Bundesliga

Für Lob bekommt Hertha BSC keine Punkte

Trotz der 0:1-Niederlage gegen den VfB Stuttgart erhalten die Berliner viel Zuspruch für ihre Leistung. Doch der formidable Saisonstart ist ins Stocken geraten und der Druck aufs Team wächst.

Foto: ODD ANDERSEN / AFP

Gestaunt hatte er und geschwiegen. Fast eine halbe Stunde lang. Dann lehnte sich Joachim Löw zu seinem Sitznachbarn auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions, von der aus der Bundestrainer gerade Herthas Heimspiel gegen den VfB Stuttgart verfolgte, und rief dem Herthaner Präsidiumsmitglied Michael Ottow neben ihm zu: „Eine tolle Mannschaft haben Sie da!“

Diese und noch viele weitere anerkennende Worte haben seit dem späten Freitagabend den Weg zum Cheftrainer der Berliner, Jos Luhukay, gefunden. Ähnlich wie vom seltenen Stadiongast Löw erhielt der Niederländer auch von anderen Zuspruch für die über weite Strecken wahrlich beeindruckenden Leistung seiner Mannschaft.

Die hatte den nach dem Trainerwechsel wiedererstarkten VfB phasenweise an die Wand gespielt, sich vor allem im zweiten Durchgang Chance um Chance kreiert, am Ende aber keine einzige davon genutzt und nach einem Gegentor durch Christian Gentner 0:1 (0:0) verloren. Der Nimbus der Unschlagbarkeit im eigenen Stadion, der über 19 Partien aufgebaut wurde, ist futsch, obwohl Hertha in allen entscheidenden Werten deutlich überlegen war.

Ronny ist fit für die Bundesliga

„Solch bittere Niederlagen sind nie schön“, sagte Luhukay am Sonnabend und ließ sich auf der Suche nach einem Erklärungsansatz für die Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag ein wenig in die Seele gucken: „Wir haben unglaublich viel Lob bekommen. Das lindert den Schmerz über die Niederlage ein bisschen“, sagte der 50-Jährige. Dann hielt er kurz inne: „Für Lob aber bekommt man keine Punkte.“

Dabei hätte Luhukay mit dem Loben gleich selbst weitermachen können, denn die Begegnung gegen die Schwaben hatte ja auch allerhand positive Erkenntnisse hervorgebracht: Das fulminante, bisweilen überfallartige Offensivspiel aus den ersten beiden Heimspielen gegen Frankfurt und Hamburg hat nach dem Ausfall von Strippenzieher Alexander Baumjohann (Kreuzbandriss) keinen Dämpfer bekommen.

Das hat zum einen damit zu tun, dass es um die Fitness von Baumjohanns Ersatz Ronny, die Luhukay lange mit Skepsis betrachtet hatte, offenbar nicht so schlecht bestellt ist wie gedacht. Der Brasilianer, der noch in der vergangenen Zweitligasaison an knapp der Hälfte aller Berliner Tore (32 von 65) direkt beteiligt war, in den ersten vier Bundesligapartien aber nur als Ergänzungsspieler gebraucht wurde, spielte zwar lange unauffällig und zu umständlich, wurde aber gerade gegen Ende der Partie dominanter.

Seine Aufstellung rechtfertigte er jedenfalls, was Luhukay zwar nicht mit Lob, aber zumindest mit Anerkennung goutierte: „Man hat gesehen, dass er sich sehr bemüht hat. Leider haben wir seinen starken linken Fuß nicht so gut in Szene setzen können“, sagte der Cheftrainer.

Die Zugänge Skjelbred und Cigerci zeigen gute Ansätze

Zum anderen profitierte die Berliner Offensive von der Hereinnahme der Last-Minute-Transfers Per Skjelbred und Tolga Cigerci, die gute (Cigerci), bis sehr gute (Skjelbred) Debüts gaben. „Von ihnen haben wir gute Ansätze gesehen. Die Jungs sind erst anderthalb Wochen bei der Mannschaft und liefern so eine Leistung. Respekt“, sagte Luhukay, was dann schon ein bisschen mehr nach Lob klang.

Als er dann auch noch über Defensiv-Allrounder Hajime Hosogai (genannt „Hatschi“), der gegen Stuttgart als alleiniger Abräumer vor der Abwehr agierte, folgenden, anerkennenden Satz sprach: „Was Hatschi gespielt hat, war beeindruckend“, war es Luhukay dann fast selbst schon unheimlich.

Denn das ganz große Einstimmen in die Lobeshymnen der anderen hatte Luhukay sich eigentlich nicht gestatten wollen. Er ist lange genug im Profifußball beschäftigt, um die manchmal ungerechte Radikalität des Faktischen nicht zu unterschätzen. Er kennt die Spielregeln des Geschäfts: „Entscheidend ist auf dem Platz“, bedeutet nun mal „Entscheidend ist auf der Anzeigetafel“ – und da stand bei Hertha zuletzt 0:2 (in Wolfsburg) und 0:1 (gegen Stuttgart).

Zwei Spiele, 27 Torschüsse – kein Treffer

Der formidable Saisonstart mit sieben Punkten aus den ersten drei Ligapartien ist mit den beiden Niederlagen in Serie nun vorerst ins Stocken geraten. Hertha hat die bittere Erfahrung machen müssen, dass eben nicht immer die bessere, sondern oft die effektivere Mannschaft gewinnt.

Und vor allem an Effektivität fehlte es ja in Wolfsburg und nun gegen Stuttgart, als aus zusammen 27 Torschüssen kein einziger Treffer resultierte. Zudem lässt die Tatsache, dass vier von insgesamt sechs Gegentoren durch oder nach Standards fielen, vielleicht auch die Erkenntnis zu, dass noch die nötige Cleverness fehlt, um sich in der ersten Liga nicht um den Lohn der eigenen harten Arbeit bringen zu lassen.

Weil Hertha die Angst, nach der ersten Saisonpleite in Wolfsburg in einen Negativtrend zu geraten, trotz guter Leistung gegen die Schwaben nicht vertreiben konnte, ist all das Lob von außen trügerisch. Denn nun steht Luhukays Team am nächsten Spieltag in Freiburg (Sonntag, 15.30 Uhr) schon unter Zugzwang. Wird auch im Breisgau verloren, ist die Euphorie vorerst verflogen und härtere Kritik zu erwarten.

Wenn Luhukay übrigens Tipps über den Umgang mit Lob für schönes Spiel und gleichzeitiger Kritik für mangelnde Ergebnisse brauchen sollte, könnte er ja beim Bundestrainer Löw nachfragen.