Ein rosaroter Luftballon wehte im Wind, als Jos Luhukay am Sonntagmorgen auf den Schenckendorffplatz trat. Ein Fan hatte ihn zum Trainingsgelände von Hertha BSC mitgebracht und hielt ihn an einer Schnur, als der Cheftrainer der Berliner mit leerem Blick aus der Kabine kam. Nachdenklich wirkte der Niederländer und besorgt.

Dass seine gedämpfte Gemütslage nicht vornehmlich an der 0:2-Niederlage seiner Mannschaft gegen den VfL Wolfsburg vom Vortag lag, sollte sich erst ein paar Stunden später erklären. Luhukay ahnte schon am Morgen, dass die schöne Euphorie nach dem guten Saisonstart, die einem rosaroten Luftballon gleich über der Stadt schwebte und nicht einmal durch die verdiente Pleite bei den Niedersachsen gedämpft werden konnte, an diesem Tag eine heftige Delle bekommen würde.

Nach dem Auslaufen berichtete Luhukay davon, dass sich sein Spielmacher Alexander Baumjohann in einem Zweikampf fünf Minuten vor Spielende gegen den VfL das Knie verdreht habe und dieses über Nacht dick geworden sei. „Da könnte etwas Schlimmeres passiert sein“, sagte Luhukay und kniff dabei besorgt die Augen zu.

Baumjohann hatte Ronny verdrängt

Gegen Mittag bestätigten sich seine Befürchtungen: Eine Untersuchung ergab, dass sich Baumjohann in Wolfsburg einen Riss des vorderen Kreuzbandes zugezogen hat. „Das ist eine sehr bittere Nachricht für uns“, kommentierte Herthas Manager Michael Preetz die Hiobsbotschaft, den die Meldung von der schweren Verletzung Baumjohanns während eines Auftritts in der Fußball-Talksendung „Doppelpass“ des TV-Senders Sport1 erreichte. „Alex wird wohl sechs Monate ausfallen und das ist unglaublich schade“, sagte Preetz.

Erst Anfang Juni hatte der Manager die Verpflichtung des offensiven Mittelfeldspielers vom Zweitligaklub 1. FC Kaiserslautern bekannt geben können. Baumjohann kam ablösefrei aus der Pfalz nach Berlin und verdrängte in der Saisonvorbereitung prompt den Brasilianer Ronny auf der „Zehner“-Position, immerhin Publikumsliebling und Topscorer der Zweiten Liga.

Schnell deutete sich an, dass sich der Transfer des ehemaligen Schalke- und Bayern-Profis auszahlen könnte, denn der 26-Jährige hatte in den ersten drei Partien mit starken Leistungen und drei Torvorlagen einen maßgeblichen Anteil am überraschend guten Saisonstart der Berliner.

Transferfenster ist noch bis Montag 18 Uhr geöffnet

Nun aber wird Baumjohann Hertha mindestens die komplette Hinrunde, wahrscheinlich sogar auch noch einen Teil der Rückrunde in der Bundesliga fehlen. Deshalb sucht Hertha jetzt noch bis zum Ende der Transferperiode am heutigen Montag eilig nach Verstärkung auf der Position des Spielmachers. Zwar sind Wechsel noch bis 18 Uhr möglich, doch zuvor muss bis 12 Uhr ein Antrag bei der Deutschen Fußballliga eingegangen sein. Die Spieler erscheinen dann auf der Transferliste.

Am Sonntagnachmittag, nachdem Preetz von seinem TV-Auftritt in München wieder in Berlin gelandet war, traf er sich mit Luhukay, um die neuerliche Personalsituation zu besprechen. Beide kamen zu dem Entschluss, dass die bestehende Personaldecke auf der Position des Spielgestalters nach dem Ausfall von Baumjohann zu dünn sei.

Denn neben Ronny, den Luhukay noch in der Saisonvorbereitung wegen mangelnder Fitness angezählt hatte, weist der Hertha-Kader nur noch den erst 18 Jahre alten Hany Mukhtar als potenziellen Spielmacher auf, der derzeit jedoch auch verletzt ist.

Geld für Kevin-Prince Boateng

Das ist den Verantwortlichen zu riskant, und deshalb könnte nun Geld in die Hand genommen werden, das Hertha eigentlich nicht eingeplant hatte. Zur Verfügung stehen die Mittel, denn die Blau-Weißen bekommem durch den Wechsel des ehemaligen Berliners Kevin-Prince Boateng zu Schalke 04 für 12 Millionen Euro vom AC Mailand eine Ausbildungsentschädigung von knapp 500 000 Euro sowie eine Leihgebühr für Pierre-Michel Lasogga, der zum HSV ausgeliehen wird, in ähnlicher Höhe.

Der Markt aber ist derzeit schwierig. Hertha braucht einen Profi, der sofort weiterhelfen kann. Der Brasilianer Caiuby, der Preetz und Luhukay in der vergangenen Zweitligasaison beim FC Ingolstadt nachhaltig beeindruckt hat, ist aus Kostengründen kein Thema. Eine günstigere Lösung wäre Tolga Cigerci, der pikanterweise bei dem Klub unter Vertrag steht, gegen den sich Baumjohann verletzt hat: dem VfL Wolfsburg.

Wolfsburgs Cigerci ist ein Kandidat

Der 21 Jahre alte Deutsch-Türke gilt als Mittelfeld-Allrounder. Nach sechs Bundesligaspielen für den VfL wurde er im Januar 2012 an Borussia Mönchengladbach ausgeliehen. Dort setzte ihn Trainer Lucien Favre in 14 Spielen (ein Tor) nicht nur auf der „Zehn“, sondern auch als sogenannte „Falsche Neun“ im Sturm sowie als rechten Flügelspieler ein.

Auf Nachfrage, ob er bereit sei, den noch bis 2015 unter Vertrag stehenden Cigerci zu Hertha ziehen zu lassen, sagte Wolfsburgs Manager Klaus Allofs am Sonntag vieldeutig: „Warten Sie ab, was morgen um 12 Uhr auf der Transferliste los ist.“ Als sicher gilt, dass er Cigerci keine Steine in den Weg legen würde.