Hertha BSC

Hajime Hosogai - Über die hohe Kunst der Zerstörung

Der Japaner Hajime Hosogai erledigt wichtige Aufgaben für Bundesligist Hertha so still, dass selbst Fouls kaum auffallen. Bei Trainer Jos Luhukay ist der defensive Mittelfeldspieler gesetzt.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Man muss sich das vorstellen wie früher auf einem Ozeandampfer. Oben wird gefeiert und getanzt. An den Antrieb denkt dabei aber niemand. Dabei ginge ohne das unentwegte Kohleschaufeln der Männer an den Maschinen oben ganz schnell das Licht aus, in dem die Tänzer glänzen. Ganz ähnlich ist das bei Hajime Hosogai, der Herthas Spiel bestimmt, aber nur selten in der Öffentlichkeit steht. Dabei sorgt er ähnlich wie einst die Heizer für den kontinuierlichen Antrieb im defensiven Mittelfeld bei den Berlinern.

Bei seinem Trainer Jos Luhukay hingegen genießt der Japaner diese Wertschätzung ohne jeden Zweifel. Der Niederländer setzte den zu Saisonbeginn vom nächsten Gegner Leverkusen (Sonnabend 15.30 Uhr im Live-Ticker) gekommenen Mittelfeldspieler in jedem Bundesligaspiel von Beginn an ein. Nur drei Mal kurz vor Schluss musste er überhaupt den Platz räumen. Für Hosogai baute der Trainer sogar die Hierarchie im defensiven Mittelfeld so um, dass die im Vorjahr noch gesetzten Antreiber Peter Niemeyer und Peer Kluge nur noch hintenan stehen.

Sonnabend gegen Ex-Klub Bayer

Der Japaner weiß das sehr zu schätzen: „Es bedeutet mir viel, dass der Trainer mich angesprochen hat. Ich kann bei Hertha jetzt auf meiner Wunschposition spielen. Das war nicht immer so.“ In der vergangenen Saison kam er in Leverkusen zwar zu immerhin 17 Einsätzen, wurde aber aufgrund des starken Angebots im defensiven Mittelfeld nie dort eingesetzt. Profis wie Simon Rolfes, Gonzalo Castro, Stefan Reinartz oder Lars Bender wurden ihm vorgezogen. Stattdessen spielte er mal auf der linken und mal auf der rechten Seite im Mittelfeld oder in der Abwehr. Seine Stärken konnte er so nicht präsentieren. „Deshalb freut er sich riesig, dass er bei uns spielt“, hat Luhukay festgestellt.

Die Qualitäten Hosogais treten in dieser Saison bei Hertha um so deutlicher zutage und belohnen ihn für die Entscheidung, für vier Jahre in Berlin unterschrieben zu haben. Der 1,77 Meter große Japaner hat großen Anteil daran, dass die Berliner in den ersten zwölf Partien erst sechs Tore aus dem Spiel heraus kassiert haben. Mit seinem enormen Laufaufwand sorgt er dafür, dass gefährliche Situationen nach Ballverlust in der Offensive möglichst selten entstehen.

Die Passwege für den Gegner müssen blockiert werden, um einen Konter zu verhindern, Hosogai löst diese Aufgabe im defensiven Mittelfeld zuverlässig. Eine Laufleistung von gut 11,4 Kilometern pro Spiel zeigt, welchen Aufwand er betreibt, um diesen Dienst an der Mannschaft zu leisten. Bei seinen Teamkollegen kommt das gut an. „Für uns zentrale Abwehrspieler ist er enorm wichtig, weil er vorne schon so viel abräumt“, sagt Sebastian Langkamp über den Japaner.

Die zweitmeisten Fouls, aber nur zwei Gelbe Karten

Im Zweifelsfall greift der 27-Jährige auch zu rabiateren Methoden, um den Offensivdrang des Gegners zu bremsen. Bereits 32 Mal wurde er von den Bundesliga-Schiedsrichtern zurückgepfiffen und hat damit die zweitmeisten Fouls der Liga begangen. Als Heizer macht man sich eben schon einmal schmutzig. Lediglich Hoffenheims Kevin Volland liegt mit einem Vergehen mehr vor ihm. Doch selbst die regelwidrigen Aktionen erledigt der Japaner ohne großes Aufsehen. Trotz der vielen Pfiffe gab es bisher nur zwei Gelbe Karten gegen ihn. Diese Bissigkeit führt dazu, dass er im Spiel vom Trainer häufig Spezialaufträge bekommt.

Trotz dieser Defensivaufgaben hat Hosogai auch Qualitäten im Spiel nach vorn. Wenn der Trainer von ihm spricht, fallen häufig die Worte Tempo, Handlungsschnelligkeit und Umschaltspiel zwischen Abwehr und Angriff. Alles Attribute, die der Niederländer in der Bundesliga als überlebensnotwendig erachtet und die Hosogai für ihn auch verkörpert. Es ist nicht der letzte Pass, den der Japaner spielt, aber er gibt den Ball schnell weiter in den Angriff. Langes Ballhalten ist nicht seine Sache. Bei 40 Pässen im Schnitt pro Spiel kommt er gerade mal auf knapp über 50 Ballkontakte pro Partie. Auch ein Wert, der Herthas schnelles und gefürchtetes Konterspiel illustriert.

Nur acht Minuten für Japan

Im Gegensatz zu seinem Aufschwung bei Hertha steht die Nationalmannschaftskarriere von Hajime Hosogai. Zehn Tage verbrachte er gerade mit dem Team Japans, kam aber gerade einmal auf acht Minuten Einsatzzeit beim 3:2 über Belgien. Das 2:2 gegen die Niederlande musste er sogar komplett auf der Bank verbringen. „Das ist nicht so einfach für ihn“, fand Hertha-Trainer Jos Luhukay. „Die Konkurrenz auf seiner Position ist sehr hoch. Dort spielt Wolfsburgs Hasebe. Und der ist schließlich Mannschaftskapitän.“

Trotzdem ist und bleibt für Hosogai die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Brasilien das große Ziel. Dafür wechselte er vom Champions-League-Teilnehmer Leverkusen zu Hertha. Wohl nicht nur, weil er sich als Bundesliga-Stammspieler höhere Chancen ausrechnet, sondern vielleicht auch aus der Erfahrung der verpassten Olympiateilnahme 2012 heraus. Zugunsten der Vorbereitung bei Bayer musste er auf die einmalige Chance einer Teilnahme an den Spielen in London verzichten.

Jos Luhukay hat keine Befürchtung, dass der Gedanke an die Nationalmannschaft Hosogai herunterzieht: „Bei uns kann er sich freuen. Auf Sonnabend, wenn er gegen die Kollegen aus der letzten Saison spielt. Das wird ihn vielleicht noch einen Tick mehr motivieren.“ Möglich, dass Herthas Heizer dann noch eine Kohle drauf legt.