Bundesliga

Hertha-Angreifer Sami Allagui ist auch Kunstsammler

Vor dem Spiel gegen Leverkusen spricht Herthas Angreifer Sami Allagui über seine Kindheit als Sohn einer Düsseldorfer Nachtklublegende, Rap-Musik in der Berliner Kabine und seine Liebe zur Malerei.

Foto: Melanie Bien / „bipulse - kreativwerkstatt“

Am Freitag bekam Sami Allagui Besuch. Vater Lassaad, genannt „Leggi“, war aus Düsseldorf angereist, um das Heimspiel seines Sohnes mit Hertha BSC gegen Bayer 04 Leverkusen (15.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) zu sehen.

Unterstützung kann der Offensivspieler derzeit gut gebrauchen. Gerade verpasste Allagui mit der tunesischen Nationalelf die WM-Endrunde.

Bei den Berlinern läuft es besser: Fünf Mal hat der 27-Jährige in dieser Saison bereits getroffen. Im Interview spricht Allagui über den späten Beginn seiner Karriere, das WM-Aus mit Tunesien und die Fähigkeit, sich anzupassen.

Berliner Morgenpost: Herr Allagui, sind Sie ein Genussmensch?

Sami Allagui: Ja, denke ich schon. Ich versuche, die Dinge zu genießen. Das fängt beim Fußball an und geht weiter bis zum Essen und Chillen mit Freunden. Ich bin kein Hektiker, der die Dinge schnell hinter sich bringen will.

Es heißt, Sie seien ein großer Musikliebhaber. Bei Hertha sind Sie der Kabinen-DJ. Was legen Sie da so auf?

Ich habe verschiedene Play-Listen: eine für die Zeit vor dem Spiel und eine für nach dem Spiel.

Gibt es Heavy Metal vor dem Spiel, um auf Touren zu kommen?

Slow hören wir jedenfalls nicht. Das muss schon abgehen und uns Schwung geben. Hip-Hop, R’n’B. Die neusten Songs. Wir wollen uns schließlich hochpushen. Nach dem Spiel gibt es aber nur Musik, wenn wir gewonnen haben.

Ihr Vater hat lange im Düsseldorfer Nachtleben gearbeitet. Er leitete auf der Kö den Klub „Sam`s“ und ist eine Nachtklub-Legende. Wie haben Sie das als Kind erlebt?

Er hat 20 Jahre lang im Nachtleben gearbeitet. Da war ich noch jung. Da haben meine Schwestern und ich ihn wenig gesehen. Er hat mich selten bei Spielen begleitet. Erst später, als es schon etwas voranging. Als ich 15, 16 war, hatten wir dann ein Restaurant. Wir waren so eine klassische Gastronomie-Familie. Aber ich hatte eine ganz normale Kindheit.

Ihr Vater kannte viele Stars wie Henry Maske und Roberto Blanco. Gingen die zu Hause bei Ihnen ein und aus?

Die waren ja meistens bei meinem Vater im Klub (lacht). Er kannte viele berühmte Leute – Schauspieler, Künstler, Sportler. Mit Henry Maske war er gut befreundet und reiste immer zu seinen Kämpfen. Ich habe von früher noch ziemlich viele Autogrammkarten.

Ihr Vater hat seine Karriere aufgegeben, um sich um Ihre als Profi zu kümmern.

Er hat sich dafür entschieden, als ich mit 17 bei Fortuna Düsseldorf einen Profivertrag unterschrieben hatte. Für mich war das wichtig und ist es heute immer noch. Im Fußballgeschäft kann man nicht jedem trauen. Aber er ist nicht im klassischen Sinne mein Berater. Er ist einfach mein Vater, der mir hilft, wenn ich ihn brauche.

Ihre Karriere als Fußballer hat ziemlich unüblich begonnen.

Eigentlich war ich lange nur ein Straßenfußballer. Ich habe ziemlich spät angefangen. Bis ich 16 war, habe ich bei einem Dorfverein in der untersten Spielklasse auf Asche gespielt. Höchstens zweimal die Woche trainiert. Ich hatte keine Jugendakademie wie die meisten Spieler hier bei Hertha.

Wie haben Sie es zum Profi geschafft?

Das war ein Zufall. Wir haben damals in der Jugend gegen die unterste Mannschaft von Fortuna Düsseldorf im Pokal gespielt. Da haben wir 4:3 gewonnen, und ich habe alle vier Tore geschossen. Danach wollten sie mich verpflichten, aber ich wollte das erst mal nicht.

Wie bitte?

Wir haben die sechs Wochen in den Sommerferien immer in Tunesien bei meinen Verwandten verbracht. Fortuna aber wollte, dass ich nur zwei Wochen weg bin und danach vier Wochen Saisonvorbereitung mitmache. Da habe ich gesagt: Das geht nicht. Ich war sechs Wochen im Urlaub. Danach haben Sie sich trotzdem wieder gemeldet, und ich habe zugesagt. Seitdem ging es eigentlich ziemlich schnell nach oben.

Mit 18 sind Sie zum RSC Anderlecht gewechselt, wo Sie aber wenig gespielt haben. War dieser frühe Schritt weg von zu Hause dennoch wichtig?

Eigentlich habe ich dort die Fußball-Ausbildung nachgeholt, die ich in der Jugend nicht hatte. Wir sind zwei Jahre hintereinander Meister geworden und haben Champions League gespielt. Ich war meistens dabei, auch wenn ich wenig gespielt habe. Das Training allein hat schon gereicht.

Stimmt es, dass Sie das Abitur abgebrochen haben, um in Belgien Profi zu sein?

Ja. Das ist mir nicht leicht gefallen. Raus aus der Schule, raus von zu Hause. Ich war ein Mamasöhnchen und dann plötzlich allein in Brüssel. Aber irgendwie war das für mich wie eine Schule. Ich habe vorher zum Beispiel kein Wort Französisch gesprochen. Jetzt spreche ich es fließend. Zudem habe ich gelernt, mich schnell anzupassen. Das hat mir später sehr geholfen.

Sie haben in sieben Jahren fünf Mal den Klub gewechselt.

Ja, aber nicht, weil ich mich mit den Leuten zerstritten hätte, sondern weil es stetig einen Schritt weiter nach oben ging. Ich hatte nie Angst vor einer neuen Herausforderung. Als Berlin anfragte, hat man mir in Mainz schon gesagt, dass es hier nicht einfach ist – die Medienlandschaft ist speziell. Aber ich wusste, dass ich mich auch hier schnell anpassen kann.

Auch sportlich mussten Sie sich anpassen. Sie sind als Stürmer gekommen und mussten auf den Flügel ausweichen. Können Sie dem mittlerweile etwas abgewinnen?

Auf jeden Fall. Ich denke, ich habe etwas dazu gewonnen. Ganz am Anfang war es schwierig, weil ich weiter wie ein Stürmer gedacht habe. Da rennt dir der Gegner im Rücken schon mal weg. Jetzt geht das und macht mir Spaß.

Stimmt es eigentlich, dass Sie sich für Malerei interessieren?

Ja, ich bin ein Kunstsammler. Ich habe viele, viele Gemälde zu Hause. Wer bei mir reinkommt, der würde nie denken, dass ich da wohne.

Wieso?

Ach kommen Sie: ein 27 Jahre alter Stürmer, der gern Rap-Musik hört und Gemälde sammelt? Das passt nicht.

Welche Maler mögen Sie denn so?

Markus Tollmann zum Beispiel, ein Düsseldorfer Künstler. Der hat mich sogar mal gemalt. Von ihm habe ich vier große Gemälde. Ich habe auch ein Bild von Jörg Immendorff. Auch alte Fotografien von Helmut Newton sind dabei. Kürzlich habe ich sogar selbst eine Collage aus Schwarz-Weiß-Fotos gemacht. Das sieht auch nicht schlecht aus.

Schon mal probiert, selbst zu malen?

Ja, aber ich habe kein Talent dafür. Das lassen wir lieber.

Wie passt Ihr Interesse für Kunst zusammen mit Ihrem anderen Hobby: Angeln?

In letzter Zeit hat das ein bisschen nachgelassen. Früher habe ich viel geangelt. Da habe ich mir mit Freunden ein Boot gemietet, und dann saßen wir da den ganzen Tag auf dem Wasser und machten es uns gemütlich. Das entspannt total. Auch so etwas genieße ich sehr.

Diese Woche war nicht so genussvoll für Sie. Haben Sie das WM-Aus schon verdaut?

Es geht langsam wieder. Ehrlich gesagt, war es 2010 schlimmer für mich. Damals hätten wir das letzte Gruppenspiel gegen Mosambik nur gewinnen müssen, dann wären wir in Südafrika dabei gewesen. Aber wir verloren 0:1, und ich saß nur auf der Bank, obwohl ich davor immer Stammspieler war. Da ist ein Traum kaputt gegangen. Auch diesmal tut es natürlich weh. Aber Kamerun war einfach ein starker Gegner.

Gegen Leverkusen gäbe es ja nun die Möglichkeit, dass diese Woche doch noch etwas angenehmer für Sie endet.

Stimmt. Eigentlich spielt Leverkusen mit Bayern und Dortmund in einer anderen Liga, aber das muss nichts heißen. Wir spielen zu Hause und können hier jedem Gegner Paroli bieten. Gegen Schalke haben wir auch gut gespielt, aber verloren. Gegen Bayer könnte ich damit leben, wenn es andersherum wäre.