Die Zweifel dürfen gern außerhalb des Olympiaparks bleiben. Dort steht nicht nur die Hertha-Geschäftsstelle, auch die Profis trainieren dort. Und die wollen gar nicht erst über eine vermeintliche Unsicherheit vor dem Tor nachdenken. Trotzdem hat der gute Bundesligastart durch die zwei Spiele in Folge ohne eigenen Treffer einen Dämpfer bekommen.

Doch den Hauch eines Negativtrends wischen die Verantwortlichen ebenso zur Seite wie die Zweifel an der Effektivität vor dem Tor. Und die nackten Zahlen geben ihnen recht.

„Gegen Stuttgart hätten wir wohl noch zwei Stunden spielen können und trotzdem kein Tor erzielt“, sagte Manager Michael Preetz nach dem unglücklichen 0:1 gegen die Schwaben im Morgenpost-Interview. „Es gibt solche Tage, da ist es wie verhext.“ Seitdem wird viel diskutiert. Vor allem über die Chancenverwertung. Denn spielerisch überzeugten die Berliner in jedem Bundesligaspiel.

Nicht umsonst legt der Manager Wert auf eine Feststellung: „Die mangelnde Effektivität war in diesem Spiel unser Problem.“

Top-Teams dürfen effizienter sein

Für eine allgemeine Diagnose fehlt auch die Zahlenbasis. Denn die nüchternen Fakten sehen Hertha dort nach fünf Spieltagen im gesicherten Mittelfeld. Gut jeder achte Schuss der Berliner findet seinen Weg ins Ziel. Ginge es allein nach der Effizienz, die Blau-Weißen würden Platz 10 der Tabelle belegen.

Ein Rang, den in der Realität wohl jeder im Klub am Ende der Saison nehmen würde. Die gefühlt mangelhafte Treffsicherheit, die besonders von den letzten beiden Spielen dominiert wird, lässt sich nicht durch Fakten belegen.

Doch zurücklehnen und auf Besserung hoffen kann das Team von Trainer Jos Luhukay auch nicht. Denn schon am Sonntag (15.30 Uhr) wartet im Breisgau eine Mannschaft, die allein der Statistik nach den Berlinern demonstriert, was ihnen in den beiden letzten Partien gefehlt hat.

Der SC Freiburg ist ein Musterbeispiel an Effizienz in der Bundesliga. Gut jeder sechste Schuss des Europa-League-Teilnehmers landet im Tor. Das ist fast Ligaspitze. Nur Hoffenheim ist noch besser.

Herthas Angreifer Sandro Wagner, 25, lässt sich von den Werten nicht beirren. Beim Blick auf die Klubs, die effektiver vor dem Tor agieren als Hertha, sagt er trocken: „Die dürfen vor uns stehen.“ Teams wie Leverkusen, Dortmund oder Schalke sieht in Berlin niemand auf Augenhöhe. Die Bodenständigkeit von Trainer Luhukay ist auch Teil des Selbstverständnisses des Teams geworden.

Wagner: „Die Saison wird kein Selbstläufer“

Geärgert hat sich Wagner trotzdem über die knappen Niederlagen. Weil sie vermeidbar waren: „Wir haben gegen Wolfsburg und Stuttgart Punkte verschenkt. Und wir haben als Aufsteiger definitiv keine Punkte zu verschenken. Aber diese Spiele haben noch einmal alle dafür sensibilisiert, dass die Saison für Hertha kein Selbstläufer wird“, sagt der Angreifer.

Zwar betonen alle Spieler, welch wirtschaftliche und personelle Optionen der von VW unterstützte Klub und die Schwaben im Gegensatz zu Hertha haben, doch als Ausrede benutzt das niemand. Wagner kommt selbst noch einmal auf einen Punkt, der bei der Suche nach der Effizienz eine wichtige Rolle spielt: „Für uns ist wichtig, dass wir uns Chancen herausgespielt haben.

Wäre das nicht der Fall, müssten wir dort den Hebel ansetzen.“ Gegen Stuttgart brachten die Spieler aber den Ball 19 Mal auf das gegnerische Tor und in Wolfsburg immerhin acht Mal.

„Fußball ist keine Mathematik“, hatte Bayerns Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge einmal gesagt. Auch bei Hertha weiß man, dass nicht nach jedem achten Versuch ein Treffer zu bejubeln ist. Aber etwas Rechenkunst steckt doch im angeblich so unberechenbaren Fußball. Das ist auch die Intention von Wagner, wenn er darauf Wert legt, dass sich ein Team erst einmal Chancen erarbeiten muss, bevor es diese verwerten kann.

Trainer Jos Luhukay bleibt zuversichtlich

Und auch bei diesem Wert liegen die Berliner im Mittelfeld der ersten Liga. 71 Schüsse brachten sie auf das gegnerische Tor und landen damit auf Platz 9. Den so effizienten Freiburgern bleibt hingegen gar nichts anderes übrig, als besonders kaltblütig vor dem Tor zu agieren: Die Breisgauer bringen es nur auf 41 Torschüsse und sind somit das Schlusslicht der Liga.

Einen anderen Vergleichswert, der Herthas Effizienz im Strafraum einzuordnen hilft, bringt Eintracht Braunschweig. Der Mitaufsteiger schoss fast genau so häufig wie die Berliner auf das Tor (70), traf aber lediglich zwei Mal ins Netz.

Sandro Wagner muss ein wenig schmunzeln, als er nach einem Extra-Torschusstraining gefragt wird: „Wir brauchen kein spezielles Training für die Offensive. Wir üben sowieso schon sehr häufig Abschlüsse. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich noch nie so viele Torschüsse trainiert habe wie unter Jos Luhukay. Das ist sehr auffällig.“

Nicht wie beim letzten Mal in Freiburg

Der Niederländer hat dem Team in der Bundesliga eine Spielweise eingeimpft, die auf frühe Balleroberung und schnellen Abschluss Wert legt. Wagner gefällt dieser Ansatz: „Das starke Pressing und früh vorne stören tut uns gut. Angreifen und Gas geben, das macht uns stark. Und im Gegensatz dazu spüren wir auch, wie wir den Gegner aufbauen, wenn wir uns hinten hineindrücken lassen.“

Luhukay sagte zur Diskussion um die mangelnde Chancenverwertung nach dem Training am Dienstag: „Die Mannschaft spielt guten Fußball, belohnt sich nur zur Zeit nicht. Das ist kein Grund, alles in Frage zu stellen.“

Luhukay weiß, dass es neben der Torausbeute vorerst auch wichtig für sein Team ist, sich über gutes Offensivspiel Sicherheit zu holen. „Wir haben uns Selbstbewusstsein geholt“, sagt auch Wagner. „Das ist auch wichtig für den Verein nach den Erfahrungen in den vergangenen zwei Bundesliga-Spielzeiten.“

Mit Blick auf den letzten Auftritt beim SC Freiburg 2011 hat er recht. Da kassierte Hertha nach einer 2:0-Führung zur Halbzeit in der fünften Minute der Nachspielzeit noch den Ausgleich, nachdem eigene zahlreiche gute Gelegenheiten ausgelassen wurden. Am Sonntag soll das anders werden.