Vor einer Weile sprach ich mit Pal Dardai über Erfolg. Hertha BSC hatte einen guten Saisonstart mit einem Sieg in Augsburg und einem Remis gegen Bremen hingelegt. Erste, leise lobende Worte bekam der Berliner Cheftrainer zu hören. Danach fragte ich Dardai, und er antwortet etwas überraschend: „Als Trainer läuft deine Zeit immer ab“, sagte der Ungar. „Ich weiß genau: Nach jedem Sieg, den ich hole, habe ich noch sechs Wochen Zeit.“
Ich habe seitdem oft über diese Sätze nachgedacht. Hertha gewann danach noch drei Spiele. Zuletzt gegen den Hamburger SV. 3:0 zu Hause. Dardai ist dadurch mit seinem Team sogar bis auf Platz vier in der Tabelle hinaufgeklettert. Und weil dieser Rang am Ende der Spielzeit zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigen würde, sind sie auch außerhalb von Berlin auf Hertha aufmerksam geworden. Es erscheinen tolle Artikel über die neuerliche Herrlichkeit in Blau und Weiß. Aber soweit muss man gar nicht über den eigenen Tellerrand gucken. Auch Berliner Medien nennen Dardai nun einen „Zauberer“, oder den „Erfolgs-Flüsterer“. So wie die Hertha-Fans den Moment auskosten, so tun es offenbar auch wir Journalisten. Denn wann hatte man zuletzt schon so etwas schreiben dürfen, wenn man über Hertha berichtet? Und wer weiß, wie lange das alles noch anhält?
Sechs Wochen habe er nach einem Sieg, sagt der 39-Jährige und meint damit sechs Wochen Ruhe, bis aus den lobenden Worten kritische werden können. Bis jener Sieg, wenn keiner nachfolgt, nichts mehr wert und Dardai entzaubert ist. Das ist Dardais eigene Sechs-Wochen-Regel. Wenn ich richtig rechne und die Länderspielpause mal weglasse, kommt er damit mindestens bis Ende November. Dann muss sein Team zum FC Bayern.
Irgendwie ist das doch befremdlich. Was heute Mist ist, kann morgen Gold sein und übermorgen wieder Mist. Und das hat nichts mit der berüchtigten Berliner Presse zu tun, bei der ich mich nach drei Jahren Zugehörigkeit immer noch frage, woher bloß ihr Ruf kommt.
Beim FC Bayern kann man das auch gerade erleben: Jetzt lieben sie alle diesen Pep Guardiola, obwohl der Katalane vor nicht allzu langer Zeit noch ziemlich in der Kritik stand. Weil der Startrainer seinen Vertrag nicht schon ein Jahr vor Ablauf verlängern wollte. Weil er an der Seitenlinie Faxen machte, weil er Schiedsrichter anfasste. Und überhaupt, weil ihn seine Spieler nicht verstünden. Nun allerdings haben die Bayern acht Partien zum Saisonauftakt gewonnen und schon sieben Punkte Vorsprung auf Platz zwei, was bisher noch keinem Team vorher gelungen war. Jetzt ist Pep natürlich wieder der große King. Zumindest sechs Wochen lang. Dann kommt ja Hertha nach München.
Das alles lehrt uns: Erfolg und Kritik sind gleichermaßen vergänglich – im Fußball nur schneller als anderswo, weil die Aufmerksamkeit des Publikums hier hoch ist und daher alle Beteiligten tendenziell zur Aufregung neigen.
Bei Hertha gab es eigentlich eine andere Rechnung: Man könnte sie als die Zwölf-Monate-Regel bezeichnen. Denn Dardai hat im Sommer erst einmal einen Cheftrainervertrag für lediglich ein Jahr erhalten, was ziemlich ungewöhnlich ist. Aber, das war die Überlegung bei den Vereinsverantwortlichen, auch der Rekordspieler des Klubs sollte sich erst einmal beweisen, weil er bis dahin ja kaum Erfahrung als Profitrainer besaß. Nach dieser ersten Spielzeit kann Hertha die Option auf eine Verlängerung ziehen.
Nun hat Manager Michael Preetz im Kicker angedeutet, dass man sich eine Zusammenarbeit über das Saisonende hinaus gut vorstellen könne. Dardai schwimmt im Moment auf einer Welle des Erfolgs, aber er weiß, dass das Ganze vergänglich ist. „Als Trainer möchte ich natürlich gern sechs Jahre arbeiten, aber in der Bundesliga kannst du nur für sechs Wochen planen“, sagt er im Kicker. Denn, so schrieb der Autor Ronald Reng einst, das schwierigste im Fußball ist: „gemeinsam zu verlieren“.




