieg dabei

Das ist natürlich eine kleine Finte von Herthas Trainer. Dardai glaubt sehr wohl daran, dass diesmal ein Sieg gelingen kann. „Es ist an der Zeit zu zeigen, dass wir auch einen Großen schlagen können“, sagt der Ungar. Bei ihm selbst sind die Erinnerungen zudem gar nicht so schlecht an Schalke: Als Hertha zum bisher letzten Mal gegen die Königsblauen gewann – 2:0 im September 2006 – stand Dardai noch auf dem Platz.

Damit ihm das auch als Trainer mit einem Team im Abstiegskampf gegen einen Champions-League-Anwärter gelingt, der eben erst in der Königsklasse Real Madrid mit 4:3 bezwungen hat, setzt der 38-Jährige auf eine stabile Defensive und eine verbesserte Spielkultur. Zweimal blieb Hertha zuletzt ohne Gegentor. Doch der Mangel an Ballbesitz und Ideen bleibt weiter ein Manko: „Wir haben unser Training umgestellt und wollen mehr Ballbesitz und ein besseres Umschalten“, sagt Dardai.

Ben-Hatira bekommt eine Chance

Niemand brauche „Zauberfußball“ erwarten. Aber ein bisschen mehr Offensive möchte er schon wagen. Für das schnelle Umschaltspiel kann Dardai wieder auf den zuletzt gelbgesperrten Per Skjelbred zurückgreifen. Valentin Stocker wird als Spielmacher fungieren, und womöglich bekommt Änis Ben-Hatira nach seiner überstandenen Verletzung eine Chance von Beginn an.

Einst sagte Ben-Hatira dieser Zeitung, dass Spiele gegen Schalke besonders schön seien, weil man den eigenen Fans mit einem Sieg etwas Genugtuung schenken könne. Und so eine Rivalität, selbst wenn sie nur einseitig besteht, hat ja auch Vorteile: 60.000 Zuschauer werden am Sonnabend erwartet.